Gerade hat der Finanzsenator wieder Steuereinnahmen in Rekordhöhe verkündet. Die Wirtschaft wächst beständig, noch nie gab es so viele Arbeitsplätze in der Stadt. Hamburg geht es so gut, dass diskutiert wird, ob man dieses anstrengende Wachstum nicht vielleicht etwas bremsen sollte. Schönes Hamburg, glückliches Hamburg.

Wirklich? Leider nein. Denn trotz der vielen guten Nachrichten bereitet die Entwicklung der Hamburger Wirtschaft Sorge. Im Jahr 2016 wuchs die Wirtschaftskraft nur im Saarland schwächer als in Hamburg. Ein Ausnahmejahr? Leider nein. Gigantische Steuereinnahmen werden derzeit überall verkündet, genauso wie Rekorde bei Beschäftigungszahlen. Doch seit 2006 hat sich Hamburgs Wirtschaft deutlich schlechter entwickelt als die deutsche Wirtschaft insgesamt, gemessen am Bruttoinlandsprodukt.

Die harte Wahrheit ist: Die Stadt droht den Anschluss zu verlieren. Hamburg ist so sehr damit beschäftigt, die eigenen Erfolge zu feiern, dass es die Entwicklung anderswo ausblendet. Das könnte fatal enden in einer Zeit, in der sich die Wirtschaft so grundlegend verändert wie lange nicht.

In der Stadt wird über diese Probleme kaum gesprochen. Dabei liegen die Fakten auf der Hand. Wenn Ökonomen wissen wollen, wie sich die Leistungsfähigkeit einer Stadt oder Region entwickelt hat, messen sie die Produktivität. Sie schauen also, wie viel ein durchschnittlicher Arbeitnehmer in einer Stunde durchschnittlich erwirtschaftet. In Deutschland rechnen die Experten der Statistikämter diesen Wert regelmäßig aus. Das Ergebnis: In Hamburg ist die Produktivität seit 2006 gerade einmal halb so stark gestiegen wie in Deutschland insgesamt. Kein anderes Bundesland hat sich so schlecht entwickelt. Berücksichtigt man die Inflation, ist die Produktivität sogar gesunken, das heißt: Hamburg ist das einzige Bundesland, in dem der durchschnittliche Arbeitnehmer heute weniger erwirtschaftet als vor der Finanzkrise.

Ist das ein Problem? Wenn Hamburg schwächer wächst, steht die Stadt wirtschaftlich immer noch an der Spitze der Bundesländer. Erst zum Weltspartag jubelte die Haspa, dass in keinem Bundesland die Wirtschaftskraft pro Kopf so hoch sei wie hier.

Das stimmt und ist dennoch gleich doppelt irreführend. Zum einen verschleiern die Durchschnittswerte die Einkommensunterschiede: In keinem Bundesland ist die soziale Kluft so groß wie in Hamburg. Zum anderen steht Hamburg nur deshalb an der Spitze, weil hier eine Großstadt mit Flächenländern verglichen wird, also mit ländlichen Regionen, in denen die Wirtschaftskraft per se niedriger ist. Vergleicht man Hamburgs Wirtschaftskraft je Einwohner mit anderen Großstädten, ist die Stadt weit entfernt von der Spitzenposition: Teilweise mit großem Abstand vor Hamburg liegen etwa Ingolstadt, Wolfsburg, Schweinfurt, Erlangen, Regensburg, Stuttgart, Coburg, Ludwigshafen, Düsseldorf, Ulm, München, Aschaffenburg, Darmstadt, Passau, Mannheim, Karlsruhe und Wiesbaden. Und dieser Abstand ist zuletzt noch gewachsen.

Hamburg erscheint den Hamburgern oft als der FC Bayern unter den deutschen Städten. Angemessener wäre der Vergleich mit dem HSV: Die Stadt kämpft um ihren Platz in der ersten Liga, aber es gibt Anzeichen, dass der Abstieg bevorsteht. Das zeigt auch der Blick auf einige Studien:

Das Hamburgische Weltwirtschaftsinstitut (HWWI) und die Berenberg-Bank haben die größten Städte Deutschlands verglichen. Im Trendindex, mit dem die Veränderung der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit gemessen wird, erreichte Hamburg nur Platz 14 von 30.