Altötting: Ein Pole fühlt sich zu Hause

Schwer zu glauben, wie groß die Temperaturunterschiede sein können. Am frühen Morgen war es klirrend kalt hier in Altötting. Ein dicker Nebel hing über dem zentralen Kapellplatz und ließ die barocken Fassaden verschwimmen. Am Mittag ist es wieder klar und warm. Sehr warm. Es ist eine dieser verrückten Oktoberwochen, in denen die Sonne scheint wie im Sommer. Schals und Jacken, ohne die man sich am Morgen nicht aus dem Haus wagt, landen in Taschen oder Fahrradkörben. Die Leute sind gierig nach den letzten Sonnenstrahlen.

"Sie kommen also aus Polen? Sie pilgern, oder?", fragt ein Mann, der in der Nähe der Gnadenkapelle neben mir auf einer Bank sitzt. Irgendwie schon, sage ich. Er schaut mich verwundert an. Na ja, ich sei dienstlich unterwegs, aber wolle natürlich auch die Schwarze Madonna sehen, erkläre ich. "Die gibt’s ja auch bei uns in Polen, in Częstochowa, nur eine Autostunde von meinem Geburtsort Katowice entfernt. Und auch dort wird sie leidenschaftlich verehrt." Im Vergleich zu dem wuchtigen Kloster in Częstochowa, das selbst die Schweden nicht erobern konnten, als sie Mitte des 17. Jahrhunderts Polen überfielen, wirkt die Gnadenkapelle von Altötting allerdings bescheiden: ein weiß verputztes Kirchlein mit zwei kupfergedeckten Türmchen auf einem großen Platz.

Ist man erst mal drin, sieht es schon ganz anders aus. Die düstere Bilderpracht, die andächtige Stille, die Ernsthaftigkeit im Gebet – all das kenne ich gut von zu Hause. In Częstochowa hängt die mit Blut befleckte Schärpe, die Johannes Paul II. trug, als er von einem Attentäter auf dem Petersplatz angeschossen wurde. Der polnische Papst hat überlebt. "Maria hat geholfen", sagen die Polen. Auch von der Altöttinger Maria scheint eine geheimnisvolle Kraft auszugehen. Selbst die ganz alten Leute harren vor ihr auf den Knien aus, bis sie die ganze Perlenkette des Rosenkranzes durchgebetet haben. Im Rundgang liest man auf Hunderten frommer Dankbarkeitsbekundungen Geschichten von Kranken, die ihre Heilung der Muttergottes zuschreiben, von Betrübten, denen sie Erleichterung schenkte.

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Ich lebe seit sieben Jahren als Korrespondent in Berlin, wo die protestantische Pfarrerstochter Merkel auch mein Deutschlandbild prägt: sehr nüchtern, pragmatisch und ziemlich ideologiefrei. Eine fremde Umwelt für einen Polen. Was ich über Bayern gehört habe, klingt schon viel polnischer: der tief verwurzelte, ins Abergläubische lappende Katholizismus und das konservative Fremdeln mit der Moderne. Das ordnungspolitische Gepolter der CSU kommt mir vertraut vor. Altötting wiederum beschreibt sich selbst als das Herz Bayerns. Und in Altötting wurden bei der Bundestagswahl die Rechtspopulisten von der AfD die zweitstärkste Partei. Kann es also sein, dass Deutschland den Polen hier am nächsten ist?

Auf dem Kapellplatz blüht um die Mittagszeit der Handel mit Devotionalien. Schwarze Madonnen in verschiedenen Formen und Größen, Skulpturen von Jesus, der Heiligen Familie, Kreuze, Kerzen, Weihwasser und Rosenkränze. Weihrauchduft durchweht die Gassen. Priester und Nonnen kreisen zwischen Kirchen und Klöstern. Glocken läuten.

Etwa 13.000 Leute leben in Altötting, dazu kommen jedes Jahr gut eine Million Pilger. Es ist der wichtigste Wallfahrtsort Deutschlands. Auch Johannes Paul II. war hier. 1980. Der Mann, der mich eben für einen polnischen Wallfahrer gehalten hat, kann sich gut erinnern. "Ich habe ihm die Hand geschüttelt", sagt er. "Einem Heiligen die Hand zu schütteln ist etwas Besonderes." Zur Erinnerung an diesen Besuch haben die Altöttinger vor dem Bruder-Konrad-Kloster eine Linde gepflanzt. Eine Bronzefigur des polnischen Papstes schaut über den Kapellplatz. Ich kenne diesen milden, leicht sorgenvollen Blick. In Polen sind Statuen von Johannes Paul II. so allgegenwärtig, dass man sie für Landschaftselemente halten könnte. Meistens schaue ich durch sie hindurch. Doch hier im fernen Oberbayern freue ich mich über Johannes Paul II., als träfe ich einen alten Bekannten.

Später, während ich im Vorzimmer des Bürgermeisters warte, habe ich schon wieder ein Déjà-vu. Mein Blick fällt auf das große Kruzifix an der Wand. Vor Jahren haben zwei konservative polnische Abgeordnete ein solches Kreuz im Warschauer Plenarsaal aufgehängt. Heimlich, am späten Abend. Weil sie keine Leiter hatten, stiegen sie auf den Sessel des Parlamentspräsidenten. Ein Abgeordneter ist vom Sessel gestürzt und hat dabei die halbe Tür herausgerissen. Anschließend gab es einen großen Streit über die weltanschauliche Neutralität des Parlamentes. Doch das Kruzifix hängt immer noch. Gegen das Kreuz will man in Polen nicht kämpfen.

Die Tür geht auf. "Grüß Gott!", ruft Herbert Hofauer, der Erste Bürgermeister von Altötting. Über das Kruzifix im Rathaus sagt er später beim Kaffee: "Wir leben im katholischen Bayern. Wir wollen uns nicht verleugnen." Hofauer ist 61, hat einen grauen Schnurrbart und regiert in der Stadt seit 22 Jahren. Er ist nicht bei der CSU, sondern bei den Freien Wählern. Dass bei der Bundestagswahl die AfD in Altötting so gut abgeschnitten hat, war für ihn ein Schock. Hofauer will nicht in die Diskussion darüber einsteigen, ob die "Wir schaffen das"-Politik von Angela Merkel richtig war. Nur so viel: Als Christ könne er nachvollziehen, dass "man im Sommer 2015 den Ereignissen in Ungarn nicht mehr einfach zuschauen konnte". In Polen wäre er mit dieser Haltung ein Linker. Bei uns endet die christliche Nächstenliebe zurzeit an der Landesgrenze. Die 15 Prozent der Altöttinger, die die AfD gewählt haben, würden wahrscheinlich die polnische Lösung favorisieren.