Ein Sturm wühlt das Schwarze Meer vor der türkischen Küste auf, an diesem 22. September 2017. Kurz vor Sonnenaufgang, um zehn vor sieben Ortszeit, kentert das übervolle Boot, mehr als 20 Menschen ertrinken. Sie waren vor dem Krieg im Irak geflohen.

Im selben Moment befindet sich der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan auf dem Rückflug von der UN-Generalversammlung in New York. In Barcelona kampieren Hunderte Menschen vor dem Justizpalast, um für die katalanische Unabhängigkeit zu demonstrieren.

Andere, glücklichere Menschen haben in der gleichen Minute gelacht, getanzt, geliebt.

In Rio de Janeiro zum Beispiel, wo im selben Augenblick eines der größten Rockmusik-Festivals der Welt mit über 100.000 Besuchern läuft.

Wüsste man mehr über die Menschheit, wenn man sich vor Augen führte, was alles in einer einzigen Minute gleichzeitig auf Erden geschieht?

Der polnische Schriftsteller Stanisław Lem hat darüber als Erster nachgedacht. Ihm war bewusst, dass er diese Idee in Wahrheit nicht würde umsetzen können, weshalb er sich mit einem Trick behalf: Er schrieb die fiktive Rezension eines fiktiven Buches, in dem getreulich alles aufgeführt wurde, was in einer Minute geschieht. Lems Text Eine Minute der Menschheit erschien 1983, vor 34 Jahren.

Heute, im Zeitalter von Big Data, stehen uns unermessliche Daten zur Verfügung, vieltausendmal mehr als damals. Das soll nicht bedeuten, dass sich das Lemsche Programm mittlerweile verwirklichen ließe, schon gar nicht in einem Zeitungsartikel – aber wir können immerhin eine Skizze wagen.

Werfen wir zunächst einen Blick auf die rund 7,55 Milliarden menschlichen Körper. Sie ergeben zusammengerechnet eine Biomasse von 470 Millionen Tonnen, davon sind 19 Millionen Tonnen Knochen: eine große Menge Leben. Wir können sie uns auch als ein Ganzes vorstellen, als ein einziges gewaltiges Lebewesen. Es wird von 340 Millionen Hektolitern Blut durchströmt, dafür sorgen jede Minute die 600 Milliarden Schläge von 7,55 Milliarden Herzen.

Das kostet Energie. Ebenso die Aktivität der etwa 755 Trillionen Nervenzellen in der über zehn Millionen Tonnen schweren Gehirnmasse; sie wird mit 150 Gigawatt angetrieben, das entspricht der Leistung von mehr als 100 großen Kernkraftwerken. Die Gedanken sind frei, aber eben nicht gratis, ebenso wenig unsere Träume, Sehnsüchte, Ängste oder Glückszustände.

Um sich die nötige Energie zu beschaffen, muss der Mensch essen. Zu diesem Zweck schlachtet er jede Minute mehr als 285.000 Tiere; das entspricht einer Fleischproduktion von 500 Tonnen. Wir hören das permanente Brüllen und Schreien des Schlachtviehs bloß nicht. Allerdings fehlt es 815 Millionen Menschen weltweit an Nahrung – während mehr als zwei Milliarden Menschen zur selben Zeit übergewichtig oder sogar fettleibig sind.

Nachdem die Körper die aufgenommene Speise verarbeitet haben, muss der unverwertbare Rest entsorgt werden. Leider steht rund 900 Millionen Menschen dafür keine Toilette zur Verfügung – das entspricht fast dem Dreifachen der Einwohnerzahl der USA. Diese Menschen entleeren sich irgendwo in die Landschaft. Rechnen wir pro Erdenbewohner mit 100 Gramm am Tag, dann scheidet die toilettenlose Menschheit pro Minute 62,5 Tonnen Kot aus. Man mag sich die Gesamtmenge nicht auf einem Haufen vorstellen. Außerdem versickern in jeder Minute rund 6250 Hektoliter menschlichen Urins in der freien Natur oder auf Straßen und Plätzen.