Wenn das BIP sich wiegen lässt, schaut die ganze Welt hin. So wie vor drei Wochen. Da stieg das BIP morgens um acht auf die Waage, und Sekunden später meldete die Deutsche Presse-Agentur, dass das Bruttoinlandsprodukt zugelegt habe. Als Eilmeldung ging die Nachricht an zahllose Radio- und Fernsehstationen, Zeitungen und Online-Redaktionen.

Es ist wie bei einem Boxer, der vor einem wichtigen Kampf mit viel Presserummel gewogen wird. Jedes Gramm mehr oder weniger Muskelmasse zählt. Nur geht es bei einem Boxer bloß um Sport und Gaudi, beim BIP dagegen um das Kampfgewicht einer ganzen Volkswirtschaft. Arbeitsplätze, Einkommen, ja das Wohl und Wehe der Nation scheinen von seiner Konstitution abzuhängen.

Glaubt man den Nachrichten, dann ist das deutsche BIP in glänzender Form. Es strotzt vor Kraft, und seine Muskeln schwellen immer weiter an. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung erwartet, dass das BIP bis zum Ende des Jahres um 2,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr zugelegt haben wird, das ifo Institut rechnet sogar mit 2,3 Prozent. Das wäre so viel wie seit sechs Jahren nicht mehr. Die Sachverständigen warnen schon, sie sprechen von "Überhitzung". Grundsätzlich gilt es aber als gut, wenn das BIP zunimmt. Wächst es, so die verbreitete Sicht, dann wächst auch unser Wohlstand.

Doch ist das wirklich so? Das BIP hat Feinde. Sie sagen: Es ist zu mächtig geworden. Viele Politiker, Wirtschaftsexperten und Journalisten würden nur darauf achten, was dem BIP nütze. Dabei führe es uns in die Irre. Die Kritik kommt von Umweltschützern und Sozialverbänden, aber auch von Ökonomie-Nobelpreisträgern wie Amartya Sen oder Joseph Stiglitz. Sie gilt nicht nur dem deutschen BIP, sondern auch dessen Kollegen in den USA, Frankreich oder Großbritannien. Der Politikwissenschaftler Lorenzo Fioramonti bündelt die Kritik im Spottnamen gross domestic problem – Bruttoinlandsproblem.

Was das deutsche BIP dazu sagt? Es hat eine Adresse, zu der man fahren kann: Gustav-Stresemann-Ring 11, 65189 Wiesbaden. Dort steht ein grau-grüner Gebäudeklotz aus den 1950ern. In dessen fünftem, sechstem und siebtem Stock ist das BIP zu Hause. Hier residiert die Gruppe Inlandsprodukt des Statistischen Bundesamtes. Und hier arbeitet der Lebensgefährte des BIP. Er heißt Stefan Hauf, ist 54 Jahre alt, trägt Anzug und Krawatte und sieht an diesem Morgen übernächtigt aus. Gerade ist er aus Washington zurückgekehrt, wo er mit Experten diskutiert hat, wie das BIP und seine internationalen Kollegen mit der Digitalwirtschaft umgehen sollen, also mit Firmen wie Amazon oder Google, die ihre Gewinne über Ländergrenzen verschieben können.

Hauf leitet die Gruppe Inlandsprodukt und sagt: "Ich kenne das BIP schon seit 25 Jahren." So lange arbeitet der Volkswirt bereits in dieser Abteilung. Am Ende des Gesprächs wird er – gebeten, das deutsche BIP zu charakterisieren – sagen: "Es ist nicht launisch oder flatterhaft wie das BIP anderer Länder, es ist ausgeglichen, verlässlich, berechenbar. Sonst hätte ich es nicht so lange mit ihm als Partner ausgehalten."

