Seit Februar beobachten die Aktionskünstler den AfD-Politiker. Verdeckt haben sie die Wohnung in Bornhagen gemietet. Ihre Legende: Sie seien Filmstudenten. Sie stellen Höcke mit dem Auto nach, filmen ihn, laufen ihm beim Joggen hinterher, sitzen auf der Bank oberhalb seines Hauses, spähen über seinen Zaun, lassen eine Drohne über seinem Anwesen kreisen, werten seinen Müll aus, finden die Abonummer eines rechtsextremen Nachrichtenmagazins, folgen ihm bis in ein Erfurter Hotel, begleiten ihn sogar heimlich in den Urlaub.

Keiner der Aktivisten ist ausgebildeter Agent. Trotzdem merken Höcke und das ganze Dorf offenbar all die Monate nichts von der Überwachung.

Die Aktivisten als Spitzel, als moralische Richter, die einen einzelnen Politiker wie ein Geheimdienst verfolgen. Was für Ruch und seine Mitstreiter ein Albtraum wäre, würde es ihnen selber geschehen, das tun sie Höcke an.

Ruch sagt dazu: "Wir machen kein Verständigungsprojekt, dann würden wir von der Zentrale für politische Bildung bezahlt werden."

Die meisten der Aktionskünstler verdienen noch anderswo Geld dazu, nur wenige leben hauptberuflich von ihrer Arbeit beim Zentrum. Es finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden. Das Höcke-Projekt dürfen die Aktivisten im Berliner Maxim-Gorki-Theater vorstellen. Dessen Intendantin, Shermin Langhoff, sagt: "Dass der Brandstifter dieses Mahnmal aufgestellt bekommt, finde ich richtig."

Seit Längerem gibt es den Verdacht, Björn Höcke habe unter dem Namen Landolf Ladig für rechtsextreme Zeitschriften geschrieben. Deshalb haben die Aktivisten des Zentrums nun die Website Landolf-Ladig.de freigeschaltet, zu sehen sind ein Bild von Höcke und Artikel von Ladig, die seine rechtsextreme Gesinnung nachweisen sollen.

Ein Anwaltsgutachten im Auftrag des AfD-Bundesvorstandes kam Anfang dieses Jahres zu dem Schluss, Höcke müsse tatsächlich Ladig sein. Höcke hat das immer wieder abgestritten, eine eidesstattliche Erklärung dazu wollte er allerdings nicht unterzeichnen.

Die AfD ist groß geworden durch Tabubrüche, mit ihren ständigen Grenzüberschreitungen hat sie die Grenzen des Sagbaren immer weiter verschoben. Das Zentrum für Politische Schönheit antwortet darauf mit einer weiteren Grenzüberschreitung.

Wo soll das hinführen? In eine Spirale aus immer neuen, immer krasseren Überschreitungen? Was steht dann am Ende? Der Bürgerkrieg?

Rechtspopulisten leben vom Hass ihrer Gegner, sie brauchen ihn. So können sie sich als Opfer fühlen, als diejenigen, die sich als Einzige gegen den "Mainstream", gegen das "links-grüne Establishment" stellen. Die Aktion des Zentrums passt perfekt in ihre Argumentationskette: Seht, was die linken Spinner sich ausdenken und gegen einen von uns unternehmen.

Alexander Gauland, AfD-Fraktionschef im Bundestag, sagt nach der Enthüllung des Miniatur-Mahnmals vor Höckes Haus zur ZEIT: "Das Ausspionieren hat mit einer künstlerischen politischen Diskussion nichts zu tun." Er nennt die Aktion "unsäglich", sie werde Höcke innerhalb der AfD nützen. "Das ist eine klassische Märtyrersituation. Auch Menschen, die ihn nicht mögen, sagen: Das geht nicht."

Höckes Anwälte haben das Zentrum in einen 16-seitigen Schriftsatz aufgefordert, den Eingriff in Höckes Privatsphäre zu unterlassen. Am kommenden Wochenende ist Bundesparteitag der AfD, Höcke überlegt, für den Vorstand zu kandidieren. Er selbst will sich gegenüber der ZEIT nicht äußern. Höcke sei, das erzählt sein persönlicher Referent, von der Aktion geschockt. "Es gibt Solidaritätsbekundungen aus ganz Deutschland."

