An einem Abend im Oktober führt Philipp Ruch in den Keller des Büros. Dort steht in grellem Neonlicht der Prototyp einer Stele für Höckes Nachbargarten. Ein massiver grauer Quader, mehrere Meter breit, die Farbe wirkt heller als beim Original. Die Künstler haben mit verschiedenen Materialien experimentiert, haben untersucht, wie sich Sonne, Wind und Regen auf die Oberflächen auswirken. Sie haben sich schließlich für Holz entschieden, in der Öffentlichkeit aber sagen sie, die Stelen seien aus Beton. Klingt besser.

Was wird der Vermieter in Bornhagen zu dem Miniatur-Mahnmal sagen? Noch glaubt er, die netten Filmstudenten planten, eine Skulptur aufzustellen. "Wie wir unseren Garten gestalten, ist unsere Sache", sagt Ruch. Er steigt die Treppen wieder hinauf, überlegt dabei, ob man auch Holocaust-Überlebende nach Bornhagen einladen sollte, verwirft die Idee aber. Die Aktion hänge zu sehr von der Hauptfigur ab, von Björn Höcke. Wie wird er reagieren? Wird er herauskommen oder im Haus bleiben?

Zwei Wochen bevor das Miniatur-Mahnmal in Bornhagen enthüllt werden soll, sitzt Cesy Leonard, die Leiterin des Planungsstabes, in einer grauen Novembernacht im Zug. Sie ist auf dem Weg nach Essen, dort wird sie am nächsten Morgen in einer Waldorfschule einen Vortrag halten. Leonard reist durch Deutschland, um die Aktionen, Methoden und Ziele des Zentrums an Schulen, Universitäten, Kunstakademien vorzustellen.

Leonard findet es richtig, Björn Höcke auszuspionieren, auch wenn man dadurch womöglich einige potenzielle Unterstützer verlieren werde, vor allem in Ostdeutschland, wo die Erinnerung an die Stasi noch lebendig ist. Von Überwachung und ihren Folgen hat Cesy Leonard keinerlei Vorstellung, sie hat nie erlebt, was es bedeutet, bespitzelt zu werden, wie tief die Erschütterung reicht. Auch wenn der Beschattete vielleicht ein Rechtsextremer ist.

Gab es unter den Aktivisten Streit über die Überwachungsaktion? Leonard kann sich an keinen erinnern. Nur darüber, wie die Aktion öffentlich gemacht werden soll, sei diskutiert worden.

Bisher hat die Linke stets gegen jede Form der Überwachung argumentiert, der Verfassungsschutz galt als natürlicher Feind. Die alten politischen Gewissheiten erscheinen nun obsolet. Heute gründen junge Künstler einen "zivilgesellschaftlichen Verfassungsschutz" und spielen Bürgerwehr der Demokratie. "Ich denke unweigerlich an den NSU. Beschäftigt man sich mit Höcke, mit seiner Ideologie und Vergangenheit, dann scheint es mir höchst gefährlich, einen wie ihn nicht zu bewachen", sagt Leonard.

Vielleicht. Vielleicht ist es aber auch einfach übergriffig, Höcke bis in den Urlaub zu folgen.

Am nächsten Morgen warten etwa 200 müde Siebt- bis Elftklässler in einem Saal. Cesy Leonard zeigt ihnen Videos der Aktionen des Zentrums und sagt: "Wir sind Künstler, Filmemacher, Politikwissenschaftler, IT-Leute. Uns geht’s um die Menschrechtsthemen. Wir wollen etwas auf dieser Welt bewegen."

An der Wand erscheint ein Foto von Hans und Sophie Scholl. Im Sommer hat das Zentrum einen "Geschwister-Scholl-Wettbewerb im Namen der bayerischen Staatsregierung" ausgerufen: Schüler sollten ein Flugblatt entwerfen und in einem autokratisch regierten Land verteilen. Belohnung: 5000 Euro. In dem Video, das Leonard nun zeigt, sagt eine beamtenhaft wirkende Frau: "Registriere dich jetzt als unser Scholl in der Diktatur deiner Wahl!"

Es wirkt sehr real, die Schüler sind fasziniert. "Wir machen Theater, aber nicht auf der Bühne", sagt Leonard. Hyperrealität nennt sie dieses Spiel mit der Täuschung. Die Schüler schauen ein wenig ratlos.

