Wenige Menschen werden zum Verb. Der Großreformator und Übersetzer von Gottesgnaden hat es aber geschafft, es lutherte mächtig in diesem Jahr. Als Rezitatorin begann mein persönliches Lutherjahr mit der Buchvorstellung von Denn wir haben Deutsch, einer Auseinandersetzung vieler illustrer Autoren mit dem furiosen Sendbrief vom Dolmetschen, den Luther 1530 schrieb und der seither als die Fackel der Legitimierung der Übersetzungsleistungen zahlreicher tapferer – und seit je unterbezahlter – Übersetzerinnen und Übersetzer in nah und fern kann gelten. Kann gelten … Sie lesen’s schon: Es luthert.

Diese Buchvorstellung trug sich in vielerlei Formen im Literarischen Colloquium am Wannsee zu, und dort wurde ich von einer Planerin des Bundespräsidenten a. D. Gauck entdeckt und kurzerhand zu einem herbstlichen Auftritt als Luther-Vorleserin ins Schloss Bellevue eingeladen. Für diesen Abend flog ich aus einem durch und durch, aber in denkbar anderer Hinsicht reformierten Land, nämlich Japan, heran, wo ich damals als Stipendiatin des Goethe-Instituts am Entenfluss in Kyoto lebte. Luther ist also auch eine Art Gummiband, das uns Deutsche überall auf der Welt einzuholen und zurückzuschnalzen versteht, selbst die Katholikin Gomringer.

Erfurt, Lutherstadt Wittenberg, Weißenstadt, Bamberg, Rehau, Nürnberg – in diesem Jahr war überall etwas los und wenn nicht, wurde ich des Öfteren mit Baby Sommer oder Philipp Scholz, den Schlagzeugern, denen 95 Anschläge kein Problem bedeuten, eingeladen, wissenschaftliche und fabulierende, musikalische und heitere Texte des Theologen, Moralisten, Sprachmaschinisten, Polterers Martin Luther im Verbund mit Jazz vorzustellen. Ich tat dies mit dem Trumpf der Überraschung in der Hand: Luther funktioniert ausgezeichnet, vor allem mit kritischen und lobenden Stimmen "garniert", wie etwa von Thomas Mann oder Heinrich Heine.

Fast will man denken, man könnte den misogynen, antisemitischen, wütenden "Tumult"-Macher ein bisschen besser verstehen. Doch mir ist es letztlich nicht gelungen. Ich bin ganz froh, dass es nun wieder etwas stiller werden kann um Playmobil-, Quietscheenten-, Plätzchenförmchen-Luther. Doch bereichert möchte ich mich nennen um den Besuch der gewaltigen Schau Luther und die Avantgarde im Alten Gefängnis in Wittenberg.

Die Werke von 66 zeitgenössischen Künstlerinnen und Künstlern, die sich mit Luther, dem Status der Reformation und der Bedeutung des Geistes der Aufklärung und Selbstermündigung, auseinandersetzen, erlebte ich mit körperlichem Ein- und Nachdruck beim Gang durch die alten Gefängniszellen. Freiheit hinter Gittern lautete der Untertitel der Schau. Besonders eindrücklich war für mich der orange Boxhandschuh Erwin Wurms, der in seiner Leuchtkraft und Dimension gar nicht erst ins Innere des Gebäudes passte. Die Legende Ali stand Luther in nichts nach, wenn’s um das große, den Gegner herausfordernde "Aufsprechen" ging, dachte ich mehrmals auf meinem Rundgang, der mit einem unfassbar erheiternden Film zu einem Jesus-Casting im Vatikan von Christian Jankowski begann.

Auf dem Weg durchs Ausstellungshaus streckte uns Maurizio Cattelan den Papst-Ring zum Kusse als weitere Faust plakativ entgegen. Mit so viel Wucht traf sie meinen Geist, dass auch die Neuverteilung des Vokabulars auf dem Plakat wie zerstobenes Material wirkte: Luther & The Avant Garde. Das klang wie "Luther und die glorreichen Reform Atoren" und schien auf einen guten alten Film der achtziger Jahre mit Bud Spencer anzuspielen.

Der chinesische Künstler Zhang Peili ließ derweil verschiedene Tranistorradios vor sich hin schnarren, summen und singen und ein Mikro im Zufallsrhythmus mal das eine, mal das andere Gerät verstärken. Wir vermeinten, aus dem Lärm und dem allgemeinen white noise hier und da etwas Besonderes zu vernehmen. Das Mikro als Verstärker, der Verstärker im Modus des Zufallsprinzips – als lutherisch kann wohl der Gedanke des Verstärkens und Genau-Hinhörens gedacht werden.

Der Reformator als Dekodierer wurde von Xu Bing in verblüffender Konsequenz weitergedacht. Die von ihm gestaltete Zelle erschien wie ein Übersetzerlabor, das Ottl Aicher helle Freude gemacht hätte: Der Künstler überführte das Alte und das Neue Testament in eine Symbolsprache und öffnet die Heilige Schrift somit der ganzen auf Smartphone-Basis agierenden Welt, dem universalen Zeichenschatz zugewandt. Chef-Semiotiker Umberto Eco fehlt, dachte ich da.

Paloma Varga Weisz ließ eine menschengroße Gliederpuppe an langen Strippen an der Körpermitte immer wieder nur wenige Zentimeter nach oben ziehen, was die bäuchlings liegende, nackte Gestalt unheimlich ohnmächtig zeigte und einen jeden Betrachter seufzen ließ. Mich machte der Anblick der von unsichtbarer Macht und Willkür gesteuerten Person auch wütend. Eine lutherische Regung, die Wut!

Die Geduld hingegen führte Robolab uns vor. Ein Schreibroboter schrieb Buchstabe um Buchstabe in Fraktur das Alte und Neue Testament nach. Ich stand neben einer fassungslosen Betrachterin, die immer nur murmelte: wie die Mönche, wie die Mönche! Und ich setzte hinzu: wie wir heute und immerdar, denn wer glaubt, schreibt dieses Buch ständig neu.

66 Positionen zum Thema machten einen hier satt und reicher. Zum Glück bleiben von mancher anderen, von mir schmerzlich vermissten oder gar verpassten Ausstellung gelungene Kataloge! In der Nürnberger Ausstellung Luther, Kolumbus und die Folgen, die ein Panoptikum des Entdecker- und Schöpfergeistes großzügig und anziehend aufgefächert hatte, stand ich und wurde vor einem winzigen Exponat lange geküsst: vor dem nicht ganz harmlosen Vitzliputzli, einem hockenden Affen. In Wittenberg war einem nicht nach Küssen, es war einem nach Kampf. Und damit war’s ein rechtes Luthern.