Immer mal wieder trifft eine wissenschaftliche Entdeckung perfekt die herrschende Zeitstimmung. Ein gutes Beispiel ist Einsteins Allgemeine Relativitätstheorie, die er mitten im Ersten Weltkrieg vorstellte und die den damaligen Zeitgenossen wie die physikalische Bestätigung ihrer alltäglichen Erfahrungen erschien. Lebten sie doch selbst in einer Zeit, in der das Unterste zuoberst gekehrt wurde und alle Werte relativiert schienen.

Heute, rund hundert Jahre später, passt Einstein wieder zum Zeitgeist. Diesmal allerdings mit einer Folgerung, die sich aus der Relativitätstheorie ergibt: der Existenz von Gravitationswellen, die dieses Jahr ihren großen Auftritt haben. Die Besonderheit dieser Wellen? Sie bewegen sich nicht innerhalb der gewohnten Raumzeit, sondern lassen die Raumzeit an sich erzittern – eine Eigenschaft, die sie für politische Vergleiche geradezu prädestiniert.

Denn haben wir im abgelaufenen Jahr nicht erlebt, wie der gewohnte politische Raum ins Wanken geraten ist? Dass Veränderungen nicht mehr innerhalb des gewohnten Systems stattfanden, sondern dass sie das System an sich infrage stellten und für unverrückbar gehaltene Grundpfeiler der Demokratie erzittern ließen?

Dazu passt, dass Gravitationswellen oft dadurch entstehen, dass im Kosmos riesige Schwarze Löcher kollidieren (was 2017 mehrfach beobachtet wurde). Auch in der Weltpolitik hat sich ein Schwarzes Loch namens Trump aufgetan, und bang verfolgt die Öffentlichkeit, wie es auf die dunkle Galaxie Nordkorea zurast. Die Folgen eines Zusammenpralls ließen sich wohl nicht einmal mit Einsteinscher Mathematik berechnen.

So sind die Gravitationswellen das passende Signet dieses Jahres. Das hat auch die Deutsche Post erkannt, die am 7. Dezember eine entsprechende Briefmarke herausgibt: Sie zeigt eine numerische Simulation jener berühmten Gravitationswelle, die von zwei umeinander kreisenden Schwarzen Löchern abgestrahlt wurde und für deren Entdeckung am 10. Dezember in Stockholm der Nobelpreis verliehen wird.

Zum Glück lassen sich aus der Physik nicht nur düstere Parallelen zur derzeitigen Politik ableiten. Sie verheißt auch Lichtblicke, wie im Oktober dieses Jahres, als eine neue astronomische Ära begann: Da hatte eine Gravitationswelle, die von zwei rotierenden Neutronensternen ausgesandt worden war, eine weltweite Gemeinschaftsaktion ausgelöst, an der 70 Observatorien rund um den Globus beteiligt waren. Die Kombination von herkömmlicher und Gravitationswellen-Astronomie eröffnete den Forschern gleichsam einen neuen Wahrnehmungssinn für das kosmische Treiben.

Vielleicht macht auf ähnliche Weise das Erzittern der politischen Systeme nun auch Prozesse sichtbar, die bisher unter der Wahrnehmungsschwelle lagen – was die Voraussetzung ist, um solche Umbrüche zu bewältigen. Wie viel Geduld das kosten kann, weiß niemand besser als die Physiker: Sie haben schließlich hundert Jahre gebraucht, um die von Einstein postulierten Wellen wirklich zu finden.