An der Kreuzung musste man sich entscheiden: entweder, wie üblich, ins vorbeifahrende graue Belgrader Taxi zu steigen, das man soeben herangewinkt hatte – oder sich anwerben zu lassen von zwei ziemlich üblen Kerlen am Straßenrand, auftrainiert, kurz geschoren, in Bomberjacken, ausgerüstet mit zwei dunklen Karren, deren Taxilichter blinkten wie die Leuchtreklame eines Asia-Shops. Wir sind dem bunten Licht gefolgt, natürlich, instinktiv hinein ins Verderben, und der glücklose Fahrer des üblichen Belgrader Taxis warf den beiden Kerlen in Bomberjacken noch einen zornigen Blick zu, schüttelte ein paarmal den Kopf und fuhr weiter. Wollte er uns warnen?

Durch das Stadtzentrum, vorbei an Soldatenbuben, die mit ihren scharfen Knarren an den schmalen Lenden patrouillieren, dort, wo die Häuser noch immer Kriegsschutt sind, wo es kein Geld gibt oder keinen Willen, die Wunde zu schließen, weiter bis ans unwirtliche Donauufer im Nordosten der Stadt. Drago fragte nach dem Grund unseres Aufenthalts, wollte wissen, wer wir sind. Wir antworteten ausweichend, denn Drago war uns unangenehm. Er gehörte zu jenem weltweiten Typ von Taxifahrer, der, mit einem Knopfdruck die Autotüren von innen verriegelnd, den zehnfachen Preis fordert, der seine Fahrgäste, diesmal uns, erpresst, stumm droht, ihnen nicht mehr in die Augen blickt. Dunkles Taxi? Argumente! Aber Drago, Lieber, wir haben serbische Freunde in Wien und Berlin, was sollen wir denen erzählen? Dass wir betrogen wurden?! Denk an deine Mutter, Drago, sie wird stolz sein, wenn du uns jetzt einen fairen Preis nennst!

Schockstarre, Friedensverhandlungen, das kann doch nicht sein, dass wir diesem Abziehbild eines debilen Taxibetrügers aufsitzen. Nein, Drago war nicht lieb zu uns, aber wir waren auch nicht lieb zu Drago. 500 hingeblättert, er fuhr los, als wir endlich raus waren, und musste nun seinem Boss, hej, šefe, erklären, wieso er den beiden Schwabos nicht die Geldbörse ausgeräumt hatte. Schon war er im wilden Straßenverkehr verschwunden.

Wir bestellten zwei Bier. Petar, der uns eingeladen hatte, bestellte drei Schnaps. Wir prosteten einander zu, leerten die Gläser in einem Zug, öffneten die Augen wieder und waren zurück in unseren Zwanzigern. The Prodigy spielten Smack My Bitch Up. Wir blickten uns um. Petar hatte den Porsche eines prominenten Vorbesitzers auf dem aufgelassenen Gelände abgefackelt bis auf sein dunkles Gerippe. Ist das noch Schrott, oder ist das schon Kunst? Oder ist das Dragos Auto?

Am Ende standen wir auf der sich weit erstreckenden Brache der alten Ziegelei, Klub, Gallery, ein Riesenschornstein als Logo: zurück in den Neunzigern, staubiges Tacheles, diesmal als Gelände, in die Fläche gekippt. Die Zeit erstreckt sich im Raum, man muss sie nur aufsuchen. Und die Spannung, zu Hause wegsaniert, war hier noch elektrisch spürbar: diese Spannung zwischen Anspruch und Mangel, zwischen Wille und Werk. Kunst war hier Handwerk, grobes Material, inszenierte Archaik.

Da war die gelötete Fledermaus, sie hing dreimetergroß vom Zaun, dort der Stahlbulle, hier war ein weiterer Porsche verbrannt worden und funkelte als verkokeltes Memento in der Dunkelheit: diese Bilder. Petars Widerständigkeit im Gespräch, sein kerliges Machertum, my wife supports me, what about yours?, sein Selbstentwurf als Künstler gegen alle Widrigkeiten der Stadtpolitik, der Finanzierbarkeit. Dazwischengelötet unsere Neugier, aber auch unsere Arroganz, unsere fehlende Menschlichkeit, oder was war das: unser Kunsttun, unser Konzept davon? Wieso sind uns Kollektive suspekt, wieso kommen wir nicht zusammen? Wieso ist der Blick so müde, die Individualität so verriegelt, und sehen diese geschweißten Blumen und Schwänze und Gürtel wirklich alle so scheiße aus?

Petar führte uns durch die Fabrikhalle namens Gallery. Dort wurde eine Ausstellung mit Blumen aufgebaut. Blumen also! Gleichzeitig die Faktizität des Materials überall, Stahl, Staub, Sand und Draht, und der so freundliche Gastgeber, der bemerkte, er arbeite auch für The Prodigy. Das passte. Hier kam das also her, das war die Molekularstruktur des punkigen Kommerzes. Die Band kaufte das Zeug billig ein und stellte es auf lichtpumpenden Bühnen aus. Hier war es Schweiß, dort Pop. Steampunk lautete die Überschrift. Und mitten in der Fabrikhalle stand der überlebensgroße Stier aus geschweißtem Stahlblech und reckte uns seine Hörner entgegen. Petar, der Gastgeber, öffnete den Bauch des Stieres: Fleisch braten wir darin, sagte er, das Fett, das sich dabei löst, tropft dann kochend heiß aus dem Geschlecht, und vorne, ja, da spuckt er Feuer. Und dort, schaut, steht ein Baum, auch er aus Metall, aber nicht fertig, und er wird auch niemals fertig werden, der Typ kommt nicht mehr wieder.

Wir schwankten leicht, Petar rief einen Gehilfen herbei, der mit dem Scheinwerfer in die nächste Halle leuchtete. Die Spannung, noch immer, gewürgte Objekte, geklebte Plakate – und dann dieser Raum, der sich öffnete, kurz lichtdurchflutet: Opulenz der Leere. Eine riesige, wirklich riesige Sandfläche vor uns. Normalerweise stünden dort Objekte, bei Ausstellungen, und die Besucher würden an einzelnen Stellen über Leitern hochklettern, um einen Blick zu erhaschen. Wir starrten ins Düstere, wo das Licht sich in der Weite verlor. Die Landschaft schien hier, indoor, kein Ende zu haben.

Da kam sie, eine gigantische Stahlspinne, von weit hinten aus ihrem Versteck im Schatten hervor und blieb stehen. Sie schaute uns an, wir schauten zurück. Stahl sieht dich an, sagten wir ratlos. Rost bröckelte aus den Gelenken der Spinne, sie drohte, setzte an zum Sprung, die Maulscheren öffneten sich knirschend. Cut!, rief da Petar, und das Licht wechselte sofort. The Prodigy kamen hinter den Scheinwerfern hervor, Liam Howlett, Keith Flint, Maxim Reality. Sie grüßten höflich und wischten uns dann den Staub vom Gesicht.