DIE ZEIT: Herr Osang, immer zum Jahresende schreiben Sie in der Berliner Zeitung eine literarische Weihnachtsgeschichte, auf die sich viele Leser lange freuen. Nun erscheinen Ihre Geschichten zum ersten Mal als Buch. Wir fragen uns, warum diese Texte alle so melancholisch sind.

Alexander Osang: Ich finde, sie sind eher tragikomisch. Auf meinen Lesungen wird jedenfalls viel gelacht. Natürlich gibt es in den Texten unglückliche Figuren. Weihnachten hat so viel mit Glücksversprechen und Erlösung zu tun. Die Familie kommt zusammen. Die neue und die alte Familie. Mütter und Ehefrauen. Kinder und Väter. Alle hocken aufeinander. Nichts passt zusammen, aber alles soll perfekt sein. Vor all dem Glitzer merken Ehepartner, wie wenig sie voneinander wissen. Zumindest die in meinen Geschichten.

ZEIT: Wir erinnern uns an eine Ihrer Geschichten von vor einigen Jahren: Ein Mann verlässt an Heiligabend die Plattenbauwohnung, seiner Frau sagt er, er gehe nur kurz mit dem Hund raus.

Osang: In Wahrheit will der Mann nicht mit dem Hund raus, sondern heimlich eine Zigarette kaufen. Offiziell hat er vor einem halben Jahr aufgehört zu rauchen. Zu Hause kocht die Frau die Fischsuppe, von der sie glaubt, dass er sie einfordert. Er hasst Fisch. Sie auch. Er geht zum Kiosk, zum Vietnamesen, holt Zigaretten. Als er wieder rauskommt, rennt er in eine Frau von der Berliner Abendschau, die mit ihrem TV-Team eine Umfrage zur Flüchtlingsproblematik in Marzahn macht. Live. Seine Frau sieht plötzlich ihren Hund und ihren Mann im Fernsehen. Ihr Mann raucht. Auf Sendung. Ihr Mann, der Pressesprecher bei der Bahn ist, sagt, dass er Fisch hasst und auch Hertha BSC, die Fußballmannschaft, die von der Bahn gesponsert wird. Er sagt zum ersten Mal seit Jahren, was er wirklich denkt.

ZEIT: Und wie reagiert sie?

Osang: Die Frau sitzt mit der Weißweinflasche vorm Fernseher und staunt. Sie findet, dass er besser aussieht als rauchender, ehrlicher Mann. Fast wie ein französischer Schauspieler. Wenn man von dem furchtbaren Hertha-Sweatshirt absieht. Am Ende sucht sie seinen alten Aschenbecher.

ZEIT: Eine Geschichte der Hoffnung.

Osang: Osang: Die Geschichten enden fast alle mit einem Hoffnungsschimmer, meiner kleinen Weihnachtsbotschaft an die Welt. Eine Tür öffnet sich, wenn man nicht mehr damit rechnet. Es geht ziemlich viel schief im Leben meiner Helden, aber am Ende gibt es ein kleines Licht. Das kann ich im Journalismus nicht so ausleben, meinen romantischen Zug.

ZEIT: Sind Sie auch dafür Schriftsteller geworden?

Osang: Ich habe das nicht beschlossen. Ich hatte in all den Jahren als Reporter viele Leute getroffen, die ich in größerem Rahmen miteinander in Beziehung setzen wollte. All die Täter und Opfer, die Künstler, die niemand hören wollte, die Journalisten, Richter und Politiker, die auf der Suche nach der gesellschaftlichen Wahrheit waren. So ist mein erster Roman entstanden. Es hatte natürlich viel mit dem Mauerfall und der Wende zu tun. Und mit mir. Ich hatte über die unglaublichen Veränderungen im Land geschrieben, über all den Schmerz, die Schuldgefühle, die Verwerfungen, aber kaum über meine eigenen.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Osang: Ich habe mich nach der Wende sehr schnell wegbewegt von meiner Familie und meinen Freunden. Sozial, gesellschaftlich, was weiß ich. Ich verdiente mehr als meine Eltern zusammen. Mit all diesen Sachen konnte ich schlecht umgehen. Das ist das Thema in Die Nachrichten. Der Tagesschausprecher aus dem Osten vergisst seine Vergangenheit, um im Westen erfolgreich zu sein. Er will alles richtig machen, den richtigen Wein trinken; die richtigen Bilder an der Wand, die richtige Wohnung haben. Er passt sich so sehr an, dass er am Ende, als es darauf ankommt, nicht mehr weiß, wer er eigentlich ist. Natürlich hat das auch mit meiner Geschichte zu tun: Auch ich habe die Angst, dass ich mich zu stark an die neue Gesellschaft anpasse.

