Was war das? Ein aufgebockter, eckiger Riesenwal? Ein Luftschiff aus Waschbeton? Das Ding hing in der Luft, es glitzerte und blendete, ein goldenes Gebilde links begann zu leuchten. War das Maria Regina Martyrum?

Vom Berliner Bahnhof Jungfernheide aus war ich unter Platanen an Autowerkstätten und Gebrauchtwagenhändlern vorbeigegangen, vorbei an einer eingezäunten leeren Wiese, einem allein stehenden Wohnhaus, dem Abholmarkt Akbaba und einem Großhandel, in dem ich alles für die Cocktailbar hätte erwerben können, die ich nie eröffnen werde. Ich hatte die Galerie der Haltestellen in der Lise-Meitner-Straße bewundert, eine Straßenmöbelinstallation, nicht weniger als sechs Schilder an sechs Rohrpfosten zeigten die Endhaltestelle der Buslinie M21 an, auf einigen war die Aufschrift "Hier nur Ausstieg" zu lesen. Ich hatte einen Bagger beobachtet, der sich durch die Gewerbehallen fraß, in denen "Teppichland Berlin" seine Auslegeware verkauft hatte, und einem der herumkurvenden Fahrschulwagen zugesehen, die in dieser Sackgasse Ein- und Ausparkmanöver übten. Ein Gelenkbus war durch die Wendeschleife am Ende der Straße gefahren (für seinen Fahrer fing alles wieder von vorn an), und ich war die großzügige, aus Beton gegossene Spirale hinaufgegangen, die auf den Goerdelersteg, eine Fußgängerbrücke aus Spannbeton, führte, 117 Meter lang und 4,5 Meter breit, 1974 anstelle eines alten Holzsteges erbaut, wie mein Telefon mir verraten hatte, ich hatte eine Skulptur bestiegen, ein unter all ihren Graffiti und Tags (PALO, Polska 65, Sheriff) tarngrün gestrichenes Sichtbetonjuwel. Ich war dem Schwung der hüfthohen Betonbrüstung gefolgt und hatte den Westhafenkanal unter mir, sein Wasser rau, grau-metallisch bewegt, in Richtung Westhafen lagen leere Schubkähne in langer Reihe am linken Ufer, neben ihnen zog die Stadtautobahn sich schnurgerade am Kanal entlang, der Verkehr rauschte, und über Kleingärten hinweg hatte ich riesige weiß lackierte Öltanks und die Justizvollzugsanstalt Plötzensee ausmachen können, neben ihr lag, wie ich wusste, die ehemalige Hinrichtungsstätte, in der in den Jahren bis 1945 fast 3000 Gefangene geköpft oder gehängt worden waren, unter ihnen auch Carl Friedrich Goerdeler, der Namensgeber der Brücke, auf der ich stand. Die Kleingartenkolonien, die sich bis zum Horizont erstreckten, trugen (auch das hatte mir mein Telefon verraten) Namen wie Gute Hoffnung, Gemütlichkeit oder Wiesengrund.

Jenseits des Kanals und der Stadtautobahn war ich hinabgestiegen in das Kleingartenlabyrinth, ich hatte Schmetterlinge in der Kolonie Stichkanal fliegen sehen, Marmortische auf schmalen Verbindungswegen und Kunststoffschilder, die vor Pudeln warnten. Hinter den Zäunen schien ein Garten mit dem anderen zu konkurrieren, es roch nach Wettbewerb und überreifen Äpfeln, die Grundstücke erinnerten an aufgeräumte Wohnzimmer, ich hatte Schäferhundskulpturen gesehen und Rasenstücke, die wie Teppichböden zurechtgeschnitten waren. Eine Frau, sie jätete Unkraut am Asternweg, hatte freundlich zurückgegrüßt, in einem Glaskasten hatte ich die Wörter "Unterpächter" und "Vernässungssituation" gelesen (vermutlich zum ersten Mal), war auf die Wendung "nach dem Jahrhundertregen" gestoßen und hatte mich über die Ankündigung für das "Bienenfest am Querweg" gefreut, "Bis bald am Beet", lautete der Abschiedsgruß unter dem Aushang.

Ich war dann an einem Sportplatz, einem Jugendzentrum und verwahrlosten Vorgärten der ersten Häuser der Paul-Hertz-Siedlung vorbeigewandert, die nach dem Krieg in die Kleingartenlandschaft hineingeklotzt worden war. Aus einem geöffneten Fenster im vierten Stock hatte ich einen Mann brüllen hören "Kommste hoch? Oder biste zu feige?" – aber er hatte nicht mich, sondern einen Mann an der Bushaltestelle gemeint, einen Mann Mitte sechzig mit längerem, fast weißem Haar, Metallgestellbrille und einer nicht zugeknöpften schwarzen Lederweste über Unterhemd und Bauch, eine Plastiktüte in der Hand. Er hatte sich umgedreht, geblinzelt und gerufen: "Klingel?"

In einer Vitrine vor dem bröckelnden Gemeindezentrum Plötzensee hatte ich Strick- und Häkelsachen der Handarbeitsgruppe der evangelischen Gemeinde betrachtet, Pullover und Stofftiere, eine von zwei Erzieherinnen begleitete Kindergartengruppe war mir entgegengekommen, alle Kinder in gelben Warnwesten, und ich war einem nicht alt wirkenden Mann begegnet, der sich, Fluppe im Mund und auf einen Rollator gestützt, nur in Zeitlupentempo vorwärtsbewegte. Schließlich hatte ich durch das offen stehende Tor in der Mauer den großen Hof vor der Kirche betreten – so leer, so weit und schön –, hier stand ich nun auf sanft abfallendem Kopfsteinpflaster, sah Maria Regina Martyrum und staunte über diesen schwebenden Waschbetonschrein, den scheinbar schwerelosen Kasten, dessen Fassade (erdacht vom Würzburger Dombaumeister Hans Schädel, mein Telefon half mir wieder) ein wenig an die der Charlottenburger Deutschen Oper, an manches Parkhaus und einige bereits abgerissene westdeutsche Kaufhäuser erinnerte. O du schöner Waschbeton, Oberfläche deiner Zeit.

