Ein Abend in feiner Gesellschaft

Neuer Jungfernstieg, Amsinck-Haus. Die Gegend ist teuer, das Gebäude historisch bemerkenswert, Eigentümer und Nutzer auch: Übersee-Club Hamburg, "Verein zur Förderung des Austauschs zwischen Wirtschaft und Wissenschaft", gegründet 1922, in seiner aktuellen Online-Selbstbeschreibung "einer der zentralen Orte unserer Hansestadt, an dem sich herausragende Köpfe aus Wirtschaft, Politik, Kultur und Wissenschaft begegnen". Der Binnenländer denkt an Gorch Fock, Hummer und Große Fahrt und erwartet am Vorstandstisch Teilnehmer des Admiral’s Cup.

Falsch. Die zutreffende Assoziation lautet: Bankiers, Vorstände, Seniorpartner. Im Übersee-Club treffen sich Menschen, die sicher sind, niemand anderes als sie seien bestimmt, dort Mitglied zu sein. Dass man in Blankenese wohnt, ist nicht vorgeschrieben, aber nützlich. Ein sogenannter Aufnahmestopp soll die bürgerlich-gemütliche Übersichtlichkeit sichern. Wir hören noch davon.

Erster Satz: Allegro moderato

Die Einladung zu einem Vortrag war ein bisschen überraschend, löste beim eingeladenen Autor aber keine speziellen Besorgnisse aus. Irgendein Mitglied, so hörte er, habe sie angeregt. Die Absprachen liefen problemlos. Honorar natürlich keines: Die alte Weisheit "Was nichts kostet, ist auch nichts wert" wird von den herausragenden Köpfen nur tagsüber und in eigenen Geschäften vertreten; am Abend darf sich geehrt fühlen, wer zu ihnen sprechen darf. Themenabsprache: Irgendwas Aktuelles, wie wär’s mit G20? Der Vorschlag "Welche Sicherheit brauchen wir?" wird akzeptiert; Untertitel: Anmerkungen zur kriminalpolitischen Debatte.

Zweiter Satz: Andante impensierito calando

In informierten Kreisen des Clubs sollen vor dem Termin erste Zweifel aufgekommen sein: Der Referent könne möglicherweise irgendwie nicht passen, er sei "umstritten". Und das ist anscheinend keine gute Voraussetzung für das, was man sich an der Binnenalster unter einem gelungenen Dienstagabend vorstellt.

Daher liegt beim Eintreffen des Gastes eine gewisse Spannung über der Szene. Er kommt, wie meist, etwas knapp; man wartet ein wenig ungehalten. Kurzes Briefing durch den heute amtierenden Vizepräsidenten. Nicht alle Namen von Vorstandsmitgliedern örtlicher Unternehmen in vergangenen und gegenwärtigen Vereinsämtern kann sich der Gast merken, möchte es allerdings auch nicht.

Dritter Satz: Grave giusto

Auditorium, 120 Personen, zweigeteilt: Frontal vor dem zwischen Wand und erster Stuhlreihe eingeklemmten Rednerpult das Hauptfeld. Man darf sich zur Fantasie-Anregung zunächst die Herren Waldorf & Stadler vorstellen (Muppets-Show, Balkon); weiterhin, jeder der beiden sei mit einer erheblichen Anzahl von Klonen erschienen, schließlich, ein Drittel der jeweils 20 Herren habe zugehörige Damen mitgebracht. Damit hätten wir die Reihen eins bis fünf einigermaßen erfasst; Ausnahmen leuchten hier wie überall. Dahinter verliert sich die Elite im Gegenlicht. Abteilung zwo sitzt rechts auf der Treppe: die Jugend. Dresscode: Die Herren sind gehalten, Krawatte zu tragen; die Damen, sich angemessen zu verhüllen. Beides zusammen führt zu einer grau-schwarzen Masse. Die Jugend im Einheitslook: dunkelblauer Anzug, spitze braune Schuhe, großzügige Gel-Verwendung im Haupthaar.

Der Gast hat die zuvor genehmigte Begleitung mitgebracht, die allerdings nicht aus einer ältlichen Gattin (oder einem silberhaarigen Lebenspartner) besteht, sondern aus einer beunruhigend jungen und noch dazu blonden Strafrichterin, deren Connection zum Vortragenden in den nächsten Stunden Anlass zu unauffälligen Ausforschungsfragen gibt. Beruhigendes Indiz: Gast und Begleitung siezen sich und kommen getrennt; irritierend allerdings: Abreise im selben Taxi.