Vom BIP darf man nicht zu viel erwarten, sagt derjenige, der es am besten kennt

Das BIP mag einen ausgeglichenen Charakter haben, aber leicht zu verstehen ist es nicht. Wer wirklich wissen will, wie es tickt, wo man es antrifft und wie man es richtig misst, für den gibt es spezielle Ratgeber. Hauf wuchtet zwei dicke blaue Bücher auf seinen Schreibtisch. Das eine, 652 Seiten stark, enthält die Regeln der EU, nach denen in allen Mitgliedsländern das jeweilige BIP gewogen und analysiert wird. Das andere, 662 Seiten dick, enthält die weltweit geltenden Normen, die OECD, UN, IWF, Weltbank und die EU-Kommission gemeinsam festgelegt haben. Beide Bücher beschreiben nicht allein das BIP, sondern gewissermaßen seine ganze Familie: die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung.

Das BIP ist ein gnadenloser Materialist

Wie geht es nun also dem deutschen BIP? "Sehr gut", sagt Hauf, "wenn es noch ein, zwei Quartale so weiterwächst, ist es der längste Aufschwung in der Geschichte der Bundesrepublik seit Einführung der vierteljährlichen Messung zu Beginn der 70er Jahre!" Im dritten Quartal dieses Jahres umfasste das BIP 831 Milliarden Euro, 34 Milliarden mehr als im dritten Quartal 2016. Sein Gewicht wird in Geld gemessen.

Fragt man Hauf, was diese Zahlen bedeuten, formuliert er es so: "Das BIP misst per Saldo den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die in einer Periode in einem bestimmten Raum produziert wurden." Das klingt kompliziert, bedeutet aber im Kern: Egal, ob die Meyer Werft in Papenburg ein Kreuzfahrtschiff baut oder ob die Dame im Nagelstudio an der Ecke einer Kundin Glitzerlack aufpinselt – alles soll erfasst und in einer großen Rechnung addiert werden.

Was diese Rechnung wirklich verrät, lässt sich an einem Beispiel erklären. An dem Tag, als die Deutsche Presse-Agentur die neuesten BIP-Zahlen verbreitet, steht Alexandre Chemier im blauen Overall vor dem Tor seiner kleinen Firma in der Hamburger Innenstadt und sagt: "Wir haben so viel zu tun, ich konnte jetzt erst frühstücken" – es ist halb vier am Nachmittag. In Chemiers Betrieb riecht das BIP nach Öl, es duckt sich unter fahlem Neonlicht und huscht über Pfützen auf dem Betonboden. Chemier gehört die Kfz-Werkstatt Berger. "Alle Fabrikate" verspricht ein Schild draußen am Eingang, drinnen stehen ein Mini, ein Renault, ein Golf, ein Opel und ganz hinten ein mattsilberner Bentley mit einem Platten.

"Wenn jetzt jemand mit einer größeren Reparatur kommt, muss er warten", sagt Chemier, "ich vergebe schon Termine für den nächsten Monat." Auf dem Tisch in seinem winzigen Büro liegt der Rest seines Frühstücks, ein angebissenes Brötchen. So sieht es aus, wenn das BIP überhitzt.

Das ganze Jahr über hat Chemier schon extrem viel zu tun. Doch an diesem Tag ist es besonders schlimm. Normalerweise arbeitet seine Frau mit, nun ist sie zu Hause geblieben, weil eines ihrer beiden Kinder krank ist. Das ist schlecht für das BIP. Denn das wächst zwar mit jeder Reparatur, die Chemier seinen Kunden in Rechnung stellt, aber alles, was jemand unentgeltlich leistet, zählt nicht. Hausarbeit, Kindererziehung, ehrenamtliche Arbeit – spielt keine Rolle. Kümmert sich einer selbst um seine Kinder oder um seine kranken Eltern, trägt er nichts zum BIP bei. Bezahlt er andere dafür, dann schon. Das zeigt bereits: Das BIP nimmt die Wirklichkeit sehr selektiv wahr. Es sieht nur den Teil, der mit Geld zu tun hat.