ZEIT: Erzeugt Ihr Erfolg Schuldgefühle?

Osang: Schuld ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber die Helden in meinen Geschichten, auch die in den Weihnachtsgeschichten, fragen sich schon: Haben wir die Dinge verraten, an die wir mal glaubten? Es sind ja nicht zufällig oft Leute in meinem Alter, die in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind. Es geht ihnen gut, eigentlich. Meine fiktiven Geschichten, aber auch viele meiner Reportagen kreisen um die Fragen von Schuld, Vergebung, Erlösung, Verrat, Treue. Wahrscheinlich hängt es damit zusammen, dass ich katholisch erzogen wurde.

ZEIT: Sie sind im Sozialismus katholisch aufgewachsen.

Osang: Als Kind in der DDR war ich nicht Pionier, sondern Ministrant. Meinen Klassenkameraden war ich suspekt, weil ich dreimal die Woche in bunte Gewänder schlüpfte und die Glocken läutete, meinem Kaplan konnte ich schlecht erklären, dass ich den Sozialismus für die bessere Gesellschaftsordnung hielt. In der Beichte habe ich Sünden gebeichtet, die ich nicht begangen hatte. Das passte alles hinten und vorn nicht zusammen. Damit ist man überfordert, wenn man elf Jahre alt ist. Ich wäre gern Pionier gewesen. Wie die anderen.

"Ich hatte nichts und brauchte auch nichts"

ZEIT: Warum war Ihren Eltern eine katholische Erziehung wichtig?

Osang: Sie waren eben Katholiken und wollten mir den Teil ihrer Herkunft nicht vorenthalten. Wobei die Familie meines Vaters eigentlich protestantisch war, auch vom Herzen her. Mein Urgroßvater hatte eine Kartonagenfabrik in Berlin, ging in der Weltwirtschaftskrise pleite und zog mit seiner Familie auf deren Sommersitz nach Dresden-Rochwitz. Da bin ich als Kind oft gewesen, das war ein schlossartiges Anwesen, heißt heute noch Osangs Eck. Jedenfalls heiratete mein Großvater eine böhmische Katholikin. Er konvertierte ihr zuliebe, so wurde auch mein Vater Katholik. Meine Familie mütterlicherseits stammt aus Russland, meine Großmutter war russisch-orthodox, mein Großvater ein eisenharter schlesischer Katholik, auch meine Mutter ist streng katholisch erzogen worden. Ich bin eigentlich dankbar, dass ich von alldem etwas mitbekommen habe. Ich profitiere davon, aber es hat seinen Preis.

ZEIT: Wie war Weihnachten in Ihrer Kindheit?

Osang: Es war dunkel, es lag viel Schnee, und nachts sind wir durch den vielen Schnee in die Kirche marschiert. St. Joseph in Weißensee. Die Christmette dauerte in meiner Erinnerung ewig, es war trotzdem nicht schlecht, weil ich die ganze Zeit an meine Geschenke dachte.

ZEIT: Waren Ihre Eltern stolz auf den Aufstieg, den Sie nach 1990 schafften?

Osang: Sie waren schon stolz. Aber wenn sie zu einer meiner Lesungen kamen, setzten sie sich immer in die letzte Reihe. Und nach der Lesung waren sie die Ersten, die wieder gingen. Die Botschaft war: Nicht abheben! Es gab immer auch das Gefühl: Morgen kann es vorbei sein. Weitermachen, nicht aufhören. Ich hatte in der Schule nur Einsen auf dem Zeugnis. Meine Mutter hat immer gesagt: Aber nächstes Jahr ist wichtig!

ZEIT: Sie hatten ausschließlich Einsen?

Osang: Ja, ich war ein unfassbarer Streber.

ZEIT: Heute sind Sie ein berühmter Reporter beim Spiegel, mit Ihren Reportagen, Romanen und Geschichten sind Sie ein Kultautor, zu Ihren Lesungen kommen Hunderte Menschen.

Osang: Kultautor kling doch schon so bescheuert. Wie Medizinmann. Ich find es seltsam, wirklich. Mich überrascht, dass so viele Menschen meine Lesungen besuchen. Ich würde da nicht hingehen.

