Wer sind diese Menschen, die wie ein Geheimdienst einen Politiker verfolgen, dessen Gesinnung ihnen missfällt? Wehrhafte Demokraten, Politradikale oder durchgeknallte Künstler?

Letztlich geht es dabei um große Fragen: Wie kämpft man in Deutschland gegen Rechts? Wie wollen wir in diesem Land miteinander umgehen? Wie will jeder Einzelne behandelt werden?

Ein Morgen im September, kurz vor der Bundestagswahl, im Büro des Zentrums für Politische Schönheit in Berlin. Vier Zimmer, ein paar junge Frauen sitzen vor Apple-Bildschirmen. Auf dem weißen Konferenztisch liegen Pappuntersetzer mit der Aufschrift "Tötet Erdoğan!".

Die Öffentlichkeit soll nicht erfahren, wo genau das Büro liegt. Das Zentrum hat bereits jetzt, vor der Höcke-Aktion, viele Feinde. Es stand auf der Todesliste des rechtsextremen terrorverdächtigen Bundeswehrsoldaten Franco A. Ein Mitarbeiter des Zentrums erhielt Morddrohungen. Ein anderer wurde anonym beschuldigt, seine Frau umgebracht zu haben, woraufhin die Kriminalpolizei bei ihm vorbeischaute. Einem weiteren wurden Drogen zugeschickt, was zu einer Hausdurchsuchung führte.

In einem großen, sonnigen Zimmer warten Philipp Ruch, Stefan Pelzer und Cesy Leonard, sie sind Anfang bis Mitte dreißig. Ruch ist das Gesicht des Zentrums, er bezeichnet sich als "künstlerischer Leiter", Pelzer nennt sich "Eskalationsbeauftragter" und Leonard "Leiterin des Planungsstabes". Im Kern besteht des Zentrum aus etwa dreißig Menschen, drum herum arbeiten an die hundert mit. Achthundert sind zahlende "Komplizen".

Cesy Leonard hat rötlich blonde Haare, die ihr bis zu den Schultern reichen, sie ist ausgebildete Schauspielerin. "Eigentlich bin ich eine Revolutionärin", sagt sie. Seit 2010 macht sie beim Zentrum mit. Als Jugendliche hat sie in Stuttgart Graffiti gesprüht, später war sie bei Greenpeace und kümmerte sich um Drogenabhängige. Aber sich in feste Strukturen zu integrieren, sich langwierig für politische Ziele einzusetzen, das habe ihr nicht behagt.

Der Eskalationsbeauftragte Stefan Pelzer, ein kräftiger Mann mit braunen Locken, führt nebenbei noch ein Busunternehmen, er fährt Menschen auch zu Großveranstaltungen wie dem G20-Gipfel. Pelzer stammt aus Frankfurt am Main, ist klassisch links sozialisiert worden, bei Protesten gegen die Startbahn West, in besetzten Häusern. Aber: "Aus der Linken haben alle resigniert", sagt er.

Philipp Ruch wuchs in Dresden auf, bis seine Eltern, zwei Psychologen, einen Ausreiseantrag stellten und die Familie im Juli 1989 in die Schweiz zog. Ruch war damals acht Jahre alt und ahnte nicht, was das bedeutete. Ein Systemwechsel als Kulturschock. Später im Geschichtsunterricht fühlte er sich als Deutscher besonders angesprochen. Als er 2001 nach Deutschland zurückkehrte, hatte sich ein Satz in sein Bewusstsein geprägt: Nie wieder Auschwitz! Aber Ruch hatte den Eindruck, in der Bundesrepublik nehme diese Worte kaum jemand ernst. Völkermord in Darfur, im Kongo, die toten Flüchtlinge im Mittelmeer. "Wie viel Heuchelei ist dabei? Wie wichtig ist Völkermord für uns tatsächlich?", fragt Ruch.

Er studierte dann Politische Philosophie an der Humboldt-Universität. Und auch er versuchte sich zunächst politisch zu engagieren – in der SPD. "Ich dachte, das funktioniert wie bei einem Thinktank: Ich haue hundert Ideen raus, eine wird umgesetzt – und die Welt ist eine bessere. Aber die haben mir den Vogel gezeigt."

