Eisregen. So könnte auch eine verkümmernde Stahlarbeiterstadt irgendwo in der Provinz heißen, doch nein, Eisregen ist der Name einer 1995 gegründeten Dark-Metal-Band aus der thüringischen Kleinstadt Tambach-Dietharz.

Ich höre selten Radio, ich gehe selten weg, und ich gehe kaum noch außer Haus. Dass ich angesichts eines so beschränkten Realitätsaustauschs auf Eisregen gestoßen bin, ist schon ein Wunder, aber dass mir die Musik der Band um den 1971 geborenen Sänger Michael "Blutkehle" Roth gefallen könnte, hätte sich Herr Udo, mein Friseur, der sie mir im vergangenen Frühjahr vorspielte, nicht träumen lassen.

Eigentlich hatte er die neue CD von Eisregen, Fleischfilm, bloß eingelegt, um mich und den Rest seiner Kundschaft zu irritieren. Er weiß, dass ich nur eine Musikrichtung noch weniger ertrage als Heavy Metal, und das ist Reggae. Reggae ist überhaupt keine Musik oder Musikrichtung, Reggae ist das Hintergrundrauschen von Marihuanapflanzen. Heavy Metal ist dagegen wenigstens nur langweiliges Getöse.

Mir ist bewusst, dass ich ein Mensch voller Vorurteile bin, aber ablegen kann ich sie trotzdem nicht. Ich will auch gar nicht. Die Gemeinheit an Vorurteilen ist ja, dass sie mit zunehmendem Alter immer gerechter werden. Jemand, der Tiere quält, taugt wirklich nicht zum Babysitter. Jemand, der nach fünf Minuten einen geschmacklosen Judenwitz erzählt, wird vermutlich auch für den Rest des Abends keine angenehme Tischgesellschaft abgeben, da war der erste Eindruck schon der richtige. Jemand, der mit seinen Kindern umspringt wie mit unbotmäßigen Untertanen und umgekehrt mit Untergebenen umspringt wie mit ungezogenen Kindern, sollte nicht geheiratet werden, und nur wenige der Menschen, die wild hupen, wenn sich eine alte Dame über die Straße schleppt, werden heimlich Amnesty International Unterstützungsgelder überweisen.

So ähnlich geht es mir mit Heavy Metal. Wobei Heavy Metal nicht böse ist. Er ist bloß unzulänglich. Oder die, die sich seiner bedienen, sind es, weil sie sich an zu große Themen wagen.

Dies ist wohl der richtige Zeitpunkt, um zu bekennen, dass ich von Musik nichts verstehe und vermutlich hoch subjektive Ungerechtigkeiten verbreite, wenn ich über Musik spreche. Mir fehlt einfach das Instrumentarium eines Musikkritikers, der über Stilmittel und Einflüsse einer bestimmten Musikrichtung Bescheid weiß und zu Objektivität immerhin in der Lage, wenn auch nicht täglich willens ist. Ich kann über Musik nur sagen, ob sie mir gefällt oder nicht, und meistens kann ich nicht erklären, warum mir etwas gefällt.

Ich weiß nicht einmal, ob man heute noch Heavy Metal sagt oder ob sich ein anderer Begriff durchgesetzt hat. Zu meiner Zeit – wenn jemand "zu meiner Zeit" sagt, meint er das Alter, in dem er noch Optimist war – war Heavy Metal das, wohin die geistigen Kinder von Bands wie Deep Purple und Led Zeppelin abgeglitten sind, und aus Taktgefühl wurde über diese Tragödien nicht gesprochen.

Heavy Metal mochte ich jedenfalls nie. Ich mag Lärm sowieso nicht, wieso sollte ich ihn also als Musik getarnt mein Leben beeinträchtigen lassen?

Ob Death Metal oder Black Metal oder Dark Metal oder Sowieso-Metal, ich konnte mir so etwas nie lange anhören. Das Gebrüll, mit dem Metal-Sänger gern auf dicke Schicksalshose machen, erzeugt in mir nichts als Aggression, denn sie simulieren damit den Ernstfall bloß. Nur weil man einmal vor einem Abgrund gestanden hat, kann man noch lange nicht ermessen, wie tief er ist.

Für mich mangelt es Heavy Metal (oder dem, was ich dafür halte) meistens an allem, was Musik für mich ausmacht: Es gibt keine belastbare Melodie, der Rhythmus ist langweilig, und die Text-Bild-Schere sticht ins Auge, denn wer von den existenziellsten Dingen des Seins singen will, von Dunkelheit, Vergänglichkeit und Tod, und sich dann vor dem Konzert den Kopf schminkt wie ein depressiver Clown, den man in der Psychiatrie vergessen hat, der setzt sich zumindest dem Verdacht aus, ein wannabe zu sein, Bühnenshow hin oder her. Es fehlt ihm die Authentizität, man misstraut seinen Worten, so richtig sie sich anhören mögen.