ZEIT: Wissen Sie, Ihr wievieltes Buch Winterschwimmer ist, der Band, der jetzt Ihre Weihnachtsgeschichten zusammenfasst?

Osang: Nee. Habe ich nie gezählt.

ZEIT: Wir haben gezählt.

Osang: Das siebzehnte?

ZEIT: Das achtzehnte!

Osang: Die ersten Bücher, die ich gemacht habe, waren Reportagesammlungen im Christoph Links Verlag. Christoph ist ein Freund, wir waren beide überrascht, dass so viele Leute Bücher mit Reportagen kauften, die sie schon in der Zeitung gelesen hatten. Es hatte, glaube ich, damit zu tun, dass ich in den neunziger Jahren als Reporter bei der Berliner Zeitung auf Augenhöhe mit denen war, über die ich geschrieben habe – und denen, die meine Texte gelesen haben. Ich habe diese Wende, die private und die gesellschaftliche, schreibend verstanden und verarbeitet. In meiner Redaktion ging alles drunter und drüber, meine Freundin hatte mich rausgeschmissen. Ich habe in einer Wohnung ohne Kohlen im Mantel geschlafen. Ich hatte nichts und brauchte auch nichts, weil ich immer in den Geschichten gelebt habe, die ich recherchierte. Ich war in einem Rausch, habe gelebt wie ein Asozialer.

ZEIT: Woher kam dieser Schreibrausch?

Osang: Es hatte, wie gesagt, etwas Therapeutisches, aber es gab auch das Gefühl: Wenn ich diese Geschichten jetzt nicht aufschreibe, sind sie weg. Das Gefühl, im Auge der Geschichte zu leben, zu arbeiten. In den Jahren vor der Wende hatte sich extrem viel angestaut. Ich habe seit 1988 als Wirtschaftsredakteur gearbeitet, Planberichterstattung und den ganzen Unsinn gemacht. Da war ich für die Berliner Zeitung in so vielen Betrieben unterwegs, habe so viel Zerfall und verzweifelte Betriebsdirektoren gesehen, die ein viel realistischeres Bild von der DDR hatten als wir Journalisten.

ZEIT: Wie haben Sie das vor 1989 beschrieben?

Osang: Ich habe die Betriebsdirektoren gefragt: Können Sie mir nicht irgendeine gute Planzahl geben, die ich aufschreiben kann? Ich sollte ja nicht die Welt beschreiben, wie sie war, sondern wie sie sein sollte. Aber gesehen habe ich die reale Welt natürlich. Nach dem Mauerfall hat sich das Bedürfnis, alles richtig zu beschreiben, regelrecht entladen. Man muss da vorsichtig sein, um nicht gnadenlos zu werden. Gerade bei den einfachen Menschen, die sich ja an den Journalismus genauso gewöhnen mussten wie ich.

ZEIT: Viele Ihrer Nachwende-Protagonisten sind einfache Leute. Während der Ausschreitungen in Lichtenhagen saßen Sie bei Anwohnern daheim. Ein anderes Mal haben Sie ein Ostberliner Ehepaar auf der ersten Reise nach New York begleitet.

Osang: Ich habe – wie gesagt – eine Zeit lang auf Augenhöhe mit meinen Lesern gelebt. Auf dem Sofa, in der Kaufhalle, beim Gebrauchtwagenkauf oder im Flugzeug nach Amerika. So entstehen auch Missverständnisse. Viele Leser dachten, sie kennen mich, sie seien wie ich. Nur so ist meine, wenn Sie so wollen, spätere Popularität zu erklären. Aber je voller der Saal, desto größer die Missverständnisse. Deswegen habe ich, als das Buch über Tamara Danz erschien, zu meinem Verleger Christoph Links gesagt: Ich will keine Lesungen.

"In den fiktiven Texten kann ich rücksichtsloser sein"

ZEIT: Tamara Danz, die Sängerin der Band Silly. Sie ist 1996 an Krebs gestorben, Sie hatten das letzte Interview mit ihr geführt. 1997 kam Ihr Buch.

Osang: Wir haben eine Buchpremiere gemacht, zu der mehr als tausend Leute kamen. Das war eher ein Rockkonzert. Aber die Leute sind ja nicht nur meinetwegen gekommen, sondern weil sie Tamara liebten. Das war alles komplett gebrochen und gespiegelt. Viel zu verwirrend für mich.

