Als Stefan Schlatt zum ersten Mal Versuche an Affen machen sollte, sagte er: "Das tue ich nicht." Er gab seinen Kittel ab und den Schlüssel zum Institut am Uni-Klinikum Münster. Schlatt, gerade am Ende seiner Promotion, war gefeuert. Knapp 30 Jahre später, an einem Tag Ende November, trägt Schlatt einen weißen Kittel und einen Professorentitel und steht in einem modernen Bau auf dem Campus des Uni-Klinikums Münster. Inzwischen leitet er das Institut für Reproduktions- und Regenerationsbiologie, jene Einrichtung, aus der er damals hinausflog. Hierhin hat er eingeladen. Er möchte über Tierversuche reden.

"Was Sie jetzt sehen werden, ist nicht schön. Aber es ist auch nicht schlimm", sagt Schlatt, bevor wir die Zentrale Tierexperimentelle Einrichtung (ZTE) betreten. Seine wichtigste Botschaft will er schon vor dem Betreten der Tierställe loswerden: "Da gibt es nichts, was wir geheim halten müssten." Schlatt weiß, dass er mehrfach angreifbar ist. Er arbeitet nicht nur mit Tieren; er forscht auch an Stammzellen und Embryonen. All das sind in Deutschland hochbrisante Themen. Wer sich als Wissenschaftler darauf einlässt, muss mit Kämpfen rechnen.

Dabei will der Begriff "Kampf" so gar nicht zum beschaulich-katholischen Münsterland passen, zu dieser Idylle, in der man etwas stolz darauf ist, dass nirgendwo in Deutschland die AfD bei der Bundestagswahl so wenige Stimmen bekam wie hier – wo nun der ebenso stämmige wie bodenständige Herr Schlatt sitzt und einigen Menschen auf die Nerven geht. Und das hat mit den Räumen zu tun, die er heute seinem Besucher zeigt.

Dafür oder dagegen? Eine Mitte gibt es bei Tierversuchen nicht

Als wir eintreten, wird es unruhig in der ZTE. Ein strenger Geruch nach Tier liegt in der Luft. Nervöses Zirpen und neugieriges Zwitschern schwirren durch die Luft. Die Anlage ist gut gesichert, ohne Weiteres kommen weder Besucher noch Keime in die Räume. Auch Schlatt hat sich Schutzkleidung übergezogen. Schließlich lebt hier im aseptischen Neonlicht ein halber Zoo. Da hoppeln 14 Kaninchen durch das Stroh, dort stehen 26 Schweine zwischen Gittern auf einer Gummimatte, außerdem gibt es noch 16.000 Mäuse, 240 Ratten, 12 Schafe, 10.000 Zebrafische und 100 Salamander. Und natürlich die Affen.

Schlatt öffnet eine blaue Tür und führt in jenen Raum, in dem seine umstrittensten Forschungsobjekte leben. Insgesamt 150 Affen turnen hier durch die Käfige, darunter eine komplette Kolonie Weißbüschelaffen, die eher possierlich anzusehen sind. Bei den Makaken-Affen hingegen beschleicht den Betrachter ein merkwürdiges Gefühl. Woran liegt das? Vermutlich daran, dass die Makaken, anders als ihre Weißbüschelvettern, Mimik zeigen und man sich unwillkürlich fragt: Was würdet ihr wohl sagen, wenn ihr reden könntet?

An ihrer Stelle ergreift Stefan Schlatt das Wort. "Unseren Tieren geht es hier besser als in jedem Nutztierstall", sagt der international renommierte Mediziner. "Ich kann viel leichter rechtfertigen, warum ich an Affen experimentiere, als zu rechtfertigen, warum ich Schnitzel esse." Dieser Mann, so viel wird klar, begreift sich noch immer als Tierschützer.