Vierter Satz: Vivace con espressione

19.00 Uhr. Die Anmoderation durch den Herrn Vizepräsidenten unternimmt den Versuch, dem Abend durch kühne Vorab-Assoziationen einen Kurs in Richtung rettendes Ufer zu geben.

Zunächst ein paar zusammengeklickte Biografie-Schnipsel: Unser heutiger Vortragsredner hat einst in einer Kommune gewohnt (Murmeln im Saal), nach Jura noch Soziologie studiert (verstärktes Murmeln), dann aber als Paketzusteller gearbeitet (gelöste Heiterkeit). Überleitung: Unser Gast ist vielleicht manchen von Ihnen, liebe Mitglieder, durch seine gelegentlich launigen Beiträge in der Presse bekannt (Schweigen). Im Hauptfeld wird von kundigen älteren Damen verbreitet, der Vortragende schreibe, soweit man wisse, regelmäßig in der Welt.

Schon bald ereilt das Auditorium ein erster Schock

Anlauf zum Höhepunkt: Unser Gast stammt aus dem Sauerland. Dort liegt, wie Sie, liebe Mitglieder, sicher wissen, Lüdenscheid, die Stadt, welche einst Herrn Müller-Lüdenscheid hervorbrachte, der bei Herrn von Bülow in der Badewanne saß (Lachen, Beifall). Wunderbar! Und so, liebe Anwesende (Stimmlage drängend), bin ich sicher, dass auf uns ein kurzweiliger Vortrag wartet, in dem auch die eine oder andere nachdenkliche Anmerkung nicht zu kurz kommen wird! Jeder im Saal weiß, dass dies die größtmögliche Vorab-Distanzierung war, die an dieser Stelle geäußert werden durfte.

Fünfter Satz: Andante con moto

An mir soll’s nicht liegen! Schon bald ereilt das Auditorium ein erster Schock: Die G20-Randale war, sagt der Redner, nicht unerheblich geprägt durch einen dissozialen "Vandalismus als Selbst-Darstellung", ausgeübt von dummen Menschen, denen es um nichts ging außer um die Präsentation einer Selbstverwirklichung – was immer das sein mag. Das kann und sollte man verachten und bestrafen. Man sollte dabei aber, wenn man an Ursachen interessiert ist, nicht vergessen, dass die Mentalität der Selbst-Performance auch und gerade da triumphiert, wo sie den "Spirit" der Start-ups und der sich in lauter Selbst-Optimierung zerlegenden bürgerlichen Welt widerspiegelt. Was im Fleischwolf der gesellschaftlichen Formung unten als planlose Destruktivität ankommt, ist vielleicht nur eine adäquate Imitation dessen, was oben an dissozialer Planlosigkeit hineingestopft wird. Anders gesagt: Was dem Erben das Selfie mit dem ersten Porsche, ist dem flackernden Schuhputzer ohne Law-School und MBA-Abschluss vielleicht ein Selfie mit Grillanzünder auf Porsche-Reifen.

Ähnlich Verwirrendes war im Folgenden noch des Öfteren zu hören, allerdings auch mancherlei Vertrautes und sogar das eine oder andere Scherzlein. Aber die Sache war stimmungsmäßig nicht mehr zu retten. Der Gang der Worte und Argumente soll daher hier nicht weiter ausgebreitet werden. Sagen wir es so: Die Zeit verging, die Gesichter wurden müder, nicht freundlicher. Aus der Perspektive des Rednerpults schien es ab Minute 30, als schließe sich das eine oder andere lebenserfahrene Auge schon in fernen Träumen. Am Ende überzog der Gast um geschlagene 15 Minuten. Herr Vizepräsident musste mehrmals zur Uhr blicken. Vom Rednerpult ein letzter schwacher Aufruf zur theoretischen Differenzierung, dann war es vollbracht. Liebe Mitglieder, ich nehme an, dass Sie keine Fragen mehr haben, sagt der Vizepräsident, während die ersten schon fliehen. Ja, das habe ich mir gedacht!

Ein Letztes noch: Vielen Dank an unseren Gast, dem wir hiermit ein Konfektschälchen aus Porzellan überreichen wollen. Der Geschäftsführer hält an dieser Stelle das Muster eines kleinen Schälchens aus weißem Porzellan hoch, damit alle sehen können, dass auch dem heutigen Gast ein Konfektschälchen aus Porzellan überreicht wird. Es handelt sich – Tremolo – um ein Schälchen aus Meißner Porzellan. Fantastisch! Sie können es, sagt der Vizepräsident, auch als Aschenbecher benutzen. Der Gast ist gerührt. Ein so schönes Konfektschälchen hat man ihm selten geschenkt. Nun aber endlich: Wir bitten zu Tisch!

Zwischenspiel: Minuetto

Aufstieg zum Speisesaal. Gedränge am Handlauf; etwas mehr Luft an der Außenwand. Murmelnd schiebt sich die Elite nach oben, jeden Blickkontakt mit dem ermatteten Vortragsredner vermeidend. 26 Stufen, ach, da ist ja der Tisch, wie schön, möchten Sie bitte hier, guten Abend guten Abend. Vorstands- und Ehrentisch. Gast mittig. Links Vizepräsident. Rechts eine Dame, die sich drei Sekunden nach einem fast berührungslosen Handshake um circa 30 Grad nach Nord-Nordost, also nach schräg rechts, verdreht, und in dieser Position 90 Minuten aushält, auch beim Essen. Nie musste ich eine Tischdame erleben, die mir so konsequent die linke Schulter zukehrte. Weitere Worte wurden nicht gewechselt; auch die spätere Verabschiedung entfiel.

Überhaupt nahmen am etwa 14-köpfigen Ehrentisch etwa acht Personen Platz, die dem Gast weder vorgestellt wurden noch im Verlauf des Abends kommunikative Signale an ihn sandten. Seine Begleitung war irgendwie schräg gegenüber untergebracht. Ihm gegenüber: Eine ehemalige Ministerin. Ernstes Nicken. Rechts hinten, für ein Gespräch zu weit entfernt, ein bekannter Strafverteidiger, an der Stirnseite ein berühmter Rechtswissenschaftler. Gelegentlich weht von dieser Tischseite ein "Ich sage immer ..." herüber oder ein "Mein Mann sagt immer ..."; ansonsten bleibt der akustische und weithin auch der optische Zugang durch die linke Schulter der Tischdame versperrt. Die Betreuung des Eindringlings bleibt also dem Vizepräsidenten am Fuß kleben.

Sechster Satz: Moderato risoluto

Ach ja, die Kriminalpolitik. Strafrecht muss sein, aber es gibt schönere Berufe, Notar zum Beispiel. Da wird alles vorbereitet, und man muss nur unterschreiben.

Kriminalpolitisch steht der Rechtsstaat auf der Kippe. Die Justiz lässt die Verbrecher frei herumlaufen. Stattdessen werden jetzt wir (jawohl, er sagt "wir"!) verfolgt. Da wird ein Thomas Middelhoff verurteilt "wegen ein paar läppischer Hubschrauberflüge", und die Bekämpfung der wirklichen Kriminalität wird völlig vernachlässigt. Wenn zum Beispiel der Ehefrau eines Notars die Handtasche gestohlen wird, und die Polizei ermittelt die Verdächtige, aber die Staatsanwaltschaft hält es für nicht erfolgversprechend, eine Wohnungsdurchsuchung zwecks Auffinden des Handtascheninhalts durchzuführen, und stellt die Sache im Hinblick auf weitere anhängige Verfahren gegen die Verdächtige ein – kann sich der Bundesrichter eigentlich vorstellen, wie in dem Verbrechensopfer jedes Vertrauen in einen solchen Staat zerstört wird?

Der finale Todesschuss

Interruptio 1: Das Vorsüppchen kommt. Köstlich, köstlich! Etwas anderes darf man sowieso nicht sagen. Ist ja auch völlig wurst; irgendein Kürbis-Schaum-mit-Irgendwas wird es schon gewesen sein.

Und überhaupt: Da wird in München beim NSU-Prozess eine absurde Schau politisch hochgekocht, die die Ressourcen der Justiz vergeudet. Was soll denn da ermittelt werden? Es ist doch ganz egal, ob die Zschäpe zwei oder zehn Morde begangen hat; das ändert doch am Strafmaß nichts! Die kann man doch in ein paar Tagen verurteilen ...

