Pasewalk: Unerwartetes, Ungekünsteltes © Georg Knoll/laif

Pasewalk: Eine Italienerin findet Süditalien

Eine der beliebtesten Touren italienischer Fahrradurlauber führt durch Mecklenburg-Vorpommern. Italiener mögen die harzige, vermooste Landschaft des Nordens, dieses fremde, graue Meer namens Ostsee. Im Sommer sieht man sie in großen Pulks auf dem Radweg, der sich von Berlin bis nach Usedom erstreckt. Doch so richtig scheint man sich hier oben noch nicht an uns gewöhnt zu haben. Während ich im Zug kurz vor Pasewalk leise auf Italienisch telefoniere, herrscht mich ein Herr um die sechzig an: "Scheißkanake". Mit fällt die Kinnlade runter. Dann muss ich laut lachen: Was für eine altmodische Beleidigung! Als "Scheißkanake" wurde ich zum letzten Mal in den siebziger Jahren beschimpft, im Dorf meiner niedersächsischen Großeltern, als ich meinem Bruder etwas auf Italienisch zurief.

Andererseits: Ich bin nicht zum ersten Mal in Mecklenburg-Vorpommern, ich kenne den Fremdenhass, der sich auch in Wahlergebnissen niederschlägt. Ich weiß um die Nazi-Landsmannschaften, die sich hier breitgemacht haben. Doch so abwegig es für deutsche Ohren klingt: Ich mag diesen Landstrich, weil er mich an Süditalien erinnert. Dort hat die Mafia schon vor Jahrzehnten den Ruf ganzer Regionen ruiniert. Und ja, man sieht diese rechten Typen dort überall, aber man trifft auch auf so viel Unerwartetes, Ungekünsteltes, auf großartige Menschen und eine zum Niederknien schöne Natur. Trotzdem bin ich leicht benommen, als ich in Pasewalk aus dem Zug steige. Der Herr murmelt zum Abschied etwas von "Sau", wenig später radele ich auf meinem vollbepackten Fahrrad durch die Dämmerung.

Mein Freund, der Schriftsteller Thomas Brussig, hat mich per Mail auf eine gewisse Spröde der Mecklenburger vorbereitet: "Man fühlt sich leicht nicht wohl, weil man angeguckt wird, weil sie tuscheln. Wenn man mit ihnen ins Gespräch kommen will, dann klappt das nicht. Du wirst aber auch nicht angelächelt. Wenn sie dich kennen würden, wäre es etwas anderes. Aber eine Fremde anlächeln? Wozu soll das gut sein, würde der Mecklenburger fragen."

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Mein Hotel liegt in einer alten Brennerei außerhalb von Pasewalk. Außen rote Backsteine, innen DDR: Sperrholzmöbel im Sechziger-Design, aber ohne jede Ironie. Das Rad darf ich in der Garage parken. Und wo ist das Restaurant? Der Mann hinter der Rezeption schaut mich entsetzt an. "Unsere Küche schließt um acht." "Aber um acht setzt man sich doch gerade an den Tisch!", entgegne ich. Er will den Witz nicht verstehen. Also bewege ich mich knurrenden Magens Richtung Bett. Ich hätte ja Kaffee im Zimmer, ruft er mir noch hinterher.

Morgens drehe ich als Erstes eine Runde durch den Ostteil der Stadt, wo lange Reihen von Plattenbauten den Horizont zerschneiden. An einer Bushaltestelle sitzt eine stämmige Frau mit einer großen Plastiktüte. "Hauen Se ab", raunt sie, als ich ihr näher komme. Ansonsten ist keine Seele zu sehen.

Die Einwohnerzahl in Pasewalk ist von 16.000 in Zeiten der Wende auf 10.000 gefallen. Der Kreis Uecker-Randow ist einer der ärmsten in ganz Deutschland. Von der stolzen Geschichte der Stadt, die bis in Mittelalter zurückreicht, erzählen nur noch die Fachwerkhäuser in der Innenstadt und die nordische Backsteingotik der Marienkirche.

In dem langen rotbraun geklinkerten Gebäude der Caritas treffe ich Britt Buss und ihre polnische Kollegin Laura Lenard. Sie bieten mir gleich Kaffee und Kekse an. Buss ist ein bisschen nervös. Sie zupft an ihrem gestreiften T-Shirt herum, während sie von sich erzählt. Sie ist in Pasewalk geboren. Irgendwann ist sie abgehauen. Und zurückgekommen. "Nachdem in den nuller Jahren alle weggingen, habe ich mir gesagt: Hier will ich nicht tot überm Zaun hängen." Sie habe dann eine Zeit lang in Schleswig-Holstein gelebt und nach ihrer Rückkehr bei der Caritas angefangen. Für eine ausgebildete Krankenschwester war es nicht schwer, hier einen Job zu bekommen. Sie lächelt, wirkt überhaupt entspannter, fast fröhlich, als sie von ihrer Arbeit spricht, die ja so leicht auch wieder nicht ist. Buss kümmert sich um viele Leute mit gebrochenen Biografien, Leute, die die Wende einfach nicht verkraftet haben, dem Leistungsdruck nicht standgehalten. Erklärt das die 20,8 Prozent für die AfD, das Direktmandat für den Landtag? "Oft geht es um Berührungsängste", sagt Buss. Sie erinnert sich gerne an Locke, um den sie sich eine Zeit lang gekümmert hat. Er war Alkoholiker, er war Nazi, hatte dieses knallharte Tattoo: "wollte lieben lernte hassen". Als er Buss und ihre Kollegin mit drei Eritreern sah, wie sie schwere Sachen schleppten, murrte er: Soll ich helfen? "Am Ende hat er ihnen gesagt: 'Falls ihr Probleme habt, sagt Bescheid.'"

Laura Lenard, blonde Haare und knallharter Blick, lächelt. Dann erzählt sie von einem Kinderfest, von dem sie ihren Sohn kürzlich abholte. "Ich bin auf der Türschwelle erstarrt: Da hingen überall Hakenkreuze. Dann ist der Vater von Pjotrs Klassenkamerad auf mich zugekommen: 'Du und dein Mann, ihr seid Polen, ich weiß, aber ihr seid okay. Ihr seid fleißig.'" Laura grinst. "Früher haben die Nazis uns beschimpft, aber jetzt haben sie die Flüchtlinge." Die Flüchtlinge allerdings sind wohl eher ein abstrakter Gegner. In Pasewalk leben derzeit circa 80, das sind weniger als ein Prozent der Bevölkerung.

Die Polen hingegen retten in Vorpommern seit Jahren ganze Landstriche vor dem Aussterben. Laura Lenard hat mir ein paar Zahlen aufgeschrieben: "Schauen Sie, bei uns in Löcknitz kommen 574 von 3.214 Einwohnern aus Polen", also fast ein Siebtel. Die meisten Neubürger haben eine ähnliche Geschichte wie Lenard. Ursprünglich stammt sie aus Stettin. Dort ein Haus zu kaufen war zu teuer. Also sind sie rüber nach Deutschland. "Die Deutschen verlassen die Häuser, wir retten sie vor dem Verkommen." Wie Dornröschen wird Vorpommern von den Polen wachgeküsst. Ohne sie wäre die slawisch-germanische Prinzessin kaum noch am Leben.