Ungarn war einmal ein kommunistisches Land. Ein Mann namens Viktor Orbán hat dagegen tapfer gekämpft – 1989 stürzte das kommunistische Regime. 26 Jahre später rollte Viktor Orbán, inzwischen ungarischer Ministerpräsident, den chinesischen Kommunisten den roten Teppich aus. So ändern sich die Zeiten.

In Budapest tagte Anfang dieser Woche ein Gipfel der 16 + 1-Staatengruppe. Das sind 16 mittel-, südost- und osteuropäische Staaten, darunter elf EU-Mitglieder, plus China. Ausgerechnet der Mann, der sich gerne als Verteidiger des christlichen Abendlandes aufspielt, diente bereitwillig als Türöffner. Sein Gast aus Fernost trat sehr selbstbewusst auf, bei so viel Willfährigkeit hatte er auch allen Grund dazu.

Der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang hatte in Budapest zwei Milliarden Euro im Gepäck, "für Investitionen in die Infrastruktur". Er sprach von einem Investitionsvolumen in der Region von insgesamt 58 Milliarden Dollar. Es war eine Szene wie aus einer verkehrten Welt: Normalerweise sind es westliche Regierungschefs, die fremden, armen Ländern Investitionen zusagen. Der Westen spricht dann oft von "Marshallplänen". Einen solchen Begriff haben Chinas Kommunisten noch nicht. Trotzdem treten sie als sendungsbewusste Investoren und großzügige Wohltäter auf. Für China lohnen sich die Investitionen in jedem Fall. Stück für Stück gewinnt Peking an Einfluss.

China nutzt die Risse innerhalb der EU aus, die sich in den letzten Jahren aufgetan haben. Griechenland, Ungarn, Polen oder Tschechien – all diese Länder entfremden sich aus jeweils unterschiedlichen Gründen von der EU. Peking hat das registriert und darauf reagiert. Das Format 16 + 1 wurde 2012 gegründet, als viele EU-Staaten infolge der Finanzkrise ziemlich klamm waren. Chinas Strategie ist denkbar einfach: Kann es einzelne Mitgliedsstaaten für sich gewinnen, sitzt es im Europäischen Rat als unsichtbarer, doch mächtiger Akteur mit am Tisch. Es gab jüngst mehrere Fälle, bei denen Mitgliedsstaaten im Rat im Sinne der chinesischen Regierung stimmten.

Viktor Orbáns Ungarn ist den Chinesen besonders nah. Der Premier pflegt spätestens seit 2010 engen Kontakt zu Pekings Kommunisten. Er will sein Land zu einem Brückenkopf für China machen. In dieser Funktion haben die ungarischen Behörden schon wertvolle Dienste geleistet. 2013 verkauften sie für Millionen Euro Aufenthaltsgenehmigungen an rund 10.000 Chinesen und verschafften ihnen damit den Zugang zum europäischen Schengen-Raum.

Die Verbindung zu Ungarn soll weiter ausgebaut werden. Anfang des Jahres stellte China sein 900 Milliarden Euro schweres Megaprojekt "Neue Seidenstraße" vor, geplant ist ein enges Handelsnetzwerk zwischen Asien und Europa. China will die Eisenbahn von Budapest nach Belgrad ausbauen, dann die Strecke bis nach Athen und hin zum Hafen von Piräus weiterführen, den die halbstaatliche chinesische Reederei Cosco 2016 gekauft hat. Über Piräus sollen noch mehr chinesische Waren und chinesische Touristen nach Europa kommen.

Doch das alles ist eben nur die materielle Seite des Verhältnisses zwischen China und Orbán. Es geht auch um Ideologie und die Gestaltung der politischen Ordnung. Es geht um den geopolitischen Wettbewerb zweier politischer Systeme. Orbán macht daraus kein Geheimnis, und er verbirgt auch nicht, in welchem Lager er steht. Bei einem Besuch in Peking im Mai 2017 sagte er: "Das alte Modell der Globalisierung geht seinem Ende entgegen, der Osten hat mit dem Westen gleichgezogen, und ein beträchtlicher Teil der Welt hat genug davon, von den westlichen Industrienationen über Menschenrechte und Marktwirtschaft belehrt zu werden!"

Ein scharfe Attacke auf Wertefundamente des Westens, geritten vom Ministerpräsidenten eines EU-Mitgliedsstaates. Genauso hätten die ungarischen Kommunisten argumentieren können, die Orbán einst entschlossen bekämpfte. Heute sind solche Sätze Musik in den Ohren von Chinas Kommunisten. Denn sie haben nicht nur Geld im Gepäck, sondern auch eine autoritäre Ideologie – Orbán dient dabei als Kofferträger.