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In der türkischen Politik steht Koalition quasi für Chaos. Man meint, das Land habe unter Koalitionen arg gelitten. Dabei waren nur 16 von 65 Regierungen Koalitionen.

In den Siebzigern gab es schwierige Koalitionen, Mitte-rechts und Mitte-links, die Vertreter der beiden politischen Hauptadern des Landes, konnten nicht übereinkommen, das Parlament konnte sechs Monate lang keinen Staatspräsidenten wählen.

Schließlich übernahm 1980 das Militär die Macht. Es erhöhte die Sperrklausel bei Wahlen auf zehn Prozent, um starke Regierungen zu ermöglichen und extremistische Parteien zu schwächen. Außerdem erließ man ein Politikverbot gegen die Garde der alten Politiker. So kam Turgut Özal als Ministerpräsident allein an die Regierung.

Nach der Aufhebung des Politikverbots 1987 lebte die Epoche der Koalitionen erneut auf. Mitte-rechts und Mitte-links gingen 1991 eine große Koalition ein, die allerdings nicht lange hielt. Hier wurden die ersten Pflastersteine auf Erdoğans Weg zur Macht gelegt.

1994 gingen Mitte-rechts und Mitte-links in Istanbul mit je zwei Parteien in die Regionalwahlen. Die mit 17 Prozent neu ins Parlament eingezogene Wohlfahrtspartei stellte Erodğan als Bürgermeisterkandidaten auf. Das Ergebnis lautete dann 37,5 Prozent für beide Mitte-rechts-Kandidaten zusammen und 32,6 Prozent für die beiden von Mitte-links.

Als dann aber in keiner der Gruppierungen eine Einigung zustande kam, zog Erdoğan mit 25 Prozent an ihnen vorbei. Seither hielt er Istanbul fest in der Hand, bis hin zum jüngsten Referendum.

Zuletzt wurde die Türkei Ende der Neunziger von einer Koalition regiert, die von der Krise 2001 hinweggefegt wurde. Das vom Militär installierte System mit dem Grundsatz "Es herrsche Stabilität, keine linken und islamistischen Parteien im Parlament" nutzte letztlich den Islamisten und brachte Erdoğan 2002 an die Macht.

In seinen 15 Regierungsjahren strauchelte Erdoğan nur ein Mal: 2015 verlor er fünf Millionen Stimmen (10 Prozent) und kam nur auf 40 Prozent.

Damit konnte er keine Regierung bilden. Erstmals wurde eine "GroKo" mit den Sozialdemokraten erwogen. Die Chefs der beiden großen Parteien verhandelten, doch Staatspräsident Erdoğan hatte anderes vor: Er glaubte, der von ihm eingeleitete Friedensprozess mit den Kurden habe ihn den Wahlsieg gekostet. Er nahm einen Anschlag der PKK zum Vorwand, um die Friedensverhandlungen zu kippen, brach die Suche nach einer politischen Lösung ab und kehrte zur militärischen Option zurück. "Wir befinden uns im Krieg, es braucht eine starke Regierung", lautete seine Botschaft, und: "Gebt uns 400 Abgeordnete, lösen wir die Sache friedlich."

Die Koalitionsverhandlungen scheiterten, fünf Monate darauf gab es Neuwahlen. Erdoğan holte die fünf Millionen Stimmen zurück und hatte wieder 50 Prozent.

Die Türkei wird aus vielen Gründen von Tag zu Tag autoritärer, aber auch diese Faktoren stabilisieren die Autokratie und die Ein-Mann-Herrschaft: die Zehn-Prozent-Hürde, die Pluralismus verhindert, aber die starken Parteien größer macht; eine mangelnde Verständigungstradition; die Angst vor Chaos durch Koalitionen; und die Überzeugung, für Stabilität könne nur eine Ein-Parteien-Regierung sorgen.

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe