Höcke hat Besuch – Seite 1

"Hier ist die AfD-Totenkopfstandarte, du wirst erschossen, du Sack! Die Stelen kommen weg, sonst raucht es!", hat der Mann am Telefon gebrüllt. Philipp Ruch, der Gründer des "Zentrums für Politische Schönheit", sitzt in seinem Berliner Büro und schält eine Mandarine. Der Anruf galt ihm und seinen Mitstreitern, und inzwischen sind an die hundert weitere Morddrohungen eingegangen – seit die Aktivisten vergangene Woche vor dem Haus des Thüringer AfD-Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke einen Nachbau des Berliner Holocaust-Mahnmals enthüllt haben. Ruch wirkt gut gelaunt. Je mehr Aufmerksamkeit, desto besser.

In seinem Vorzimmer rufen im Minutentakt Journalisten an, die Aktion läuft auf allen Kanälen. Ein Mitarbeiter gibt Ratschläge, wie man sich der Presse gegenüber verhalten soll, ein paar Statements seien schon ganz gut angekommen, die müsse man wiederholen. Björn Höcke hat Ruch und die anderen Künstler als "Terroristen" bezeichnet, die wiederum bezeichnen ihn als Nazi. Gerade hat Ruch mit der Polizei telefoniert und Anzeige erstattet, eine Stele des Mahnmals wurde offenbar letzte Nacht beschädigt. Auf Facebook kündigen die Aktivisten an, das Schlaftagebuch von Höckes Frau zu veröffentlichen und was Höcke an Hitlers Geburtstag getrieben hat. So soll es nun täglich weitergehen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen versuchter Nötigung gegen die Aktionskünstler.

Philipp Ruch sagt: "Das Zentrum wurde gegründet, um Hetzern das Leben zur Hölle zu machen."

Bornhagen, Montag, 20. November: Ein Dorf in Thüringen wird zur Kampfarena der Weltanschauungen. Etwa zwanzig junge Männer und Frauen rammen 24 Stelen in einen Garten. Es ist kalt und windig und regnet seit Tagen. Der Garten gleicht einer Schlammbrache, er ist mit Zeltplanen und Mülltüten überspannt, immer wieder reißt der Wind ein Stück herunter, dann entlädt sich ein Schwall Wasser auf die Männer und Frauen vom Zentrum für Politische Schönheit. Die Stelen wurden mit Lastwagen hierher transportiert, am Ende werden sie bis zu zwei Meter hoch aus dem Boden ragen. Björn Höcke, der Bewohner des großen, 500 Jahre alten Pfarrhauses weiter oben am Hang, wird einen guten Blick auf sie haben, wenn er aus dem Fenster schaut.

Im vergangenen Januar hat Höcke das Berliner Holocaust-Mahnmal in einer Rede in Dresden als "ein Denkmal der Schande" bezeichnet, das sich kein anderes Volk in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hätte. Nun bekommt er sein persönliches Holocaust-Mahnmal in Miniatur.

Tagelang haben die Aktivisten am Aufbau der Stelen gearbeitet, seit dieser Nacht hilft ihnen eine Firma. Die Handwerker ahnen nicht, was sie dem AfD-Politiker da in den Nachbargarten stellen.

Drinnen, in der Wohnung der Aktivisten, stehen ein paar alte Sofas, Matratzen liegen auf dem Boden, überall Rucksäcke und Klamotten. Im Korridor hat sich ein Schlammpfad gebildet, die Aktivisten nennen ihn die "braune Thüringer Straße". Morius Enden meint, man müsse jetzt bald einmal sauber machen. Er ist 26, hat Politikwissenschaften studiert und ist seit drei Jahren beim Zentrum. Den Nachbarn über ihnen hat er erzählt, eine Freundin bereite eine Verlobungsparty vor, sie bauten dafür eine Fotoausstellung in den Garten. Die Nachbarn fanden die Idee entzückend. Sie baten nur darum, dass es nachts nicht so laut werde, der kleine Sohn müsse schlafen.

Eigentlich sollte das Mahnmal schon an jenem 20. November enthüllt werden. Aber in der Nacht hat der FDP-Vorsitzende Christian Lindner den Plan zerstört und Björn Höcke gerettet. Vorerst. Die Jamaika-Koalition ist gescheitert. Philipp Ruch und die anderen haben deshalb entschieden, die Enthüllung um ein paar Tage zu verschieben. "Sonst landen wir irgendwo im Feuilleton", sagt Ruch. Deutschlands Journalisten interessieren sich jetzt für die nächste Bundesregierung und nicht für ein paar Aktionskünstler in Thüringen.

Bornhagen, ein Dorf mit 300 Einwohnern, nur wenige Kilometer von der ehemaligen innerdeutschen Grenze entfernt, wirkt wie ein Wirklichkeit gewordenes Postkartenmotiv. Sanfte Hügel, Fachwerkhäuser, eine Burgruine. Hier wohnt Björn Höcke mit seiner Frau und den vier Kindern. In Interviews nennt er das Dorf "mein Refugium". Die Berliner Künstler sind gekommen, um ihm diesen Rückzugsort zu nehmen.

Zwei Tage später, Mittwoch, 22. November, die Aktion beginnt: Die jungen Männer und Frauen haben die Zeltplanen abgenommen, mehrere Kamerateams laufen durch den Stelen-Garten. Der Nachbar von oben, der an die Verlobungsgeschichte glaubte, schaut aus dem Fenster und sagt: "Kein Kommentar." Später steigt er ins Auto und fährt weg, es wirkt wie eine Flucht.

Auf der Straße vor dem Haus steht Franz Brumm, ein älterer Herr, auch er ein Nachbar und, wie er selbst sagt, der beste Kumpel von Björn Höcke. Er brüllt: "Ihr Dreckspack, lasst die Familie Höcke in Ruhe!" Brumm sieht aus, als wolle er gleich die Wohnung der Aktivisten stürmen. Ein kurzer Ausblick auf das, was noch folgen wird an diesem Tag.

Gegen elf Uhr klingeln zwei Polizisten an der Wohnungstür, Morius Enden und eine weitere Mitarbeiterin des Zentrums öffnen.

"Wie lange soll das gehen?", fragt einer der Beamten. Die Aktivisten antworten, das wüssten sie nicht. Die Polizisten ziehen wieder ab.

Zur selben Zeit läuft im Netz bereits eine Spendenkampagne für die Mahnmal-Aktion. Am Ende werden fast 100.000 Euro zusammenkommen, das würde für die nächsten sechs Jahre reichen. Ein auf der Website des Zentrums veröffentlichter Film beginnt mit dem Satz: "Stellen Sie sich vor, in Ihrem Land hetzt wieder ein Rechtsradikaler." Bilder von Höcke. "Stellen Sie sich vor, Menschenhass wird wieder parteimäßig organisiert." Höckes Haus und Grundstück in Bornhagen werden eingeblendet. Der Sprecher sagt: "Das Zentrum wohnt seit zehn Monaten Zaun an Zaun zum Posterboy der Rechten." Man sieht einen Mitarbeiter hinter einer Gardine hervorspähen, in Tarnkleidung mit Fotoapparat durch die Hügel streifen. Der Thüringer Verfassungsschutz habe bei der Verfolgung des rechtsextremen NSU versagt, sagt der Sprecher, der Bundesverfassungsschutz beobachte Höcke nicht, deshalb gründe das Zentrum für Politische Schönheit nun einen "zivilgesellschaftlichen Verfassungsschutz".

Es folgen Aufnahmen von Orten, an denen Höcke in den vergangenen Monaten offenbar gewesen ist: ein Baumarkt, ein Haus mit Swimmingpool, ein Hotelzimmer in Erfurt.

Schnitt, Höcke am Rednerpult in Dresden, der Jubel seiner Anhänger. Der Sprecher im Video sagt: "Wir schlagen ihm einen einmaligen Deal vor." Wenn Höcke vor dem Mahnmal auf die Knie falle wie einst Willy Brandt und aufrichtig um Vergebung bitte, dann werde der "zivilgesellschaftliche Verfassungsschutz" aufgelöst. Andernfalls stünden mehrere aufschlussreiche Dossiers zur Veröffentlichung bereit.

Was sich im ersten Augenblick wie ein Scherz anhören mag, ist ernst gemeint. Seit zehn Monaten beobachten Mitarbeiter des Zentrums für Politische Schönheit tatsächlich Björn Höcke, seit zehn Monaten haben sie all dies geplant.

Wer ist das Zentrum für Politische Schönheit?

Wer sind diese Menschen, die wie ein Geheimdienst einen Politiker verfolgen, dessen Gesinnung ihnen missfällt? Wehrhafte Demokraten, Politradikale oder durchgeknallte Künstler?

Letztlich geht es dabei um große Fragen: Wie kämpft man in Deutschland gegen Rechts? Wie wollen wir in diesem Land miteinander umgehen? Wie will jeder Einzelne behandelt werden?

Ein Morgen im September, kurz vor der Bundestagswahl, im Büro des Zentrums für Politische Schönheit in Berlin. Vier Zimmer, ein paar junge Frauen sitzen vor Apple-Bildschirmen. Auf dem weißen Konferenztisch liegen Pappuntersetzer mit der Aufschrift "Tötet Erdoğan!".

Die Öffentlichkeit soll nicht erfahren, wo genau das Büro liegt. Das Zentrum hat bereits jetzt, vor der Höcke-Aktion, viele Feinde. Es stand auf der Todesliste des rechtsextremen terrorverdächtigen Bundeswehrsoldaten Franco A. Ein Mitarbeiter des Zentrums erhielt Morddrohungen. Ein anderer wurde anonym beschuldigt, seine Frau umgebracht zu haben, woraufhin die Kriminalpolizei bei ihm vorbeischaute. Einem weiteren wurden Drogen zugeschickt, was zu einer Hausdurchsuchung führte.

In einem großen, sonnigen Zimmer warten Philipp Ruch, Stefan Pelzer und Cesy Leonard, sie sind Anfang bis Mitte dreißig. Ruch ist das Gesicht des Zentrums, er bezeichnet sich als "künstlerischer Leiter", Pelzer nennt sich "Eskalationsbeauftragter" und Leonard "Leiterin des Planungsstabes". Im Kern besteht des Zentrum aus etwa dreißig Menschen, drum herum arbeiten an die hundert mit. Achthundert sind zahlende "Komplizen".

Cesy Leonard hat rötlich blonde Haare, die ihr bis zu den Schultern reichen, sie ist ausgebildete Schauspielerin. "Eigentlich bin ich eine Revolutionärin", sagt sie. Seit 2010 macht sie beim Zentrum mit. Als Jugendliche hat sie in Stuttgart Graffiti gesprüht, später war sie bei Greenpeace und kümmerte sich um Drogenabhängige. Aber sich in feste Strukturen zu integrieren, sich langwierig für politische Ziele einzusetzen, das habe ihr nicht behagt.

Der Eskalationsbeauftragte Stefan Pelzer, ein kräftiger Mann mit braunen Locken, führt nebenbei noch ein Busunternehmen, er fährt Menschen auch zu Großveranstaltungen wie dem G20-Gipfel. Pelzer stammt aus Frankfurt am Main, ist klassisch links sozialisiert worden, bei Protesten gegen die Startbahn West, in besetzten Häusern. Aber: "Aus der Linken haben alle resigniert", sagt er.

Philipp Ruch wuchs in Dresden auf, bis seine Eltern, zwei Psychologen, einen Ausreiseantrag stellten und die Familie im Juli 1989 in die Schweiz zog. Ruch war damals acht Jahre alt und ahnte nicht, was das bedeutete. Ein Systemwechsel als Kulturschock. Später im Geschichtsunterricht fühlte er sich als Deutscher besonders angesprochen. Als er 2001 nach Deutschland zurückkehrte, hatte sich ein Satz in sein Bewusstsein geprägt: Nie wieder Auschwitz! Aber Ruch hatte den Eindruck, in der Bundesrepublik nehme diese Worte kaum jemand ernst. Völkermord in Darfur, im Kongo, die toten Flüchtlinge im Mittelmeer. "Wie viel Heuchelei ist dabei? Wie wichtig ist Völkermord für uns tatsächlich?", fragt Ruch.

Er studierte dann Politische Philosophie an der Humboldt-Universität. Und auch er versuchte sich zunächst politisch zu engagieren – in der SPD. "Ich dachte, das funktioniert wie bei einem Thinktank: Ich haue hundert Ideen raus, eine wird umgesetzt – und die Welt ist eine bessere. Aber die haben mir den Vogel gezeigt."

Ruch erinnerte sich an eine Theaterinszenierung des Aktionskünstlers Christoph Schlingensief, die er 2001 in Zürich gesehen hatte: Hamlet, als provokantes Spektakel mit echten geläuterten Neonazis auf der Bühne. Kunst als politische Waffe. "Warum macht so etwas keiner mehr?", fragte sich Ruch. Und gründete das Zentrum für Politische Schönheit.

"Jede Aktion soll eine Debatte entzünden", sagt Ruch. Das ist der Leitspruch der Aktivisten. "Wir planen politische Unternehmungen, die der Nachwelt als Akte strahlender Schönheit, als Wohltaten der Menschheit erscheinen", schrieb Ruch 2015 pathetisch in seinem Buch Wenn nicht wir, wer dann?.

In den vergangenen fast zehn Jahren haben die Aktionskünstler des Zentrums die Kreuze, die neben dem Reichstag in Berlin an die deutschen Mauertoten erinnern sollen, abmontiert und an die EU-Außengrenze verlegt (Name der Aktion: "Erster europäischer Mauerfall"); sie haben anonym verscharrte Flüchtlinge exhumiert und in Deutschland begraben ("Die Toten kommen"); und sie haben auf die bis dahin der Öffentlichkeit unbekannten Eigentümer des Panzerherstellers Krauss-Maffei Wegmann ein Kopfgeld ausgesetzt ("25.000 Euro Belohnung"). Und, und, und.

Ruch, Leonard, Pelzer und die anderen treiben die Dinge auf die Spitze und darüber hinaus. Die globale Kunst werde heute von Menschen bestimmt, die nichts mehr schrecke, findet Ruch. Aber genau dies ist das Problem mit der Eskalation. Um der Ermüdung vorzubeugen, müssen die Aktionen des Zentrums immer schärfer, härter und lauter werden.

Nun also Höcke. Der Liebling des rechten Flügels der AfD. Den viele seiner Gegner schlicht für einen Nazi halten. Der über unterschiedliche "Fortpflanzungsstrategien" bei Afrikanern und Europäern räsonierte. Der trotz Ausladung die KZ-Gedenkstätte Buchenwald besuchen wollte.

Und dann seine Rede vom 17. Januar dieses Jahres in Dresden. Dort steht Höcke in violettem Neonlicht vor einem vollen Saal, die Junge Alternative, die Jugendorganisation der AfD, hat ihn eingeladen. Die Zuhörer klatschen schon begeistert, bevor er überhaupt anfängt zu sprechen, sodass Höcke sie ermahnt: "Ihr dürft mir jetzt, wenn ich hier rede, nicht die Schamesröte ins Gesicht treiben." Immer wieder nennt er das Publikum "aufrechte Patrioten". Er sieht Deutschland in Chaos und Auflösung versinken, auch durch den "Import fremder Völkerschaften". Das Publikum feiert ihn mit "Höcke, Höcke"-Rufen. Dann folgt der Satz: "Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat." Wieder Beifall. Die "dämliche Bewältigungspolitik" lähme die Deutschen. "Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad." Am Ende erhebt sich das Publikum, die Gäste im Brauhaus Watzke sind wie im Rausch.

Höckes Rede ist schwer zu ertragen. Was bedeutet eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad? Sollen die Deutschen die Verbrechen der Nazis feiern? Der eine Teil der AfD will Höcke nach diesen Worten hinauswerfen, der andere Teil feiert und schützt ihn. Höcke steht wie kein anderer für die Spaltung, die inneren Widersprüche der AfD.

Die Dresdner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Volksverhetzung, stellt die Ermittlungen aber wieder ein. Der Thüringer Verfassungsschutz prüft die Rede, nennt sie revisionistisch, will Höcke aber nicht beobachten.

Höcke selbst entschuldigt sich später auf einem AfD-Parteitag für "die falsche Tonlage".

Für Philipp Ruch, Stefan Pelzer, Cesy Leonard und die anderen vom Zentrum für Politische Schönheit bedeutet diese Rede Höckes Sündenfall. "Das kann so nicht stehen bleiben. Aus der Geschichte des Holocausts heraus dürfen wir das nicht zulassen", sagt Ruch im September im Berliner Büro des Zentrums.

Eine Kunstaktion erzeugt Lynchstimmung

Seit Februar beobachten die Aktionskünstler den AfD-Politiker. Verdeckt haben sie die Wohnung in Bornhagen gemietet. Ihre Legende: Sie seien Filmstudenten. Sie stellen Höcke mit dem Auto nach, filmen ihn, laufen ihm beim Joggen hinterher, sitzen auf der Bank oberhalb seines Hauses, spähen über seinen Zaun, lassen eine Drohne über seinem Anwesen kreisen, werten seinen Müll aus, finden die Abonummer eines rechtsextremen Nachrichtenmagazins, folgen ihm bis in ein Erfurter Hotel, begleiten ihn sogar heimlich in den Urlaub.

Keiner der Aktivisten ist ausgebildeter Agent. Trotzdem merken Höcke und das ganze Dorf offenbar all die Monate nichts von der Überwachung.

Die Aktivisten als Spitzel, als moralische Richter, die einen einzelnen Politiker wie ein Geheimdienst verfolgen. Was für Ruch und seine Mitstreiter ein Albtraum wäre, würde es ihnen selber geschehen, das tun sie Höcke an.

Ruch sagt dazu: "Wir machen kein Verständigungsprojekt, dann würden wir von der Zentrale für politische Bildung bezahlt werden."

Die meisten der Aktionskünstler verdienen noch anderswo Geld dazu, nur wenige leben hauptberuflich von ihrer Arbeit beim Zentrum. Es finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden. Das Höcke-Projekt dürfen die Aktivisten im Berliner Maxim-Gorki-Theater vorstellen. Dessen Intendantin, Shermin Langhoff, sagt: "Dass der Brandstifter dieses Mahnmal aufgestellt bekommt, finde ich richtig."

Seit Längerem gibt es den Verdacht, Björn Höcke habe unter dem Namen Landolf Ladig für rechtsextreme Zeitschriften geschrieben. Deshalb haben die Aktivisten des Zentrums nun die Website Landolf-Ladig.de freigeschaltet, zu sehen sind ein Bild von Höcke und Artikel von Ladig, die seine rechtsextreme Gesinnung nachweisen sollen.

Ein Anwaltsgutachten im Auftrag des AfD-Bundesvorstandes kam Anfang dieses Jahres zu dem Schluss, Höcke müsse tatsächlich Ladig sein. Höcke hat das immer wieder abgestritten, eine eidesstattliche Erklärung dazu wollte er allerdings nicht unterzeichnen.

Die AfD ist groß geworden durch Tabubrüche, mit ihren ständigen Grenzüberschreitungen hat sie die Grenzen des Sagbaren immer weiter verschoben. Das Zentrum für Politische Schönheit antwortet darauf mit einer weiteren Grenzüberschreitung.

Wo soll das hinführen? In eine Spirale aus immer neuen, immer krasseren Überschreitungen? Was steht dann am Ende? Der Bürgerkrieg?

Rechtspopulisten leben vom Hass ihrer Gegner, sie brauchen ihn. So können sie sich als Opfer fühlen, als diejenigen, die sich als Einzige gegen den "Mainstream", gegen das "links-grüne Establishment" stellen. Die Aktion des Zentrums passt perfekt in ihre Argumentationskette: Seht, was die linken Spinner sich ausdenken und gegen einen von uns unternehmen.

Alexander Gauland, AfD-Fraktionschef im Bundestag, sagt nach der Enthüllung des Miniatur-Mahnmals vor Höckes Haus zur ZEIT: "Das Ausspionieren hat mit einer künstlerischen politischen Diskussion nichts zu tun." Er nennt die Aktion "unsäglich", sie werde Höcke innerhalb der AfD nützen. "Das ist eine klassische Märtyrersituation. Auch Menschen, die ihn nicht mögen, sagen: Das geht nicht."