Unter der in vier Meter Höhe schwebenden Kirche, dort, wo Profanbauten Raum für Parkplätze gelassen hätten, sah ich einen Altar für Freiluft-Gottesdienste, bis zu 10 000 Gläubige sollen in früheren Jahren auf diesem Appellhof des Glaubens Platz gefunden haben, heute war ich fast allein. Ich fühlte mich wie in einem großzügigen, sicher ummauerten Kleingarten ohne Pflanzen, dies war nun mein brutalistischer Hortus conclusus ohne Rosenhag, übermannshohe, schwarz-graue Waschbetonplatten (Zuschlag: Basaltsplitt) schützten mich; die zum Zeitpunkt der Grundsteinlegung 1960 noch nicht ganz eingemauerte Stadt West-Berlin hatte sich hier ein sicheres Fort erbaut.

"Die Tür ist offen", rief ein Mann in einem grauen Kittel, der das Pflaster kehrte und sich, wie ich nun sah, ab und zu bückte, um Moos und winzige Unkrautpflänzchen aus den Ritzen zwischen den Granitsteinen zu kratzen, der zur Straße hin frei stehende Glockenturm warf einen kurzen harten Schatten neben ihn. So ermuntert, traute ich mich durch die Glastür, ging an der Betontreppe zur Oberkirche vorbei, kam zu einer Bronze-Pietà (von Fritz Koenig), vor der vier brennende Kerzen und ein Strauß rosafarbener Gerbera auf dem Steinboden standen, in dem ich die eingemeißelte Inschrift entdeckte, die da lautete: "Allen Blutzeugen denen das Grab verweigert wurde / Allen Blutzeugen deren Gräber unbekannt sind". Ich verstand, Regina Maria Martyrum war die "Gedächtniskirche der deutschen Katholiken zu Ehren der Blutzeugen für Glaubens- und Gewissensfreiheit in den Jahren 1933–1945".

Während ich die in einem kleinen Schaukasten ausgestellten Abschiedsbriefe der in Plötzensee hingerichteten Alfred Delp und Nikolaus Groß las, begannen die Glocken zu läuten, ganz unbeabsichtigt war ich pünktlich zum Mittagsgebet der Nonnen des benachbarten Klosters der Unbeschuhten Karmelitinnen nach Maria Regina Martyrum gekommen, die Nonnen, sie sangen bald Meine Hoffnung und meine Freude, saßen zu meiner Enttäuschung jedoch nicht barfuß in der Unterkirche, trotzdem lauschte ich ihrem nicht wirklich steinerweichenden, aber doch anrührenden Gesang und dachte über mein Problem mit dem Wort Blutzeuge nach: Wenn der Begriff auch eine seit dem 17. Jahrhundert gebräuchliche Eindeutschung des griechischen "Märtyrer" sein mag – durch die ausgiebige Verwendung in der Zeit, an deren Untaten hier eigentlich erinnert werden soll ("Blutzeugen der Bewegung"), ist er doch kontaminiert.

Ich stieg hinauf in die Oberkirche und sah eine südfranzösische Madonna mit Kind aus dem frühen 14. Jahrhundert, das helle Holz der Bänke und das Altargemälde, das fast die ganze Stirnwand einnahm – nackter Stein hätte mir besser gefallen, aber was weiß ich, ich bin ja Protestant. Ich berührte, das war wohl nicht verboten, den Sichtbeton der Seitenwände, auf denen die Maserung der Schalungsbretter sichtbar war, was ihnen eine Anmutung von versteinertem Holz mit Abdrücken von Astlöchern gab, ich fragte mich, liebe ich Sichtbeton so sehr, weil meine Mutter ihre Kriegskindheit im Luftschutzbunker verbringen musste? Oder mag ich fast alle brutalistischen Betonbauten so sehr, weil sie ungefähr so alt sind wie ich selbst, ein wenig älter (wie diese Kirche) oder ein wenig jünger (wie der Goerdelersteg, über den ich hierhergefunden hatte)?

Draußen auf dem Hof, nun wieder geblendet von der glitzernden Carrara-Kieselwand (hergestellt mit Weißzement) und der vergoldeten Apokalyptischen Frau über dem Eingang (ebenfalls von Fritz Koenig), fiel mir auf, dass diese Kirche, dieses Betonwunderwerk mit seiner schwebenden Klagemauer-Fassade, nicht nur an die Ermordeten erinnert, an Helmuth James Graf von Moltke, Bernhard Lichtenberg und all die anderen, die in Plötzensee oder anderswo hingerichtet worden waren, sondern, ob sie möchte oder nicht, auch an ein anderes, heute verschwundenes Betonmonument – an die nur wenige Hundert Meter entfernt von hier 1993 abgerissene Speerplatte, einen nach Albert Speer benannten, etwa zehn Hektar großen horizontalen Großbelastungskörper aus Beton mit Bunkerbauten, auf dem die Logistik für die geplante Superbaustelle Germania abgewickelt werden sollte. Heute befindet sich dort ein Gewerbegebiet.

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