Kurz gesagt, Dark Metal hielt ich für überflüssigen Lärm – bis ich durch Herrn Udo auf Eisregen stieß, eine Band, die in jeder Hinsicht ungeschminkt spielt. Wer wissen will, wie man Abgründe tanzbar machen kann, ohne ihnen den Ernst zu nehmen, der soll sich das neue Album Fleischfilm oder eines der früheren Alben von Eisregen anhören, die so einladende Namen wie Krebskolonie, Leichenlager, Wundwasser, Farbenfinsternis, Knochenlager oder Schlangensonne tragen.

Eine Stimme, so gewaltig und intelligent

Michael Roth entzieht sich einer Beschreibung dessen, was er ist, was er tut und was er kann. Er ist ein Genie auf einem Gebiet, auf dem es noch nie eines gegeben hat.

Michael Roths Stimme ist gewaltig, aber das sollte nicht den Blick darauf verstellen, wie intelligent sie ist. Sie kann übergangslos zwischen verschiedenen Erzählebenen wechseln. Manchmal ist sie der humorvolle Mörder, der sich wie Hannibal Lecter der Abwegigkeit seiner Triebe bewusst ist und der Sinnlosigkeit jedes Versuchs, gegen sie anzukämpfen, und der über seine kleinen Eigenheiten zu lächeln gelernt hat. Manchmal, nicht zu oft, ist sie auch der kreischende Wutzwerg, der zu faul ist, gehässige Foren-Postings zu verfassen, und zum Ausgleich Menschen aufschlitzt. Sie kann aber auch der Erzähler sein, der kurz den Ton einer handelnden Figur imitiert und dann wieder mehr oder minder sachlich über die Not berichtet, die einen deutschen Soldaten während des Russlandfeldzugs dazu bringt, seinen Kameraden zu töten, um nicht zu verhungern: "Franz war nun mein Proviant ..."

Immer wieder ist sie die Stimme eines Menschen, der bemerkt hat, dass in ihm Böses wohnt. Er ist jedoch intelligent genug, um zu wissen, dass niemand nur böse ist, und nun fragt er sich: Was mag jetzt wohl als Nächstes kommen?

Man glaubt Michael Roth, wenn er singt. Seine Authentizität unterstreicht die Wahrheit dessen, was er erzählt. Aber so wie der Schriftsteller nicht seine Figur ist, so ist Michael Roth nicht der Mörder und nicht der Schlächter in seinen Texten. Er ist das Medium. Er berichtet wahrheitsgetreu.

Alles, was Eisregen spielen und singen, ist stimmig. Sie schaffen eine Einheit zwischen Ton und Text, die für jemanden, der gegenüber Dark Metal so viele Vorurteile hat wie ich, leicht unbemerkt bleiben kann.

Was in meinem Fall schade gewesen wäre. Hätte mir Herr Udo nicht das neue Album von Eisregen vorgespielt, wäre ich nie auf ihre brutalen, komischen, großartigen älteren Songs gestoßen.

Was immer man mir erzählt, muss ich mir vorstellen. Dieses Programm gehört zu meiner Grundausstattung und kann manchmal lästig sein. Aber wenn sich Michael Roth jemandes Stimme bedient, der überaus seltsame Dinge wahrnimmt, bin ich zumeist mit meinen Fantasiebildern zufrieden.

Etwa wenn er mit der Elektrohexe abrechnet: "Um 19 Uhr und 37 / Holt die kleine Hexe Reisig / Sie baut einen Besen draus / und fliegt nackig durch das Haus // Komm, hol die Antennen raus / Und flieg dann zum Fenster raus /Hey, hey, Elektrohexe, ferngesteuert und mobil / Hey, hey, Elektrohexe / Weil dich keiner haben will // Sie hat keine Schuhe an / Damit sie besser landen kann / Auf der Hexenlandebahn / Mit ihrem Kopf aus Marzipan //(…) Am Arsch ein Höhenmessgerät / Damit fliegt sie auch nachts ganz spät / Das zeigt ihr brav die Richtung an / Damit sie auch mal saufen kann (…)"

Oder wenn er Tipps gibt, was man bei schlechter Laune tun soll:

"Sag ›Nützt doch nichts!‹, wenn du traurig bist / Sag ›Abmatten ist angesagt!‹ / Sag ›Lack hier, ihr fiesen Schweine!‹ / Wenn dich dein Leben plagt // Wenn das nichts nützt, zieh die Konsequenzen / Denn kommst du gar nicht mehr gut drauf / Dann, mein Freund, lass den Kopf nicht hängen / Und häng dich lieber selber auf // Wenn das nicht nützt / Schneuz dir den Kasper / (…) / Dort bei den Eichen, im Wald / Bei hellstem Sonnenschein / Wirst du ein Mahnmal / Für all die andren Idioten sein / Lass ein paar Tage vergehen / Und dein Leib wird wirklich wunderschön / Wie er dort hängt, in seiner Pracht / Dass selbst die Sonne mit ihm lacht // Und wenn ein Sturm losbricht / Schneuzt er dir den Kasper / Schneuzt ihn dir heftig, schneuzt ihn dir hart / Nach dem Regen scheint wieder die Sonne / Und deine Leiche baumelt lustig im Park."