Höckes Anwälte haben das Zentrum in einen 16-seitigen Schriftsatz aufgefordert, den Eingriff in Höckes Privatsphäre zu unterlassen. Am kommenden Wochenende ist Bundesparteitag der AfD, Höcke überlegt, für den Vorstand zu kandidieren. Er selbst will sich gegenüber der ZEIT nicht äußern. Höcke sei, das erzählt sein persönlicher Referent, von der Aktion geschockt. "Es gibt Solidaritätsbekundungen aus ganz Deutschland."

Bei der AfD in Thüringen melden sich viele, die es den Künstlern nun heimzahlen wollen und sogar deren Privatadressen herausgefunden haben. Eine Kunstaktion erzeugt Lynchstimmung.

Schon Wochen zuvor hatte das Gespräch mit Ruch und seinen Mitstreitern ein Gefühl tiefer Ratlosigkeit, auch von Verzweiflung hinterlassen. Ruch und seine Mitstreiter waren zwar aufgeschlossen, freundlich, sie konnten ihre Aktion witzig und wohlformuliert begründen. Aber haben sie keine Skrupel?

Also noch ein Treffen mit Ruch. Höckes vier Kinder seien eine Grenze, sagt er. Dann verweist Ruch auf ein YouTube-Video, in dem Höcke auftaucht: 2010 läuft er bei einer Neonazi-Demonstration zum 65. Jahrestag der Bombardierung Dresdens mit. "Wir wollen marschieren!", brüllt Höcke mit erhobener Faust in die Kamera. Andere skandieren: "Frei, sozial und national!"

"Mit Nazi-Methoden gegen Nazis" – das hat Philipp Ruch in vielen Interviews mit Journalisten gesagt. Heute will er es nicht mehr wiederholen. Dafür gibt er diesen Satz aus den Gesprächen mit der ZEIT frei: "Die Lichterketten und Online-Petitionen haben in die Sackgasse geführt."

Die AfD hat bei der Bundestagswahl in Bornhagen 34 Prozent der Stimmen bekommen, in Thüringen ist sie zweitstärkste Kraft. Aber nicht alle Wähler und Mitglieder der AfD sind Nazis. Es geht jetzt darum, was sinnvoller ist: ausgrenzen und anklagen oder auseinandersetzen und diskutieren.

Die Aktionskünstler vom Zentrum haben diese Frage für sich eindeutig beantwortet.

Zwei Mitarbeiter seien zwischenzeitlich ausgestiegen, sagt Ruch. Aber das geschehe bei jedem Projekt. Die Kritik an ihrem Vorgehen haben die Aktivisten fest eingeplant, auch die der ZEIT. So wird dieser Artikel in gewisser Weise Teil einer Aktion, die von der medialen Verwertung lebt, sich von Aufmerksamkeit nährt. Ruch und seine Mitstreiter gieren nach Reaktionen, nach Aufregung, nach Empörung.

Die Aktionen des Zentrums sind so laut, so schrill, so brutal, dass sie kaum jemanden unberührt lassen. Das Zentrum hat fast 200.000 Fans auf Facebook und 120.000 Follower bei Twitter, besonders bei Jüngeren gelten die Aktionen als cool. Ruch erzählt, sie würden öfter zu PR-Tagungen eingeladen. Die Werbeleute wollen von ihnen lernen, wie man sich selbst noch effektiver in den Vordergrund rückt.

Es kann sein, dass Eskalation manchmal tatsächlich der einzige Weg ist, bestimmte Themen in die Öffentlichkeit zu bringen. Und das Zentrum beschäftigt sich stets mit den großen Fragen unserer Zeit: Wie soll man umgehen mit Diktatoren, Menschrechtsverletzungen und Völkermord? Ruch lässt kein Nachdenken zu, er liefert sogleich die Antwort: "Die Diktatur zu bekämpfen ist die Aufgabe des 21. Jahrhunderts."

Das klingt gut und richtig. Aber was, wenn die angeblichen Diktatoren vom Volk gewählt wurden? Ruch sagt, der Aufruf zur Tötung von Erdoğan sei als Diskursanregung zu verstehen, als Debattenauftakt.

Die Frage bleibt, was für eine Debatte entstehen soll, wenn sie schreiend geführt und die Gegenseite nicht gehört wird. Dialog – den gibt es in der Welt des Zentrums für Politische Schönheit nur mit Gleichgesinnten. Und die Aktivisten sehen sich selbst stets auf der richtigen Seite. Wie im Fall Höcke. "Wir wollen ihn in die richtige Richtung lenken. Vielleicht überlegt sich der eine oder andere dann, ob er bereit ist, den Holocaust zu verharmlosen."

Ein "hyperreales" Spiel mit der Täuschung

An einem Abend im Oktober führt Philipp Ruch in den Keller des Büros. Dort steht in grellem Neonlicht der Prototyp einer Stele für Höckes Nachbargarten. Ein massiver grauer Quader, mehrere Meter breit, die Farbe wirkt heller als beim Original. Die Künstler haben mit verschiedenen Materialien experimentiert, haben untersucht, wie sich Sonne, Wind und Regen auf die Oberflächen auswirken. Sie haben sich schließlich für Holz entschieden, in der Öffentlichkeit aber sagen sie, die Stelen seien aus Beton. Klingt besser.