Der Gast greift, nun unterstützt von seiner Begleitung, zu Mitteln der argumentativen Notwehr: Ich finde, sagt er, diese Überlegung ehrlich gesagt ziemlich fernliegend. Damit endet auch dieses hoffnungsvolle Tischgespräch abrupt. Zum Glück folgt aber nun ...

Interruptio 2: ... der Hauptgang: 300 Gramm stark zermürbte Ochsenschulter an irgendwas. Alle Teller sehen völlig gleich aus. Oh, das sieht aber gut aus. Ja, meines sieht auch gut aus. Wie ist Ihres? Köstlich, auch die Sauce! Und wie ist Ihres? Sehr gut! Und Ihres? Wunderbar! Ja, wir haben wirklich Glück mit unserem Koch. Man soll ja nicht mehr so viel Fleisch essen. Ach Gott, wenn es danach ginge, dann dürfte man ja gar nichts mehr essen. Jedenfalls köstlich! Und der Wein erst! Also wir kaufen immer direkt beim Winzer. "Ich sage immer ..."

Fünfter Satz: Adagio, cantabile

Dem Gast wird ein Zettel gereicht: Eine nicht genannte Dame aus dem Auditorium fragt, wieso er behauptet habe, junge Unternehmer seien Verbrecher. Der Gast schweigt.

Sechster Satz: Lento, morendo

Versuch zur Kontaktaufnahme mit dem herausragenden Kopf der Ministerin a. D. Der Kopf spricht Sätze über den Tisch, deren Bedeutung sich dem Gesprächspartner nicht wirklich erschließt. Der Gast wird als "BGH-Präsident" bezeichnet. Er weiß nicht, ob es sich um einen Versprecher, einen Irrtum oder die seit 45 Jahren überholte Annahme handelt, Senatsvorsitzende hießen "Präsidenten". Also mal vorsichtshalber so tun, als überhöre man das. Seine biografische Verlegenheitsfrage, wann die Dame ihr letztes öffentliches Amt aufgegeben habe, wird mit dem finalen Todesschuss beantwortet: "Sie interessieren sich wohl nicht für Politik?" Na gut, lassen wir das.

Außerdem kommt, kurz vor dem ebenfalls einmal wieder vorzüglichen Sorbet, noch rasch eine Dame vorbei, die sich beim Vizepräsidenten herzlich bedanken möchte "für den Müller-Lüdenscheid. Einfach köstlich!"

Siebter Satz: Andantino, espressivo non troppo

So, dann wollen wir mal. Ist ja auch schon spät. Schönen Dank noch mal.

Die Begleiterin des Gastes wurde übrigens darauf hingewiesen, dieser Club sei genau das Richtige für sie. Der sogenannte Aufnahmestopp stehe nicht entgegen; er solle ja nur sichern, "dass wir uns unsere Leute ein bisschen aussuchen können".

Coda: "Zoot Allures" (Frank Zappa)

Ach ja, unsere Binnenalster! Als der Autor fünf Jahre alt war, erkrankte seine Mutter und verschwand für sechs Monate aus seinem Leben. Er wurde ins ferne Hamburg verschickt, wo er bei einer vage als "Tante" bezeichneten, kriegsbedingt geisteskranken Frau untergebracht war, die eine Tochter hatte, die ihrerseits einen Gatten hatte, der eine Kneipe in Harburg betrieb. Dort saßen Werft- und Hafenarbeiter, die Fahrrad oder Moped fuhren und im Dreischichtbetrieb am fremden Reichtum bauten. Ihren Kindern geht es besser, sie werden später 42 Prozent ihres Nettolohns als Rente kriegen. Davon kann man schon fast die Hälfte des Pflegeheims bezahlen.

In Harburg jedenfalls überrollte den Autor im Jahr 1958 ein 100-Liter-Bierfass der Länge nach. Außerdem trank er dort zum ersten Mal Cola und aß seine erste Erdnuss. Und schließlich sah er zu fortgeschrittener Stunde das erste cineastische Kunstwerk seines Lebens. Das war im Hinterzimmer der Kneipe, in dem sich ein großes Bett befand. In ihm lagen und schliefen: die verrückte Tante, ihre Tochter, der Gatte der Tochter, ein später Gast und Freund des Hauses, der Schäferhund der Familie sowie der fünfjährige Bundesrichter in spe. Zuvor betrachtete man das Geschehen im Schwarzweiß-Röhrenfernseher. Es ging um eine Bohrinsel, eine super aussehende Frau und mehrere Krokodile. Der Rest ist mir entfallen.