Das hat auch mit seiner Biografie zu tun. Parallel zu Biologie studierte Schlatt einst Theologie. Die Frage der Ethik seines Handelns beschäftigt ihn bis heute. So hat er kürzlich in Münster mit Kollegen ein "Leitbild zum ethischen Umgang mit Tieren in der wissenschaftlichen Forschung und Lehre" verfasst, das derzeit für viel Aufregung sorgt. Denn darin erheben die Münsteraner Forderungen zum Schutz der Tiere, die deutlich über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen: So wird die persönliche Verantwortung aller Beteiligten, vom Tierpfleger bis zum Antragsteller, betont und explizit auf die Würde des Tieres verwiesen. Zugleich legt das Leitbild fest, dass Versuche grundsätzlich zu unterlassen sind, die eine bestimmte Belastungsgrenze übersteigen, etwa lang anhaltende starke Schmerzen verursachen.

Schlatt spart dabei nicht an Kritik: "Ich muss meinen Forscherkollegen mitunter unterstellen, dass sie die Würde und Leidensfähigkeit der Tiere nicht ernst nehmen." Das komme schon in dem Begriff vom "Tiermodell" deutlich zum Ausdruck. Bei solchen Aussagen ist es nicht verwunderlich, dass sich viele Kollegen aus biomedizinischen Disziplinen bei der ersten öffentlichen Debatte um das Leitbild heftig gegen das Papier wehrten.

Zugleich beharrt Schlatt aber darauf, dass in manchen Bereichen Tierversuche unvermeidlich seien – etwa in seinem Gebiet, der Andrologie, die sich der männlichen Fortpflanzung widmet. Schlatt forscht über Spermien und muss dafür, so sieht er das zumindest, an Affen experimentieren. Er kastriert die Männchen und transplantiert ihr Hodengewebe in Mäuse, um es später weiter zu untersuchen.

Männliche Unfruchtbarkeit ist ein weitverbreitetes Leiden. Jeder zehnte Mann ist davon in irgendeiner Weise betroffen. Schlatt beschäftigt sich unter anderem mit Jungen, die wegen einer Krebserkrankung eine Chemotherapie durchmachen mussten. Den damit verbundenen Verlust der Fertilität will er durch seine Forschungen wieder umkehren. Dafür müssen bei einem Versuch zwei Primaten kastriert werden und 20 Mäuse sterben. "Wir sind mittendrin in der ganz großen Diskussion", sagt Schlatt. "Dass in der Praxis etwa der Tod einer Maus leichter zu rechtfertigen ist als der eines Affen, kann ich persönlich sehr schwer begründen."

Die Initiative für mehr Transparenz

Auch wenn bei seinen Experimenten keine Affen sterben, ist er für überzeugte Tierschützer eine Reizfigur. Sie werfen Schlatt vor, das von ihm mitverfasste Leitbild enthalte wenig Neues und verbessere die Bedingungen der Tiere kaum. Er hofft, Bewegung in eine Debatte zu bringen, bei der die Fronten verhärtet sind und die in den vergangenen Jahren immer schärfer geführt wurde.

Experimente an Tieren ziehen sich durch die Medizingeschichte. Im 19. Jahrhundert etablierte sich jene Forschungsstrategie, die Tiere als standardisierte Modelle für den Menschen verwendet. Heute werden immer mehr Alternativmethoden entwickelt, und die Zahl der verwendeten Tiere pro Versuch sinkt. Dennoch werden Tierversuche in vielen pharmakologischen oder medizinischen Disziplinen kaum infrage gestellt.

Lange Zeit brauchte sich die Wissenschaft dafür öffentlich nicht zu rechtfertigen. Was in den Laboren vor sich ging, wusste kaum jemand. Seit einigen Jahren aber hat sich die Haltung verändert. Mit dem Wissen über Tiere und ihre Empfindungsfähigkeit wuchs auch das Interesse an ihnen. Inzwischen hat die Debatte über Tierversuche die breite Öffentlichkeit erreicht. Und es sind längst nicht nur Forscher, die sich rechtfertigen müssen, auch die Halter von Nutztieren und Betreiber von Zoos stehen unter Beobachtung.