Was wird der Vermieter in Bornhagen zu dem Miniatur-Mahnmal sagen? Noch glaubt er, die netten Filmstudenten planten, eine Skulptur aufzustellen. "Wie wir unseren Garten gestalten, ist unsere Sache", sagt Ruch. Er steigt die Treppen wieder hinauf, überlegt dabei, ob man auch Holocaust-Überlebende nach Bornhagen einladen sollte, verwirft die Idee aber. Die Aktion hänge zu sehr von der Hauptfigur ab, von Björn Höcke. Wie wird er reagieren? Wird er herauskommen oder im Haus bleiben?

Zwei Wochen bevor das Miniatur-Mahnmal in Bornhagen enthüllt werden soll, sitzt Cesy Leonard, die Leiterin des Planungsstabes, in einer grauen Novembernacht im Zug. Sie ist auf dem Weg nach Essen, dort wird sie am nächsten Morgen in einer Waldorfschule einen Vortrag halten. Leonard reist durch Deutschland, um die Aktionen, Methoden und Ziele des Zentrums an Schulen, Universitäten, Kunstakademien vorzustellen.

Leonard findet es richtig, Björn Höcke auszuspionieren, auch wenn man dadurch womöglich einige potenzielle Unterstützer verlieren werde, vor allem in Ostdeutschland, wo die Erinnerung an die Stasi noch lebendig ist. Von Überwachung und ihren Folgen hat Cesy Leonard keinerlei Vorstellung, sie hat nie erlebt, was es bedeutet, bespitzelt zu werden, wie tief die Erschütterung reicht. Auch wenn der Beschattete vielleicht ein Rechtsextremer ist.

Gab es unter den Aktivisten Streit über die Überwachungsaktion? Leonard kann sich an keinen erinnern. Nur darüber, wie die Aktion öffentlich gemacht werden soll, sei diskutiert worden.

Bisher hat die Linke stets gegen jede Form der Überwachung argumentiert, der Verfassungsschutz galt als natürlicher Feind. Die alten politischen Gewissheiten erscheinen nun obsolet. Heute gründen junge Künstler einen "zivilgesellschaftlichen Verfassungsschutz" und spielen Bürgerwehr der Demokratie. "Ich denke unweigerlich an den NSU. Beschäftigt man sich mit Höcke, mit seiner Ideologie und Vergangenheit, dann scheint es mir höchst gefährlich, einen wie ihn nicht zu bewachen", sagt Leonard.

Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch einfach übergriffig, Höcke bis in den Urlaub zu folgen.

Am nächsten Morgen warten etwa 200 müde Siebt- bis Elftklässler in einem Saal. Cesy Leonard zeigt ihnen Videos der Aktionen des Zentrums und sagt: "Wir sind Künstler, Filmemacher, Politikwissenschaftler, IT-Leute. Uns geht’s um die Menschrechtsthemen. Wir wollen etwas auf dieser Welt bewegen."

An der Wand erscheint ein Foto von Hans und Sophie Scholl. Im Sommer hat das Zentrum einen "Geschwister-Scholl-Wettbewerb im Namen der bayerischen Staatsregierung" ausgerufen: Schüler sollten ein Flugblatt entwerfen und in einem autokratisch regierten Land verteilen. Belohnung: 5000 Euro. In dem Video, das Leonard nun zeigt, sagt eine beamtenhaft wirkende Frau: "Registriere dich jetzt als unser Scholl in der Diktatur deiner Wahl!"

Es wirkt sehr real, die Schüler sind fasziniert. "Wir machen Theater, aber nicht auf der Bühne", sagt Leonard. Hyperrealität nennt sie dieses Spiel mit der Täuschung. Die Schüler schauen ein wenig ratlos.

Dann ist ein Drucker zu sehen. Er steht an einem Hotelfenster in Istanbul und spuckt Flugblätter mit den Worten "Tod dem Diktator!" hinaus auf den Taksim-Platz. Die Anti-Erdoğan-Aktion des Zentrums. Leonard erzählt, der Druckauftrag sei per Internet gestartet worden, als sich der Mitarbeiter des Zentrums bereits auf dem Rückflug nach Deutschland befand. Es folgen Filmausschnitte, die zeigen, wie ein türkisches Sondereinsatzkommando im Hotel den Drucker festnimmt. Spätestens in diesem Augenblick hat Leonard die Schüler für sich gewonnen. Sie lachen, sie sind auf ihrer Seite. Und sehen nun Aufnahmen aus den Jahren 1938 und 1939, als die jüdische Bevölkerung in Deutschland auf der Flucht war. Damals wurden 10.000 Kinder in einer Rettungsaktion nach Großbritannien geschickt und überlebten so den Holocaust.

Dem Zentrum diente das als Vorbild für die Aktion "Kindertransporthilfe des Bundes". Vor drei Jahren schalteten die Aktivisten Anzeigen in Tageszeitungen. In einem fingierten Grußwort warb die damalige Familienministerin Manuela Schwesig angeblich um deutsche Patenfamilien für 55.000 syrische Flüchtlingskinder. Innerhalb weniger Tage meldeten sich 600 Menschen beim Zentrum, die bereit waren, ein Kind bei sich aufzunehmen. Die Aktion erregte so viel Aufsehen, dass die Künstler zu einem Gespräch ins Kanzleramt eingeladen wurden. Zwei Jahre später suchte Schwesig dann tatsächlich Paten für Flüchtlinge, die schon in Deutschland leben.