Dann ist ein Drucker zu sehen. Er steht an einem Hotelfenster in Istanbul und spuckt Flugblätter mit den Worten "Tod dem Diktator!" hinaus auf den Taksim-Platz. Die Anti-Erdoğan-Aktion des Zentrums. Leonard erzählt, der Druckauftrag sei per Internet gestartet worden, als sich der Mitarbeiter des Zentrums bereits auf dem Rückflug nach Deutschland befand. Es folgen Filmausschnitte, die zeigen, wie ein türkisches Sondereinsatzkommando im Hotel den Drucker festnimmt. Spätestens in diesem Augenblick hat Leonard die Schüler für sich gewonnen. Sie lachen, sie sind auf ihrer Seite. Und sehen nun Aufnahmen aus den Jahren 1938 und 1939, als die jüdische Bevölkerung in Deutschland auf der Flucht war. Damals wurden 10.000 Kinder in einer Rettungsaktion nach Großbritannien geschickt und überlebten so den Holocaust.

Dem Zentrum diente das als Vorbild für die Aktion "Kindertransporthilfe des Bundes". Vor drei Jahren schalteten die Aktivisten Anzeigen in Tageszeitungen. In einem fingierten Grußwort warb die damalige Familienministerin Manuela Schwesig angeblich um deutsche Patenfamilien für 55.000 syrische Flüchtlingskinder. Innerhalb weniger Tage meldeten sich 600 Menschen beim Zentrum, die bereit waren, ein Kind bei sich aufzunehmen. Die Aktion erregte so viel Aufsehen, dass die Künstler zu einem Gespräch ins Kanzleramt eingeladen wurden. Zwei Jahre später suchte Schwesig dann tatsächlich Paten für Flüchtlinge, die schon in Deutschland leben.

In Leonards Vortrag wirkt das Zentrum sehr mächtig, so als könne es wirklich die Welt verändern. Die Aktivisten erscheinen als Kämpfer für die Entrechteten und Unterdrückten. Und ihre Arbeit wirkt viel effektiver und aufregender als Politik. Keine zähen Verhandlungsrunden, keine lästigen Kompromisse.

Worüber Leonard in ihrem Vortrag nicht spricht: Wie fühlten sich eigentlich die Angehörigen der Mauertoten, als die Aktivisten die Kreuze abmontierten, die an die verstorbenen Republikflüchtlinge erinnern sollten? Was dachten die vermeintlichen Patenfamilien, als sie begriffen, dass sie getäuscht worden waren?

Am Schluss klatschen die Schüler begeistert. Sie fragen Leonard nach Praktika. Eine junge Frau erkundigt sich, wie man abgeschobene Mitschüler wieder nach Deutschland holen könne. Lehrer und Schüler hätten für die betroffene albanische Familie Unterschriften gesammelt. Aber diese Bemühungen erscheinen ihr auf einmal so einfallslos, irgendwie uncool.

Ein Tag Mitte November, die Enthüllung des Mahnmals in Höckes Garten rückt näher. Philipp Ruch läuft hektisch durch das Büro des Zentrums in Berlin. Bis nachts sitzt er jetzt am Schreibtisch, kommuniziert fast nur noch verschlüsselt, nichts soll nach außen dringen. So viele Fragen sind noch ungeklärt: Sollen die Aktivisten versuchen, die Einwohner Bornhagens für sich zu gewinnen? Sollen sie sie zu Wurst und Bier einladen? Oder werden die Bornhagener sowieso auf Höckes Seite sein?

Mit einem Mitarbeiter setzt sich Ruch vor den Bildschirm. Sie planen zusätzlich eine Plakatkampagne in Thüringen: "Wer hat Informationen, die zur Ergreifung von Landolf Ladig führen?", steht über einem Foto von Höcke. Die meisten Leute wüssten nicht, wer Ladig sei, wirft der Mitarbeiter ein. "Die sollen googeln", sagt Ruch.

Die beiden diskutieren darüber, ob Höcke an einem bestimmten Termin zum Kniefall geladen werden soll. "Wenn er nicht kommt, was machen wir dann?", fragt der Mitarbeiter.

Es gibt in diesen Wochen viele Augenblicke, in denen Ruch und die anderen in ihrem künstlerischen, politischen und moralischen Eifer geradezu gnadenlos wirken. Spricht man sie jedoch darauf an, sind sie ganz verwundert, als sei das ein abwegiger Gedanke.