Wenn in vielen deutschen Haushalten noch im Bett gefrühstückt, die Tasche für den Ausflug zur Oma gepackt oder der Schal für den Stadionbesuch gebunden wird, verbaut Stefan Janowitz schon seit mehreren Stunden Flugzeugteile. Der Mechaniker muss arbeiten, wenn andere Leute freihaben: am Wochenende.

In Hochproduktionszeiten, wenn die regulären Arbeitswochen nicht reichen, kann Janowitz’ Arbeitgeber Airbus seine Angestellten zum Einsatz am Samstag verpflichten. "Die Airlines warten schließlich nicht gern auf ihre Flieger", sagt Janowitz. Er rechnet damit, dass er und seine Kollegen in den nächsten Monaten etwa jeden zweiten Samstag aufs Ausschlafen verzichten müssen. Wer wolle, könne sich für weitere Schichten am Samstag und Sonntag eintragen.

Das Jahr 2017 war nicht nur für Stefan Janowitz ein Jahr der Arbeit. Die Arbeitslosigkeit ist – saisonbereinigt – kontinuierlich gefallen in diesem Jahr. Im Oktober waren laut der Bundesagentur für Arbeit erstmals weniger als 2,4 Millionen Menschen ohne Arbeit, das ist der niedrigste Wert seit der Wiedervereinigung und entspricht einer Quote von 5,4 Prozent. Zugleich wächst nicht nur die Zahl der Beschäftigten seit Jahren, sondern auch die Zahl der offenen Stellen. Experten sprechen von einem Jobwunder.

Eine Folge: Immer mehr Menschen in Deutschland sind an Wochenenden und Feiertagen beruflich im Einsatz. Die Bundesregierung gab auf Nachfrage der Grünen an, dass knapp 6,1 Millionen Menschen an diesen Tagen arbeiten. Ist das ein Grund zur Empörung? Oder eine weitere Etappe im Kampf um die Überwindung von eingestaubten Arbeitsnormen?

Im Fall von Airbus ist es Ausdruck dafür, dass die Geschäfte gut laufen. Das sichert die Arbeitsplätze, beschränkt aber die Freizeit. Stefan Janowitz kann sich buchstäblich vor Arbeit nicht retten. Er bekommt für seinen Einsatz einen finanziellen Bonus sowie einen Ausgleichstag unter der Woche. Trotzdem sehnt er sich nach einem Job, bei dem die Arbeitswoche montags beginnt und freitags endet. "Ich hätte lieber ein zusammenhängendes Wochenende", sagt er, "die Zeit wäre mir wichtiger als das Geld." Dass er sich an vielen Samstagen eher zur Arbeit quält, sollen seine Chefs nicht wissen, darum haben wir seinen Namen in diesem Artikel geändert.

Tagsüber Versicherungsvertreter, am Wochenende Taxifahrer

Die Wochenendschichten von Janowitz sind Symptom einer starken Wirtschaft. Für den 59-Jährigen Roland Brenner hingegen bedeuten sie genau das Gegenteil: Nicht am Wochenende zu arbeiten kann er sich gar nicht leisten. In einer anderen großen deutschen Stadt öffnet Brenner die Tür zum Büro eines Taxiunternehmens. Hinter ihm warten auf einem Teppich aus goldenem Laub zwei Taxis, Marke Mercedes S6, auf ihren nächsten Einsatz. Im März hat Brenner angefangen, neben seinem Job als Versicherungsvertreter am Wochenende Taxi zu fahren. Seinem Arbeitgeber, einer großen deutschen Versicherung, verschweigt er das, darum erscheint auch Brenner hier unter anderem Namen.

Brenner hat schwere Zeiten hinter sich. Den größten Teil seines Einkommens von der Versicherung erzielt er aus Provisionen für abgeschlossene Versicherungsverträge. Das monatlich garantierte Einkommen von der Versicherung deckt nur die Miete. Nach Scheidungskummer und Trauer um die tote Mutter gelangen Brenner einige Monate lang kaum Abschlüsse, und er verdiente gerade 800 Euro im Monat. Als alle Ersparnisse aufgebraucht und nur noch zehn Euro auf dem Konto waren, riet ihm ein Freund zum Taxifahren. Das hatte Brenner vor Jahren schon einmal gemacht. Am selben Tag stellte er sich bei dem Taxiunternehmen vor. Da trug er noch Anzug und Krawatte vom letzten Kundentermin.

Bis zu tausend Euro netto im Monat verdient sich Brenner seitdem mit der Wochenendarbeit dazu. Je mehr Fahrten, desto mehr nimmt er ein. Wenn es schlecht läuft, stockt das Taxiunternehmen auf Mindestlohnniveau auf. Dazu kommen die Trinkgelder. Einen Wochenendaufschlag wie bei Airbus gibt es nicht. Trotzdem sei die Nachtschicht am Wochenende begehrt, sagt Brenner und blickt auf den Dienstplan, der in dem muffigen, kleinen Raum des Taxi-Unternehmens an einer Magnetwand hängt. "Bei vielen Kunden sitzt dann das Trinkgeld lockerer. Und wenn es richtig gut läuft, will jemand nach der Kneipe noch ins Bordell." Einige Etablissements zahlen Fahrern 40 Euro Provision fürs Vorbeibringen.