Bei der AfD in Thüringen melden sich viele, die es den Künstlern nun heimzahlen wollen und sogar deren Privatadressen herausgefunden haben. Eine Kunstaktion erzeugt Lynchstimmung.

Schon Wochen zuvor hatte das Gespräch mit Ruch und seinen Mitstreitern ein Gefühl tiefer Ratlosigkeit, auch von Verzweiflung hinterlassen. Ruch und seine Mitstreiter waren zwar aufgeschlossen, freundlich, sie konnten ihre Aktion witzig und wohlformuliert begründen. Aber haben sie keine Skrupel?

Also noch ein Treffen mit Ruch. Höckes vier Kinder seien eine Grenze, sagt er. Dann verweist Ruch auf ein YouTube-Video, in dem Höcke auftaucht: 2010 läuft er bei einer Neonazi-Demonstration zum 65. Jahrestag der Bombardierung Dresdens mit. "Wir wollen marschieren!", brüllt Höcke mit erhobener Faust in die Kamera. Andere skandieren: "Frei, sozial und national!"

"Mit Nazi-Methoden gegen Nazis" – das hat Philipp Ruch in vielen Interviews mit Journalisten gesagt. Heute will er es nicht mehr wiederholen. Dafür gibt er diesen Satz aus den Gesprächen mit der ZEIT frei: "Die Lichterketten und Online-Petitionen haben in die Sackgasse geführt."

Die AfD hat bei der Bundestagswahl in Bornhagen 34 Prozent der Stimmen bekommen, in Thüringen ist sie zweitstärkste Kraft. Aber nicht alle Wähler und Mitglieder der AfD sind Nazis. Es geht jetzt darum, was sinnvoller ist: ausgrenzen und anklagen oder auseinandersetzen und diskutieren.

Die Aktionskünstler vom Zentrum haben diese Frage für sich eindeutig beantwortet.

Zwei Mitarbeiter seien zwischenzeitlich ausgestiegen, sagt Ruch. Aber das geschehe bei jedem Projekt. Die Kritik an ihrem Vorgehen haben die Aktivisten fest eingeplant, auch die der ZEIT. So wird dieser Artikel in gewisser Weise Teil einer Aktion, die von der medialen Verwertung lebt, sich von Aufmerksamkeit nährt. Ruch und seine Mitstreiter gieren nach Reaktionen, nach Aufregung, nach Empörung.

Die Aktionen des Zentrums sind so laut, so schrill, so brutal, dass sie kaum jemanden unberührt lassen. Das Zentrum hat fast 200.000 Fans auf Facebook und 120.000 Follower bei Twitter, besonders bei Jüngeren gelten die Aktionen als cool. Ruch erzählt, sie würden öfter zu PR-Tagungen eingeladen. Die Werbeleute wollen von ihnen lernen, wie man sich selbst noch effektiver in den Vordergrund rückt.

Es kann sein, dass Eskalation manchmal tatsächlich der einzige Weg ist, bestimmte Themen in die Öffentlichkeit zu bringen. Und das Zentrum beschäftigt sich stets mit den großen Fragen unserer Zeit: Wie soll man umgehen mit Diktatoren, Menschrechtsverletzungen und Völkermord? Ruch lässt kein Nachdenken zu, er liefert sogleich die Antwort: "Die Diktatur zu bekämpfen ist die Aufgabe des 21. Jahrhunderts."

Das klingt gut und richtig. Aber was, wenn die angeblichen Diktatoren vom Volk gewählt wurden? Ruch sagt, der Aufruf zur Tötung von Erdoğan sei als Diskursanregung zu verstehen, als Debattenauftakt.

Die Frage bleibt, was für eine Debatte entstehen soll, wenn sie schreiend geführt und die Gegenseite nicht gehört wird. Dialog – den gibt es in der Welt des Zentrums für Politische Schönheit nur mit Gleichgesinnten. Und die Aktivisten sehen sich selbst stets auf der richtigen Seite. Wie im Fall Höcke. "Wir wollen ihn in die richtige Richtung lenken. Vielleicht überlegt sich der eine oder andere dann, ob er bereit ist, den Holocaust zu verharmlosen."