Wie gesagt, ich muss mir das alles vorstellen. Und ich habe beide Songs laut meiner Playlist schon über 300-mal gehört.

Wenn ich sage, dass Michael Roth für mich einer der größten zeitgenössischen Musiker ist, werden meinem Urteil bestimmt einige Menschen widersprechen. Etwa die Mitglieder der Bundesprüfstelle, die 2004 das Album Krebskolonie indizierte und der Liste B zuordnete, was bedeutet, dass es nach ihrer Einschätzung einen strafrechtlich relevanten Inhalt hat. In der Begründung wurden die Texte "grausam, menschenverachtend, frauenfeindlich, verrohend und sozialethisch desorientierend" genannt. Ferner stellte das Gremium eine "Jugendgefährdung" sowie eine "Verletzung der Menschenwürde" fest, und sie würden "eine dekadente morbide Ideologie propagieren". Wörtlich hieß es: "Die Bundesprüfstelle geht von einem Vorrang der Jugendgefährdung gegenüber dem geringen Kunstgehalt der Lieder aus."

Man wagt sich gar nicht auszumalen, was solche Raketenwissenschaftler über Bret Easton Ellis’ American Psycho zu sagen wüssten. Nach diesem Urteil spielten Eisregen jedenfalls sogar bei Konzerten vor Publikum mit einem Mindestalter von 18 Jahren keinen Song dieses Albums. Es setzt keine überdurchschnittliche Empathie voraus, um nachempfinden zu können, was es für einen Künstler emotional bedeutet, wenn seine Arbeit vieler Monate oder gar Jahre behördlicherseits für null und nichtig erklärt wird, von den finanziellen Folgen gar nicht zu reden. Dass auch noch die Alben Farbenfinsternis und Wundwasser sowie die Mini-CD Fleischfestival indiziert wurden und die Band somit vier Veröffentlichungen für den deutschen Markt verlor, wirft die drängende Frage auf, wer solche Gremien eigentlich besetzt, wer sie kontrolliert und ob er dies in ausreichendem Maße tut. Gibt es eine Bundesprüfstelle für Bundesprüfstellen?

Der Hagen von Tronje des Heavy Metals

Ich bin der Ansicht, dass Zensur und institutionalisierte geistige Schlichtheit unsere Jugend erheblich mehr gefährden als der Text eines Liedes. Dass es in Deutschland einem Amt möglich ist, die wirtschaftliche Basis von Künstlern zu untergraben, indem man ihrem Werk einfach den Kunstgehalt abspricht, ist fast so skandalös wie die Tatsache, dass es zu keinem Aufschrei der sogenannten kritischen Öffentlichkeit kam. Doch Solidarität mit Dark-Metal-Musikern auszudrücken bringt in Zeiten der Diktatur der sozialen Medien nicht den Sympathieertrag, der für die einzelnen Teile der Empörungsmaschine, zu der sich unsere Gesellschaft gewandelt hat, das einzige erstrebenswerte Ziel jeder öffentlichen Positionierung ist.

Wer Angst hat, seiner Seele schweren Schaden zuzufügen, und der Vorsicht halber erst einmal nur die Wirkung einiger weniger Songs von Eisregen auf ihre Menschenwürde testen will, der soll sich auf YouTube Tod senkt sich herab, Eisenkreuzkrieger, Mein Eichensarg und Elektrohexe anhören. Was, zu gefährlich? Nur eines? Dann Stahlschwarzschwanger! Hier als Produktwarnung ein Auszug aus dem Text:

Seit zwölf Tagen bin ich gereist / doch nur bei Licht der Nacht zum Trotze / Ich bin der Sonne schönstes Kind / weil mich ihr Schein zum Leuchten bringt // Des Nachts schlief ich im Staub der Straße / mein Antlitz dem Monde abgewandt / Will nie mehr seine bleiche Schönheit sehen / will nie mehr kalt im Dunkeln stehen // Ich bin der Sonne wirklich zugetan / schau aufmerksam die Welt bei Lichte an / und weine, weil es mich nicht wärmen kann // ich bin allein / so allein in meiner Haut. // (…) Ich schaue zu, wie der Nachmittag stirbt / die blassen Abendnebel ziehen auf / um mich herum das Licht verglüht / als ob es mich das letzte Mal berührt. // Doch das Sonnenlicht reinigt mich nicht / war zu tief im Abgrund / ein Teil davon / Stahlschwarzschwanger // Seit tausend Jahren / bin ich gereist / bei Mondeslicht dem Tag zum Trotze // Ich bin des Nachtwinds schönstes Kind / Weil mich sein Hauch zum Leben bringt."

Was für eine Stimme!

Ich finde, der Himmel ist mir noch den einen oder anderen Gefallen schuldig. Für den Anfang könnte er dafür sorgen, dass mich eine Oper beauftragt, die Nibelungen neu zu texten. Wer immer die Musik dazu komponiert: Ich will Michael Roth in einem Opernhaus den Hagen von Tronje singen hören. Vielleicht könnte die Bundesprüfstelle ja diesmal ein Auge zudrücken und über den geringen Kunstgehalt hinwegsehen.