In Leonards Vortrag wirkt das Zentrum sehr mächtig, so als könne es wirklich die Welt verändern. Die Aktivisten erscheinen als Kämpfer für die Entrechteten und Unterdrückten. Und ihre Arbeit wirkt viel effektiver und aufregender als Politik. Keine zähen Verhandlungsrunden, keine lästigen Kompromisse.

Worüber Leonard in ihrem Vortrag nicht spricht: Wie fühlten sich eigentlich die Angehörigen der Mauertoten, als die Aktivisten die Kreuze abmontierten, die an die verstorbenen Republikflüchtlinge erinnern sollten? Was dachten die vermeintlichen Patenfamilien, als sie begriffen, dass sie getäuscht worden waren?

Am Schluss klatschen die Schüler begeistert. Sie fragen Leonard nach Praktika. Eine junge Frau erkundigt sich, wie man abgeschobene Mitschüler wieder nach Deutschland holen könne. Lehrer und Schüler hätten für die betroffene albanische Familie Unterschriften gesammelt. Aber diese Bemühungen erscheinen ihr auf einmal so einfallslos, irgendwie uncool.

Ein Tag Mitte November, die Enthüllung des Mahnmals in Höckes Garten rückt näher. Philipp Ruch läuft hektisch durch das Büro des Zentrums in Berlin. Bis nachts sitzt er jetzt am Schreibtisch, kommuniziert fast nur noch verschlüsselt, nichts soll nach außen dringen. So viele Fragen sind noch ungeklärt: Sollen die Aktivisten versuchen, die Einwohner Bornhagens für sich zu gewinnen? Sollen sie sie zu Wurst und Bier einladen? Oder werden die Bornhagener sowieso auf Höckes Seite sein?

Mit einem Mitarbeiter setzt sich Ruch vor den Bildschirm. Sie planen zusätzlich eine Plakatkampagne in Thüringen: "Wer hat Informationen, die zur Ergreifung von Landolf Ladig führen?", steht über einem Foto von Höcke. Die meisten Leute wüssten nicht, wer Ladig sei, wirft der Mitarbeiter ein. "Die sollen googeln", sagt Ruch.

Die beiden diskutieren darüber, ob Höcke an einem bestimmten Termin zum Kniefall geladen werden soll. "Wenn er nicht kommt, was machen wir dann?", fragt der Mitarbeiter.

Es gibt in diesen Wochen viele Augenblicke, in denen Ruch und die anderen in ihrem künstlerischen, politischen und moralischen Eifer geradezu gnadenlos wirken. Spricht man sie jedoch darauf an, sind sie ganz verwundert, als sei das ein abwegiger Gedanke.

Mit Andersdenkenden wird nicht geredet

Bornhagen, 22. November. Das Miniatur-Mahnmal ist enthüllt, und Lothar Heinemann steht in seinem Garten und blickt verwundert auf die vielen Menschen, die sich allmählich vor Björn Höckes Haus versammeln, um ihm und seiner Familie beizustehen.

Heinemann war jahrelang Bürgermeister von Bornhagen, er ist in der SPD. Auch Heinemann hat weder etwas vom Aufstellen der Stelen noch von der Beobachtung Höckes gemerkt. "Ach du lieber Gott", sagt er dazu. Heinemann sieht Höcke oft. Die beiden wissen, dass sie verschiedene politische Meinungen vertreten, also unterhalten sie sich nicht darüber. Lieber schweigen als streiten. "Es ist eine nette, anständige Familie", sagt Heinemann.

Dreimal bittet er, nicht zu viel zu schreiben. Dabei hat er fast gar nichts gesagt und über Höcke nur Positives. "Er kommt gut aus mit den Leuten im Ort. Er ist beliebt", schiebt Heinemann noch hinterher.

Er zeigt auf den Hügelkamm hinter seinem Haus, dort verlief früher die deutsch-deutsche Grenze. Am Dorfrand, in den ehemaligen Unterkünften der Grenzer, leben heute Flüchtlinge.

Vor dem Flüchtlingsheim steht ein junger Mann aus dem Irak und telefoniert, ein anderer harkt Laub. Sie ahnen nichts von dem Aufruhr ein paar Hundert Meter entfernt. Drinnen sitzt der Heimleiter beim Mittagessen. Er führt in sein Büro, deutet schweigend auf seinen Schreibtisch, dort liegen Flyer des Zentrums für Politische Schönheit, er hat sie morgens vor der Tür gefunden: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser", steht darauf. Der "zivilgesellschaftliche Verfassungsschutz" gibt Antworten auf die Frage: "Was tun, wenn der Nachbar ein Neonazi ist?"

Der Heimleiter will dazu nichts sagen, er fürchtet, die Aktion könne Aufmerksamkeit auf sein Heim lenken. Bisher wussten die meisten gar nicht, dass es existiert. Bisher gab es keine Probleme. Auch nicht mit Höcke.