Ruch erinnerte sich an eine Theaterinszenierung des Aktionskünstlers Christoph Schlingensief, die er 2001 in Zürich gesehen hatte: Hamlet, als provokantes Spektakel mit echten geläuterten Neonazis auf der Bühne. Kunst als politische Waffe. "Warum macht so etwas keiner mehr?", fragte sich Ruch. Und gründete das Zentrum für Politische Schönheit.

"Jede Aktion soll eine Debatte entzünden", sagt Ruch. Das ist der Leitspruch der Aktivisten. "Wir planen politische Unternehmungen, die der Nachwelt als Akte strahlender Schönheit, als Wohltaten der Menschheit erscheinen", schrieb Ruch 2015 pathetisch in seinem Buch Wenn nicht wir, wer dann?.

In den vergangenen fast zehn Jahren haben die Aktionskünstler des Zentrums die Kreuze, die neben dem Reichstag in Berlin an die deutschen Mauertoten erinnern sollen, abmontiert und an die EU-Außengrenze verlegt (Name der Aktion: "Erster europäischer Mauerfall"); sie haben anonym verscharrte Flüchtlinge exhumiert und in Deutschland begraben ("Die Toten kommen"); und sie haben auf die bis dahin der Öffentlichkeit unbekannten Eigentümer des Panzerherstellers Krauss-Maffei Wegmann ein Kopfgeld ausgesetzt ("25.000 Euro Belohnung"). Und, und, und.

Ruch, Leonard, Pelzer und die anderen treiben die Dinge auf die Spitze und darüber hinaus. Die globale Kunst werde heute von Menschen bestimmt, die nichts mehr schrecke, findet Ruch. Aber genau dies ist das Problem mit der Eskalation. Um der Ermüdung vorzubeugen, müssen die Aktionen des Zentrums immer schärfer, härter und lauter werden.

Nun also Höcke. Der Liebling des rechten Flügels der AfD. Den viele seiner Gegner schlicht für einen Nazi halten. Der über unterschiedliche "Fortpflanzungsstrategien" bei Afrikanern und Europäern räsonierte. Der trotz Ausladung die KZ-Gedenkstätte Buchenwald besuchen wollte.

Und dann seine Rede vom 17. Januar dieses Jahres in Dresden. Dort steht Höcke in violettem Neonlicht vor einem vollen Saal, die Junge Alternative, die Jugendorganisation der AfD, hat ihn eingeladen. Die Zuhörer klatschen schon begeistert, bevor er überhaupt anfängt zu sprechen, sodass Höcke sie ermahnt: "Ihr dürft mir jetzt, wenn ich hier rede, nicht die Schamesröte ins Gesicht treiben." Immer wieder nennt er das Publikum "aufrechte Patrioten". Er sieht Deutschland in Chaos und Auflösung versinken, auch durch den "Import fremder Völkerschaften". Das Publikum feiert ihn mit "Höcke, Höcke"-Rufen. Dann folgt der Satz: "Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat." Wieder Beifall. Die "dämliche Bewältigungspolitik" lähme die Deutschen. "Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad." Am Ende erhebt sich das Publikum, die Gäste im Brauhaus Watzke sind wie im Rausch.

Höckes Rede ist schwer zu ertragen. Was bedeutet eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad? Sollen die Deutschen die Verbrechen der Nazis feiern? Der eine Teil der AfD will Höcke nach diesen Worten hinauswerfen, der andere Teil feiert und schützt ihn. Höcke steht wie kein anderer für die Spaltung, die inneren Widersprüche der AfD.

Die Dresdner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn wegen Volksverhetzung, stellt die Ermittlungen aber wieder ein. Der Thüringer Verfassungsschutz prüft die Rede, nennt sie revisionistisch, will Höcke aber nicht beobachten.

Höcke selbst entschuldigt sich später auf einem AfD-Parteitag für "die falsche Tonlage".

Für Philipp Ruch, Stefan Pelzer, Cesy Leonard und die anderen vom Zentrum für Politische Schönheit bedeutet diese Rede Höckes Sündenfall. "Das kann so nicht stehen bleiben. Aus der Geschichte des Holocausts heraus dürfen wir das nicht zulassen", sagt Ruch im September im Berliner Büro des Zentrums.