Deshalb startete im vergangenen Jahr die Allianz der großen deutschen Wissenschaftsorganisationen die Kampagne "Tierversuche verstehen", Anfang dieses Jahres veröffentlichte die Max-Planck-Gesellschaft ein Grundlagenpapier zum Umgang mit Tierversuchen, im Sommer wagte die Universität Hohenheim als erste Hochschule eine Öffentlichkeitsoffensive und machte transparent, wie sie an Tieren experimentiert.

Was in den Laboren passiert, kann verstörend wirken: Ratten haben Implantate im Gehirn; so lässt sich die Aktivität ihres Denkorgans messen. Bei Mäusen wird Parkinson induziert. Kühe haben eine Art Schraubverschluss – als Zugang zu ihrem Magen. Lange waren Bilder, die das zeigen, von den Forschungsinstitutionen nicht gewünscht. Auch in Münster darf nicht in allen Räumen fotografiert werden. Doch wer die Experimente verteidigt, muss sie die Öffentlichkeit auch sehen lassen, damit sie Teil der Diskussion werden. Genau wie das Wissen darüber, ob und wie sehr die Tiere leiden und welchen Nutzen die Versuche haben sollen.

Münster geht nun einen weiteren Schritt voran. Vor fünf Jahren starteten Studierende eine Umfrage zu Tierversuchen, was unter vielen Experimentatoren an der Universität Unruhe auslöste. Aus dieser Initiative ging jene Kommission hervor, die nun das neue Leitbild vorlegte. Wie heikel bei diesem Thema das offensive Werben um Vertrauen ist, zeigt ausgerechnet das Beispiel Münster: Dort ermittelt gerade die Staatsanwaltschaft wegen einer mutmaßlich illegalen Tierhaltung in der Hautklinik. Mäuse waren ohne eine offizielle Genehmigung für einen Versuch genutzt worden. Stefan Schlatt war einer der Ersten, die über einen anonymen Hinweis davon erfuhren. Als er sah, dass seine Informationen stimmten, informierte er die zuständigen Stellen an der Uni und die Amtstierärztin.

So tritt der Biologe einerseits als Bewahrer und Hüter der Tierwürde auf. Andererseits, sagt Schlatt, sei er "der letzte Mohikaner", der in Nordrhein-Westfalen überhaupt noch an Affen experimentiere. Bislang sei er von heftigen Angriffen verschont geblieben, die manche seiner Kollegen erdulden müssen: der Hirnforscher Wolf Singer in Frankfurt etwa, dem Molotowcocktails auf sein Institut geworfen wurden, oder Andreas Kreiter in Bremen, der von Gegnern als Affenfolterer bezeichnet wird.

"Wenn ich mit Tieren experimentiere, dann stehe ich auch dazu"

Warum also wirbt er nun für Tierversuche und begibt sich in die Schussbahn? Für Schlatt ist das keine Frage. "Wenn ich etwas mache, dann stehe ich auch dazu", sagt er. Selbst der Ethiker Johann Ach, mit dem er in der Leitbild-Kommission viel gestritten hat, findet bei aller grundsätzlichen Kritik an Tierversuchen lobende Worte für die Offenheit: "Auch wenn ich glaube, dass viele der Versuche einer ethischen Überprüfung nicht standhalten, sage ich: Wenn man sie schon macht, dann so, wie wir es im Leitbild formuliert haben."

Johann Ach ist Schlatt nicht erst an der Uni begegnet. Die beiden kennen einander aus der gemeinsamen Zeit in katholischen Studentengruppen. Vielleicht liegt es gerade an dieser vielschichtigen Biografie, dass Stefan Schlatt für die Würde des Tieres wirbt – und gleichzeitig Verständnis für Tierversuche einfordert. Dass er für diesen differenzierten Standpunkt nun Kritik sowohl von Tierschützern als auch von Forschern bekommt, stört ihn nicht. Vielleicht weil er weiß: Wer von allen Seiten Prügel bezieht, hat entweder alles falsch gemacht – oder etwas sehr richtig.

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