Selbst wenn sich Alexandre Chemier bewusst entscheiden würde, weniger zu arbeiten, weil ihm ein richtiges Frühstück und etwas Freizeit mehr wert wäre als das Einkommen, würde das BIP bloß auf das Geld achten. Es würde die Scheine zählen und zum Schluss kommen: Der Wohlstand schrumpft. Egal, wie der Familienvater das sieht.

Man muss es so offen sagen: Das BIP ist ein gnadenloser Materialist.

Das BIP hat eine Menge Konkurrenten bekommen

Ihm ist es auch gleichgültig, ob die Autos, die Chemier und seine Gesellen reparieren, Lärm und Dreck ausstoßen. Ob sie den Klimawandel verschärfen und am Ende die Lebensgrundlagen zerstören. Umweltschäden spielen für das BIP nur dann eine Rolle, wenn jemand sie einem in Rechnung stellt. Das BIP als Wegweiser zum Wohlstand zu sehen ist offenbar eine zweifelhafte Idee.

Stefan Hauf kennt diese Kritik. Er sagt, das BIP werde missverstanden. "Es spiegelt nicht den immateriellen Wohlstand, dafür ist es auch nicht gemacht." Private Hausarbeit oder Kindererziehung ständig zu erfassen und zu bewerten sei sehr schwierig. Aber dafür gebe es Zeitbudget-Erhebungen seiner Behörde. Außerdem verrate die Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ja noch viel mehr als das BIP, zum Beispiel, wie viel Arbeit es erfordert habe. Und man veröffentliche auch eine Umweltökonomische Gesamtrechnung und eine Vielzahl von Nachhaltigkeitsindikatoren. Kurzum: All diese Informationen gibt es, aber all das vom BIP zu erwarten sei falsch.

Viele Ökonomen schätzen das BIP trotz seiner offenkundigen Schwächen

Tatsächlich dient das BIP in erster Linie als Ratgeber, um die wirtschaftliche Leistung zu beurteilen. Es wird genutzt, um die Konjunktur zu bewerten, um die Höhe von EU-Beiträgen festzulegen oder die Tragfähigkeit von Staatsschulden einzuschätzen. Und es gibt trotz aller Schwächen wichtige Hinweise zum materiellen Wohlstand eines Landes. Denn ein größeres BIP heißt in der Regel: Es stehen mehr Mittel zur Verfügung, um Arbeitslose oder Rentner zu unterstützen, um Straßen zu bauen, Lehrer einzustellen – oder um sich die Nägel lackieren zu lassen. Was auch immer den Konsumenten, Politikern, Bürgern und Unternehmern wichtig ist.

Ob das Geld fair verteilt ist oder so eingesetzt wird, wie mancher sich das wünscht, ist eine andere Frage. Das BIP hat deshalb eine Menge Konkurrenten bekommen. Sie versprechen, nicht nur auf das Geld zu schauen, sondern auch darauf, ob es den Menschen und ihrer Umwelt gut geht. Auf internationaler Ebene drängt zum Beispiel der Human Development Index der UN ins Rampenlicht oder der Better Life Index der OECD. In Deutschland schuf die noch amtierende Bundesregierung ein zwölfdimensionales Bündel von 46 Indikatoren, das die Lebensqualität abbilden soll. Dagegen erscheint das BIP ein wenig aus der Zeit gefallen.

Viele Ökonomen halten aber nichts davon, das BIP durch eine andere mächtige Figur zu ersetzen. "Wenn Sie einen Mischmasch von Themen in einem einzigen Index zusammenfassen, verschleiert er am Ende mehr, als er erklärt", warnt Nils aus dem Moore, ein Ökonom am RWI Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Besser sei es, neben dem BIP auf andere Hinweisgeber zu achten, die etwas über die ökologische oder soziale Lage sagen können.

Dieses Jahr war ein gutes Jahr für das BIP. Wir sollten uns mit ihm freuen. Aber alles durch seine Brille sehen müssen wir nicht.

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