Quedlinburg: Die ganze Region ist von Sagen umwoben. © Andreas Vitting/imageBROKER RM/F1online

Quedlinburg: Eine Britin wird romantisch

Die engen, verwinkelten Gassen tragen kurze, aussagekräftige Namen wie Stieg, Klink oder Hölle. Die krummen Fachwerkhäuser lehnen sich eng aneinander; an manchen Stellen könnten sich Nachbarn über die Straße hinweg die Hände schütteln, wenn sie sich im ersten Stock weit genug aus dem Fenster lehnten. In der Abenddämmerung zeichnen sich die schwarzen Silhouetten der gotischen und romanischen Kirchen und Türme gegen einen dunkelblauen Himmel ab.

Quedlinburg ist Deutschland wie aus dem Märchenbuch. Und nicht nur das: Die Stadt hält sich sogar für die Wiege der deutschen Nation. Heinrich der Vogler wurde hier im Jahr 936 bestattet. Er galt lange als erster deutscher König im deutschen Reich. Seine Frau Mathilde wurde hier Äbtissin. 900 Jahre lang wurde die Stadt anschließend von Frauen regiert.

Ich bin in Quedlinburg zu Hause – nicht nur vom Gefühl her. Ich habe vor neun Jahren eine Ruine gekauft, ein Fachwerkhaus. Es war damals in einem miserablen Zustand, voller Pilze und anderer Pflanzen, die ich nicht erkennen konnte oder wollte. Die rückwärtige Mauer fehlte; stattdessen hing dort eine Plastikplane herunter. Das Dach war durchlöchert; überall nur Schutt, Dreck und Staub.

Das Haus war trotzdem etwas ganz Besonderes. Das Kellergewölbe stammt aus dem 12. Jahrhundert, der Dachstuhl und die Seitenwände aus Fachwerk mit Weidengeflecht und Lehm sind 600 Jahre alt. Wie die ganze Altstadt von Quedlinburg ist das Haus Unesco-Weltkulturerbe.

Achtzehn Monate lang haben Architekten und eine Reihe von denkmalerfahrenen Handwerkern mit viel Liebe zum Detail gearbeitet. Es entstand ein wunderschönes Haus mit einem vier Meter hohen Wohnzimmer und viel Licht.

In den vergangenen acht Jahren haben mich zahlreiche Berliner besucht, aber auch Briten, die noch nie in Deutschland waren. Die meisten kommen immer wieder. Sogar diejenigen, die mich beim Kauf damals für verrückt hielten. Meine Familie aus England kam im Sommer zu zehnt. Wir schwammen in den Seen, wanderten in den Bergen und schlenderten durch die schönen alten Städte des Harzes.

Die ganze Region ist von Sagen umwoben, die an eine vorchristliche Epoche erinnern – eine Zeit, in der Hexen mit dem Teufel tanzten und Prinzessinnen auf sechsbeinigen Pferden über Flüsse sprangen. Böse hässliche Hexen findet man noch überall – auf den Dächern, in Kneipen und Cafés, auf Schildern und haufenweise in den kleinen Verkaufsbuden am Hexentanzplatz in Thale. Dort wird noch richtig Walpurgisnacht gefeiert, mit gruseligen Kostümen, Schlagern und viel Bier.

Die Sehnsucht nach dem Mittelalter, die romantische Autoren wie E.T.A. Hoffmann pflegten, lernte ich als Studentin der deutschen Literatur in den achtziger Jahren in London zu teilen. Das Mittelalter als dunkle, geheimnisvolle Ära hat mein Deutschlandbild sehr geprägt.

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Wenn tobende Mönche bewusstseinserweiternde Tränke zu sich nehmen und von unheimlichen Doppelgängern durch die Landschaft verfolgt werden wie in Hoffmanns Die Elixiere des Teufels beschrieben, dann könnte das durchaus im Harz stattfinden. Die Kulissen dafür sind jedenfalls vorhanden: dichte Wälder, dramatische Felsen, dazu einsame Burg- und Klosterruinen.

Nicht nur die Nostalgie, sondern auch Ostalgie zog mich nach Quedlinburg. Nach dem Studium, noch zu DDR-Zeiten, hatte ich ein Jahr in einer anderen Ecke von Sachsen-Anhalt verbracht: in Halle. Von 1989 bis 1990 unterrichtete ich dort an der Martin-Luther-Universität Englisch und erlebte damit die Wende auf der östlichen Seite des Eisernen Vorhangs. Dieses Jahr war ohne Zweifel das prägendste meines Lebens und hinterließ bei mir das (zugegeben subjektive) Gefühl, dass Ostdeutschland das authentische, echte Deutschland sei.

Jetzt pendle ich zwischen der Hauptstadt und Quedlinburg und versuche so oft wie möglich im Harz zu sein. Ich freue mich schon auf den Weihnachtsmarkt, wenn die Aromen von Glühwein, Apfelpunsch und gebratenem Wildschwein durch die Gassen wehen und Kerzen und Lichterketten die gepflasterten Höfe beleuchten.