In Moskau herrscht das Prinzip Rollrasen. Ich habe es in dem schmalen Park kennengelernt, durch den ich täglich auf dem Weg zur Metrostation Tschystye Prudy, "Saubere Teiche", spaziere. Eines Tages fand der Bürgermeister, dass der sehr grüne und sehr ordentliche Park noch grüner und noch ordentlicher werden solle: neue Pflastersteine, neue Bordkanten, neuer Lichtschmuck, neue Pflanzen, neue Bäume – und schließlich Tonnen von Rollrasen, die verlegt wurden. Das war vor anderthalb Jahren. Seither wird in dem Park immerzu gegraben. Rohre lecken, die Kabel für die Weihnachtsbeleuchtung müssen freigelegt (oder wieder eingegraben) werden, Leitungen sind porös geworden. Jedes Mal reißen sie den Boden auf und rollen danach frischen Rasen aus. Der Rollrasen ist wie ein Pflaster für die Wunden, die der Stadt ständig neu zugefügt werden.

Da lassen in dem Park Säufer die Flasche kreisen, da bettelt eine Oma kniend um Geld, da schuften unterbezahlte Arbeiter nachts in Flipflops – aber so lange Rollrasen die klaffenden Baulücken verdeckt, ist die Stadt in Ordnung. Man packt immer neue Schichten aufeinander, Rollrasen auf Rollrasen auf Rollrasen, Rubel auf Rubel auf Rubel, und grün leuchtet der Park – war da was?

Mein Weg nach Moskau hat mich über die Ukraine geführt, ausgerechnet. Ich hatte über die Proteste auf dem Kiewer Maidan berichtet, über die Annexion der Krim, über den Krieg in der Ostukraine, und je länger ich berichtete, desto stärker wurde das Gefühl, dass ich die Leerstelle, die in diesem Krieg klafft, für mich füllen muss. Der Kreml leugnete, etwas mit diesem Krieg zu tun zu haben, doch was in Moskau entschieden wurde, schlug sich tausend Kilometer weiter im ostukrainischen Donezk nieder. Deshalb wollte ich nach Russland, nach Moskau.

Die russische Bürokratie ist erdrückend, aber Strafzettel kann man jetzt online bezahlen

Bei früheren Besuchen war mir die Stadt gnadenlos vorgekommen. Moskau, das war für mich: unendlich breite Straßen, die trotz Ampeln kaum zu überqueren waren; imperiale Architektur, erschlagende Größe; obszöne Armut und perverser Reichtum, dicht an dicht; ohrenbetäubender Lärm; Kinder, die auf Panzern herumkletterten, Überwachungswahn; Menschenmassen, die sich morgens graugesichtig und mit ausgefahrenen Ellenbogen in die Bahnhöfe schoben; viel steingewordener Sozialismus; blutgetränktes Pathos.

Moskau, das wurde für mich: der Plausch mit den Nachbarn auf der Straße, großartige Clubs und Restaurants, die aufmachen, schließen, wieder aufmachen. Eine beirrende Sauberkeit auf den Straßen, die man in Berlin vergeblich sucht, und Parks, die über Nacht mitten im Zentrum aus dem Boden gestampft wurden. Sagenhafte Theateraufführungen; lange Sommerabende, die nichts auf Nachtruhe und Bürozeiten geben; Baden in den Fontänen der Tretjakow-Galerie; lange Spaziergänge am Ufer der Moskwa. Und wenn ich mich an der Dialektik dieser Eindrücke der Jahre versuche, dann kommt dabei vermutlich ein realistisches Bild der Stadt heraus: Sie ist mehr Prozess denn Zustand, sie lockt und stößt ab, sie ist Zumutung und Versprechen.

Wer alles schwarz und weiß zu zeichnen versucht, muss zwangsläufig scheitern: In Russland herrscht Autoritarismus – und trotzdem gibt es immer wieder oppositionelle Demonstrationen. Die Bürokratie ist erdrückend, aber die Parkuhr und den Strafzettel kann man online bezahlen. Der Verkehr ist hoffnungslos überlastet – aber Carsharing boomt. Die Meinungsfreiheit kontrolliert der Staat wie auch die wichtigsten Medien – und trotzdem gibt es auch solche, die unabhängig berichten und investigativ recherchieren. Ausländische Journalisten werden mit einem Agentengesetz drangsaliert, aber das russische Außenministerium verhält sich bei meiner Akkreditierung, die ich zum Arbeiten brauche, vorbildlich korrekt. Das Machtzentrum ist abgeschottet – doch die Staatsduma zu betreten ist leichter als in den Berliner Reichstag zu gelangen. Der Hauptwiderspruch aber ist: Man führt einen Krieg und spricht nicht darüber.