Bornhagen, 22. November. Das Miniatur-Mahnmal ist enthüllt, und Lothar Heinemann steht in seinem Garten und blickt verwundert auf die vielen Menschen, die sich allmählich vor Björn Höckes Haus versammeln, um ihm und seiner Familie beizustehen.

Heinemann war jahrelang Bürgermeister von Bornhagen, er ist in der SPD. Auch Heinemann hat weder etwas vom Aufstellen der Stelen noch von der Beobachtung Höckes gemerkt. "Ach du lieber Gott", sagt er dazu. Heinemann sieht Höcke oft. Die beiden wissen, dass sie verschiedene politische Meinungen vertreten, also unterhalten sie sich nicht darüber. Lieber schweigen als streiten. "Es ist eine nette, anständige Familie", sagt Heinemann.

Dreimal bittet er, nicht zu viel zu schreiben. Dabei hat er fast gar nichts gesagt und über Höcke nur Positives. "Er kommt gut aus mit den Leuten im Ort. Er ist beliebt", schiebt Heinemann noch hinterher.

Er zeigt auf den Hügelkamm hinter seinem Haus, dort verlief früher die deutsch-deutsche Grenze. Am Dorfrand, in den ehemaligen Unterkünften der Grenzer, leben heute Flüchtlinge.

Vor dem Flüchtlingsheim steht ein junger Mann aus dem Irak und telefoniert, ein anderer harkt Laub. Sie ahnen nichts von dem Aufruhr ein paar Hundert Meter entfernt. Drinnen sitzt der Heimleiter beim Mittagessen. Er führt in sein Büro, deutet schweigend auf seinen Schreibtisch, dort liegen Flyer des Zentrums für Politische Schönheit, er hat sie morgens vor der Tür gefunden: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser", steht darauf. Der "zivilgesellschaftliche Verfassungsschutz" gibt Antworten auf die Frage: "Was tun, wenn der Nachbar ein Neonazi ist?"

Der Heimleiter will dazu nichts sagen, er fürchtet, die Aktion könne Aufmerksamkeit auf sein Heim lenken. Bisher wussten die meisten gar nicht, dass es existiert. Bisher gab es keine Probleme. Auch nicht mit Höcke.

In der Zwischenzeit versammeln sich, alarmiert über WhatsApp-Gruppen, immer mehr AfD-Anhänger vor Höckes Haus. Viele tragen Blau, die Farbe der Partei. Ein Mann ist mit seiner Frau gekommen. Er beschwert sich, dass im Wahlkampf AfD-Plakate heruntergerissen wurden. "Die Linken proklamieren Toleranz für sich, aber lassen nicht mal Höckes Familie in Ruhe." Die Aktionskünstler kennt er nicht, glaubt aber einiges über sie zu wissen: "Nichtskönner, die drei Studiengänge abgebrochen haben und keine Steuern zahlen." Dann verschwindet er in Höckes Haus. Höckes Frau ist allein, Björn Höcke ist in Erfurt, dort ist Sitzungswoche im Landtag.

Etwa dreißig Menschen stehen jetzt am Gartenzaun und rufen zu den Aktivisten herüber: "Dummköpfe!" Immer mehr Polizisten treffen ein. Gegen Mittag kreist ein Polizeihubschrauber über dem Dorf.

Vor dem Haus der Aktivisten steht ein älterer Herr mit beigefarbenem Anorak und schwarzer Schirmmütze. Es ist der Eigentümer der Wohnung, er glaubte bis vor Kurzem, seine Mieter seien Studenten. Er klingelt an der Tür.

Morius Enden und eine Mitstreiterin vom Zentrum öffnen. Sie lassen den Vermieter nicht herein. Laut Mietrecht müssen sie das nicht.

Der Vermieter schreit: "Herr Ruch ist kein Künstler, das ist ein Arschloch, der hat mich belogen und betrogen!"

Morius Enden erwidert: "Was haben Sie gegen Kunst?"

Vermieter: "Das ist Politik und keine Kunst und kann nicht in meinem Haus gemacht werden."

Enden: "Jede Kunst ist politisch!"

Der Vermieter wird immer wütender: "Das ist eine bodenlose Frechheit. Ich warte auf die Kripo. Herr Ruch hat sich die Wohnung erschlichen."

Enden hält die ganze Zeit sein Handy am Ohr und telefoniert mit Philipp Ruch in Berlin, er will dem Vermieter das Telefon reichen.

"Ich rede nicht mit Herrn Ruch, wieso ist der nicht hier?", tobt der.

Plötzlich nähern sich die AfD-Anhänger, die zuvor vor Höckes Haus gewartet haben, der Einfahrt. Auch sie beginnen zu schreien: "Was ist das für eine Scheiße? Die Bolschewiken sind hier!"

Morius Enden, der jetzt draußen vor der Haustür steht, möchte über das Kunstwerk sprechen. Aber die Männer sehen nicht so aus, als wollten sie darüber diskutieren.

"Was sollen das für Stelen sein? Ich sehe da nur Würfel, was hat das mit Holocaust zu tun?", ruft einer. "Sie zerstören gegen den Willen der Bürger den Frieden im Dorf", brüllt ein anderer.

Die Männer laufen los: "Weg hier!" Sie schieben die Reporter und die Aktivisten vom Grundstück.

Enden ruft: "Ich bin Mieter!" Es gibt ein Handgemenge, Enden wird herumgeschubst, flüchtet schließlich über den Zaun in den Garten. Erst jetzt trifft die Polizei ein. Die AfD-Anhänger rufen: "Vierzig Jahre Stasi sind genug!"

Ein Polizeibeamter erteilt Platzverweise, die Männer weichen auf die andere Straßenseite zurück.

Drinnen, in der Wohnung, sind noch sechs Künstler vom Zentrum und ein paar Journalisten. Morius Enden wirkt abwesend, sein Blick geht ins Leere. Er telefoniert schon wieder mit Ruch. Enden hat in den vergangenen Monaten viel Zeit in Bornhagen verbracht. "Das ist eher ein Geheimdienst für Arme", hatte er vor der Aktion gesagt. Es klang nach einem Spiel, harmlos wie ein Kinderstreich.

Eine Aktivistin sagt, sie hätte nicht gedacht, dass die Leute handgreiflich werden. Eine andere hatte zuvor erzählt, sie habe noch nie mit jemandem gesprochen, der die AfD wählt. Darin ähnelt sie den AfD-Anhängern vor der Tür. Auch die reden nicht mit Andersdenkenden. Szenen aus einem gespaltenen Land: Keine Seite findet für die jeweils andere noch Worte, so bleiben nur Taten.

Gegen Abend zieht die Polizei ab. Björn Höcke ist die ganze Zeit über nicht aufgetaucht. Morius Enden hat seit Tagen kaum geschlafen, in sein Handy sagt er: "Ich muss jetzt hier weg!"

Ein paar Tage später bricht das Zentrum die Mahnmal-Aktion vorerst ab, aus Sicherheitsgründen. Seit vergangenem Dienstag kann man es wieder besichtigen. Die Aktivisten sagen nun, sie verzichteten auf Höckes Kniefall: "Unverbesserliche können auch wir nicht ändern." Dafür veröffentlichen sie jeden Tag neue Informationen über Höcke. Im Netz und in den sozialen Medien tobt ein Krieg.

Die Aktivisten betrachten sich als Sieger, weil sie so viel Unterstützung aus der Zivilgesellschaft bekämen.

Höckes Umfeld betrachtet Höcke als Sieger. Aus demselben Grund.