ZEIT: Sind Sie mehr Journalist oder Schriftsteller?

Osang: Wenn es nicht so doof klingen würde, würde ich sagen: Eine sehr deutsche Frage. Ich kann das nicht sagen, trenne das nicht. Auch nicht die Sprache. Die Sprache meiner Reportagen und Kolumnen ist die Sprache meiner Romane und Erzählungen.

ZEIT: Okay: Was sind Sie lieber?

Osang: Ich fühle mich, wenn ich literarische Texte schreibe, freier. Ich kann weiter gehen, tiefer, ich kann mich mehr mit Dingen beschäftigen, die mit mir zu tun haben. Ich habe oft erfahren, wie ich mit meinen journalistischen Texten Menschen wehtue. In den fiktiven Texten kann ich rücksichtsloser sein.

ZEIT: Von Ihnen stammt ja der Satz: Jeder Text ist ein kleiner Verrat. Stimmt der Eindruck, dass Sie den Protagonisten in Ihren Reportagen früher stärker wehgetan haben, als Sie es heute tun?

Osang: Ich glaube, schon. Früher war mir nicht so bewusst, wie schmerzhaft eine Reportage für die Leute sein kann. Vielleicht war es mir auch egal. Gestern hatte ich eine Lesung in Neubrandenburg. Als ich mich heute Morgen in das Gästebuch des Hotels eintragen sollte, habe ich gesehen, dass der letzte Eintrag von Monika Hauff und Klaus-Dieter Henkler stammte, einem Gesangsduo aus dem Osten. 1992 hatte ich über die geschrieben – und sie ziemlich ins Messer laufen lassen. Diese ganze Volksmusikszene redet so schlecht übereinander, auch über ihr Publikum, das habe ich einfach alles aufgeschrieben. Fünf Jahre später haben die beiden der SuperIllu gesagt, ich hätte ihre Karriere zerstört.

ZEIT: Bereuen Sie?

Osang: Es gibt auch eine Stimme in mir, die sagt: Wenigstens etwas geschafft. Aber so etwas würde ich heute nicht mehr machen. Eine Recherche in dem Wissen zu beginnen, man will jemanden fertigmachen. Ich finde es nicht nur unmoralisch und unjournalistisch, ich finde es auch langweilig. Ich musste auch lernen, wie wichtig es ist, einfache Leute vor mir zu schützen. Leute, die vergessen, dass ich Journalist bin. Du stellst denen Fragen, die haben sie noch nie gestellt bekommen; nicht mal von ihrem Partner. Man kommt in so eine Psychologensituation. Da musst du echt aufpassen. Da habe ich Fehler gemacht.

ZEIT: Das ist interessant, wo die Schuld doch so ein großes Thema für Sie ist.

Osang: Ach. Ohne Sünde keine Schuld. Es klingt seltsam, aber ich glaube, ich verändere mich, wenn ich schreibe. Ich werde mutiger, kühler auch. Die Angst vor dem, was ich geschrieben habe, setzt erst ein, wenn die Druckpressen schon laufen. Ich denke dann manchmal: Ich müsste jetzt eigentlich die ganze Auflage aufkaufen. Ich freue mich fast nie, wenn ein Text von mir erscheint.

ZEIT: In Ihrer Spiegel-Kolumne haben Sie über die Beerdigung Helmut Kohls geschrieben, die Sie besucht haben. Der letzte Satz lautet: "Dann in der Nacht starb mein Vater." Das ist eine harte Pointe. Wie viel sind Sie für einen Text bereit, preiszugeben?

Osang: In der Kolumne für den Spiegel versuche ich, meine persönlichen Erfahrungen in Beziehung zu gesellschaftlichen Ereignissen zu bringen. Wenn man von dem Schmerz absieht, war das natürlich ein klassischer Kolumnen-Moment. Du stehst auf der Beerdigung von Helmut Kohl in Speyer, während in Berlin dein Vater stirbt. Ich habe trotzdem lange darüber nachgedacht, ob ich den Satz so hinschreibe. Ich habe mit meiner Frau darüber gesprochen und mit meiner Mutter. Am Ende hatte ich das Gefühl: Mein Vater hätte nichts dagegen gehabt, da aufzutauchen. Er war ein Riesenfan von Helmut Kohl.