In der Zwischenzeit versammeln sich, alarmiert über WhatsApp-Gruppen, immer mehr AfD-Anhänger vor Höckes Haus. Viele tragen Blau, die Farbe der Partei. Ein Mann ist mit seiner Frau gekommen. Er beschwert sich, dass im Wahlkampf AfD-Plakate heruntergerissen wurden. "Die Linken proklamieren Toleranz für sich, aber lassen nicht mal Höckes Familie in Ruhe." Die Aktionskünstler kennt er nicht, glaubt aber einiges über sie zu wissen: "Nichtskönner, die drei Studiengänge abgebrochen haben und keine Steuern zahlen." Dann verschwindet er in Höckes Haus. Höckes Frau ist allein, Björn Höcke ist in Erfurt, dort ist Sitzungswoche im Landtag.

Etwa dreißig Menschen stehen jetzt am Gartenzaun und rufen zu den Aktivisten herüber: "Dummköpfe!" Immer mehr Polizisten treffen ein. Gegen Mittag kreist ein Polizeihubschrauber über dem Dorf.

Vor dem Haus der Aktivisten steht ein älterer Herr mit beigefarbenem Anorak und schwarzer Schirmmütze. Es ist der Eigentümer der Wohnung, er glaubte bis vor Kurzem, seine Mieter seien Studenten. Er klingelt an der Tür.

Morius Enden und eine Mitstreiterin vom Zentrum öffnen. Sie lassen den Vermieter nicht herein. Laut Mietrecht müssen sie das nicht.

Der Vermieter schreit: "Herr Ruch ist kein Künstler, das ist ein Arschloch, der hat mich belogen und betrogen!"

Morius Enden erwidert: "Was haben Sie gegen Kunst?"

Vermieter: "Das ist Politik und keine Kunst und kann nicht in meinem Haus gemacht werden."

Enden: "Jede Kunst ist politisch!"

Der Vermieter wird immer wütender: "Das ist eine bodenlose Frechheit. Ich warte auf die Kripo. Herr Ruch hat sich die Wohnung erschlichen."

Enden hält die ganze Zeit sein Handy am Ohr und telefoniert mit Philipp Ruch in Berlin, er will dem Vermieter das Telefon reichen.

"Ich rede nicht mit Herrn Ruch, wieso ist der nicht hier?", tobt der.

Plötzlich nähern sich die AfD-Anhänger, die zuvor vor Höckes Haus gewartet haben, der Einfahrt. Auch sie beginnen zu schreien: "Was ist das für eine Scheiße? Die Bolschewiken sind hier!"

Morius Enden, der jetzt draußen vor der Haustür steht, möchte über das Kunstwerk sprechen. Aber die Männer sehen nicht so aus, als wollten sie darüber diskutieren.

"Was sollen das für Stelen sein? Ich sehe da nur Würfel, was hat das mit Holocaust zu tun?", ruft einer. "Sie zerstören gegen den Willen der Bürger den Frieden im Dorf", brüllt ein anderer.

Die Männer laufen los: "Weg hier!" Sie schieben die Reporter und die Aktivisten vom Grundstück.

Enden ruft: "Ich bin Mieter!" Es gibt ein Handgemenge, Enden wird herumgeschubst, flüchtet schließlich über den Zaun in den Garten. Erst jetzt trifft die Polizei ein. Die AfD-Anhänger rufen: "Vierzig Jahre Stasi sind genug!"

Ein Polizeibeamter erteilt Platzverweise, die Männer weichen auf die andere Straßenseite zurück.

Drinnen, in der Wohnung, sind noch sechs Künstler vom Zentrum und ein paar Journalisten. Morius Enden wirkt abwesend, sein Blick geht ins Leere. Er telefoniert schon wieder mit Ruch. Enden hat in den vergangenen Monaten viel Zeit in Bornhagen verbracht. "Das ist eher ein Geheimdienst für Arme", hatte er vor der Aktion gesagt. Es klang nach einem Spiel, harmlos wie ein Kinderstreich.

Eine Aktivistin sagt, sie hätte nicht gedacht, dass die Leute handgreiflich werden. Eine andere hatte zuvor erzählt, sie habe noch nie mit jemandem gesprochen, der die AfD wählt. Darin ähnelt sie den AfD-Anhängern vor der Tür. Auch die reden nicht mit Andersdenkenden. Szenen aus einem gespaltenen Land: Keine Seite findet für die jeweils andere noch Worte, so bleiben nur Taten.

Gegen Abend zieht die Polizei ab. Björn Höcke ist die ganze Zeit über nicht aufgetaucht. Morius Enden hat seit Tagen kaum geschlafen, in sein Handy sagt er: "Ich muss jetzt hier weg!"

Ein paar Tage später bricht das Zentrum die Mahnmal-Aktion vorerst ab, aus Sicherheitsgründen. Seit vergangenem Dienstag kann man es wieder besichtigen. Die Aktivisten sagen nun, sie verzichteten auf Höckes Kniefall: "Unverbesserliche können auch wir nicht ändern." Dafür veröffentlichen sie jeden Tag neue Informationen über Höcke. Im Netz und in den sozialen Medien tobt ein Krieg.

Die Aktivisten betrachten sich als Sieger, weil sie so viel Unterstützung aus der Zivilgesellschaft bekämen.

Höckes Umfeld betrachtet Höcke als Sieger. Aus demselben Grund.