Der wichtigste Satz für die Wissenschaft in diesem Jahr kommt ohne Einschub oder Semikolon aus, weist weder komplexe Gedanken noch bahnbrechende Erkenntnisse auf, ist eine simple Feststellung. Veröffentlicht wurde der Satz nicht in Science oder Nature, niemand mit Doktorgrad hat ihn geschrieben, sondern ein Internetnutzer namens "beaverteeth92", Biberzähne92, im sozialen Netzwerk Reddit.

Es ist der 20. Januar, Tag der Amtseinführung von Donald Trump. Online verbreitet sich die Nachricht, das Weiße Haus habe direkt alle Referenzen auf den Klimawandel von seiner Website getilgt. Diese Meldung veranlasst beaverteeth92 zu seinem Kommentar: "There needs to be a Scientist’s march on Washington." (Es braucht einen Marsch der Wissenschaftler nach Washington.)

Auch ein Unbekannter mit Nagetierpseudonym kann Großes formulieren.

Seine Idee gewinnt schon Sekunden später erste Anhänger. Sogleich kommentierten weitere Reddit-Nutzer: "Das wäre der Wahnsinn", "Ich würde aus Hawaii einfliegen, um dabei zu sein", "Wenn das jemand organisiert, marschieren mein Vater und ich mit, ich bin Physiker, er ist Biologieprofessor", "Ich bin ein Künstler mit Leidenschaft für die Wissenschaft. Ich marschiere auch mit!" Und so weiter und so fort.

Später ergänzt beaverteeth92 seinen Kommentar: "Anscheinend passiert es wirklich!" Er verweist auf eine Facebook-Gruppe, die irgendwer gegründet habe. Sie heißt: March for Science.

Die Idee infiziert in den folgenden Monaten den Globus – und springt am 22. April aus dem Internet auf die Straße. Von Boston bis Melbourne, in Tübingen und Toronto, unter der Sonne von Blantyre, Malawi, ebenso wie im Schnee am Nordpol protestieren Menschen gegen die um sich greifende Wissenschaftsfeindlichkeit. Es sind viele Hunderttausend.

Aus einem beiläufig klingenden Internetkommentar ist ein globales Moment der Selbstvergewisserung geworden: Der Wert von Wissenschaft, der von Faktenallergikern wie Donald Trump permanent infrage gestellt wird, muss aktiv verteidigt werden.

Ideengeber beaverteeth92 bleibt derweil lieber weiter anonym. Und besonders viele Fragen hat er nicht beantwortet. Unsere Person des Jahres ist er trotzdem.