Vor exakt zwölf Monaten habe ich mich in der üblichen Bonsai-Form dieser Kolumne, also auf 24 Zeilen, vom Dunkelbraunen Kugelspinner, dem Insekt des Jahres 2016, verabschiedet. Ebenso von der Libelle des Jahres namens Gemeine Binsenjungfer und der Orchidee des Jahres, dem Sommer-Drehwurz (akut vom Aussterben bedroht). Auf den Abschied folgte der Blick nach vorn: Sigmar Gabriel, so sagte ich voraus, werde sich als der Sommer-Drehwurz des Wahljahres 2017 entpuppen, Frauke Petry sich bei der Binsenjungfer das Gemeine abschauen und Björn Höcke seinen Titel als Dunkelbraunster Kugelspinner, seit es die AfD gibt, erfolgreich verteidigen. Und was soll ich sagen? Alle drei Prophezeiungen sind eingetroffen.

Übrigens: Einzeller des Jahres wurde 2016 noch Trichomanas vaginalis. Es dürfte dieses Jahr abgelöst werden vom AfD-Wahlprogramm. Make Irrsinn great again!

Natürlich stand 2017 ganz im Zeichen der Bundestagswahl. Wie sie ausgehen würde, war spätestens drei Wochen vor dem Tag der Entscheidung auch Martin Schulz klar. Da teilte er nämlich mit, wie seine Lieblingsbücher heißen: Jenseits von Eden und Früchte des Zorns, beide von John Steinbeck. Ähnlich selbsterklärend für einen Kanzlerkandidaten, der jede Hoffnung fahren lassen hat, wären sonst nur noch Margaret Mitchells Vom Winde verweht und Ernest Hemingways Wem die Stunde schlägt gewesen. Hundert Jahre Einsamkeit von Gabriel García Márquez hätte weniger den Wahltag beschrieben als die Schulzsche Gefühlslage seitdem. Und seine politische Zukunft.

Karl-Theodor zu Guttenberg musste sich nicht durchs Wahljahr quälen. Der machte zum Wahlkampf-Quickie mal kurz aus den USA rüber. Nun ist Guttenberg kein gelernter Buchhändler wie Martin Schulz. Doch ließe sich sein Leben leicht in einer Abfolge von literarischen Meisterwerken offenbaren: Der kleine Prinz, Der Schaum der Tage, Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht, Schuld und Sühne, Die Rückkehr des Tanzlehrers, Warten auf Godot.

Dass das Lager Schulz gegen die Jungs um KT so bitter verlieren würde, hätte zu Jahresbeginn auch noch keiner gedacht. Da hatten sich Angela Merkel und Horst Seehofer dermaßen verkracht, dass sie eine Beziehungspause einlegten. Kann Zufall gewesen sein, dass die Funkstille zum gleichen Zeitpunkt kam wie bei der Sängerin Katy Perry und ihrem Schauspieler Orlando Bloom. Von der Halbzeitpause unterscheidet sich die Beziehungspause ja bekanntermaßen dadurch, dass es nach dem Pausentee nicht weitergeht. Merkel/Seehofer drohte das auch. Der Horst wirkte in Angies Nähe stets so, als habe er sich in den Orlando-Bloom-Film Der Hobbit – Smaugs Einöde verirrt. Und Angie hätte über ihre Zeit mit Horst den Katy-Perry-Hit I Kissed a Girl singen können.

Perry ging in ihrer eigenen Pause jedenfalls zum Friseur und trug die Haare danach blond gefärbt, an den Seiten rasiert und oben lang. Sie sah aus wie Miley Cyrus, die was anhat. So ein "Undercut", meinte eine Kollegin, wirke von vorn toll, sehe von hinten aber "scheiße" aus. Das Lange und das Kurze müssten ja wieder zusammenfinden. Der lange Horst und die kurze Kanzlerin mussten das auch, wieder zusammenfinden. Bei ihrer Reunion-Pressekonferenz sahen die beiden zwar nicht ganz so aus wie Katy Perry von hinten. Sie machten aber den Eindruck, als würden sie sich haargenau so fühlen.

Während des Wahlkampfes erfuhren wir Wähler dann Dinge, die wir gar nicht wissen wollten. Zum Beispiel von Cem Özdemir. Der Obergrüne teilte redeschallend mit, dass er in "Dinkeldeutschland" lebt und seine Frau, eine Argentinierin, ihn liebevoll "Hirsekolben" nennt. Da ich selbst aus Dünkeldeutschland stamme und meine Frau, eine Lübeckerin, mich liebevoll "Kommt-schon-wieder-Fußball-im-Fernsehen?" nennt, frage ich mich, was hinter der Verbal-Liebkosung "Hirsekolben" steckt: die verdrängte Sehnsucht nach Wellensittichen oder veganer Sexismus? Das weiß man wohl nur in Dunkeldeutschland, wo man seine Politiker liebevoll "Volksverräter" nennt.

Frauke Petry, so entnahm ich einem geschätzten Mitbewerber-Blatt, hat dieses Jahr geweint – und zwar im März, lange bevor sie die AfD verließ. Trennungsschmerz war also nicht der Grund. Stattdessen lag es an einem Event. Ich hätte auch geweint, wenn ich einen Landesparteitag der sächsischen AfD hätte besuchen müssen – selbst wenn der nicht in Weinböhla, dem Ort in der Elbtalsenke zwischen Meißen und Coswig, stattgefunden hätte. Als Angela Merkel noch nicht die mächtigste Frau der Welt, sondern Kohls Mädchen war, weinte auch sie einmal, und zwar am Kabinettstisch. Und als Joachim Gauck noch nicht wieder Achim Gauck war, sondern noch Bundespräsident, weinte auch er, und zwar eigentlich immer und fast überall und gegen Ende seiner Amtszeit immer überall. Weinen in der Politik macht einen Politiker nicht zur Heulsuse, sondern zum Menschen. Bei Gauck schoss das politische Weinen jedoch übers Ziel hinaus. Denn für denjenigen, der ihm fast zeitgleich mit den Tränen der Frauke P. im Amt folgte, lautet die entscheidende Frage jetzt: Ist Frank-Walter Steinmeier nun gauckgleich? Oder sogar Gauck, aber sterblich?