ZEIT: Wie viele Ostdeutsche dieser Generation. Würden Sie sagen, dass Sie beim Spiegel gelandet sind, weil Sie Ostdeutscher sind?

Osang: Ich habe jedenfalls davon profitiert. Der Spiegel wollte mich bestimmt auch, weil ich seinen Lesern den unheimlichen Osten erklären sollte. Eigentlich wollte ich das nicht. Ich hätte schon gleich nach meinem ersten Journalistenpreis Anfang der Neunziger zu einer großen Zeitung gehen können, ich hatte viele Angebote. Aber ich bin bei der Berliner Zeitung geblieben. Ich wusste ja, dass die anderen weniger an mir als am Ostmarkt interessiert waren. Das ist okay, aber ich fand es keinen ausreichenden Grund, um meine Heimat zu verlassen.

ZEIT: Als Sie dann 1999 zum Spiegel gingen, haben Sie sich von dem gleich nach New York schicken lassen, statt weiter über den Osten zu schreiben. Waren Sie genervt davon, der Ost-Erklärer zu sein?

Osang: Ende der Neunziger hatte ich das Gefühl, mich im Kreis zu drehen. Ich hatte Leuten ihre Stasi-Beichten abgenommen, von Gerhard Gundermann bis Lutz Bertram, ich konnte das nicht mehr, musste raus. Ich wollte immer nach Amerika, schon als Kind. Gleich nach dem Mauerfall bin ich dahin. Alle meine Vorbilder kommen von dort. Und nachdem ich meinen ersten Roman geschrieben hatte, meine Lebensbeichte, musste etwas anderes beginnen.

"Ich bin ein Einzelgänger"

ZEIT: Seit Sie aus den USA zurück sind, schreiben Sie trotzdem wieder viel über den Osten. Und inzwischen sprechen alle permanent vom Osten.

Osang: Das Erstaunliche ist, dass alle darüber reden, aber die meisten Westdeutschen noch immer nichts über den Osten wissen. Neulich fragte mich in der Spiegel-Konferenz jemand: Herr Osang, jetzt erzählen Sie uns doch mal, was ist denn da im Osten eigentlich los? Und ich dachte, woher soll ich das wissen? Ich lebe in meiner Blase in Prenzlauer Berg ...

ZEIT: ... aber mit einem schlechten Gewissen.

Osang: Das wird auch kleiner. Es ist eher so, dass ich vom Osten nicht loskomme, egal wie weit ich wegfahre. Die Wende ist der Bruch in meinem Leben. Die Westdeutschen hatten diesen Bruch nicht, soweit ich das einschätzen kann. Sie mussten sich auch nie von ihren Feindbildern trennen wie wir. Das macht es ihnen so schwer, wirklich vorurteilsfrei in den Osten zu schauen.

ZEIT: Täuscht das Gefühl, dass Westdeutsche in Ihren Texten oft schlecht wegkommen?

Osang: Es gibt auch immer wieder positive Westdeutsche in meinen Texten. In den Nachrichten zum Beispiel kommen besonnene Westdeutsche vor, während die Ostdeutschen sich alle gegenseitig zerfleischen. Das gilt auch für Königstorkinder, eine ost-westdeutsche Liebesgeschichte. Ich bewundere an vielen Westlern ihre Bürgerlichkeit, die ich nicht habe. Ich bin eher rau, einer von den Wilden.

ZEIT: Können Sie sich Pegida denn erklären?

Osang: Ich hab’s versucht. Ich bin auf vielen Pegida-Märschen in Dresden mitgelaufen, ohne wirklich zu verstehen, worum es denen geht. Die Bewegung erschien mir sehr heterogen, ich habe lange keinen Ansatz für einen Text gefunden. Bis einer rief: "Mensch, Alex, was machst’n du hier?" Das war mein alter Kollege Torsten Preuß, der früher bei der Berliner Zeitung war, inzwischen bei Pegida ist. Ich habe ein Porträt nur über ihn geschrieben. Das war schwierig genug. Wie kann jemand, der aus der DDR ausreiste, ein Punk, ein Surfer, ein Künstler, ein Reporter da enden? Ich mag Torsten, aber ich verstehe ihn nicht.

ZEIT: Verstehen Sie die Wut der Pegida-Leute?

Osang: Ich verstehe diese Art von Wut grundsätzlich nicht, weil die sich so in der Masse entlädt. Wenn ich etwas aus dem Osten mitgenommen habe, dann: Ich halte mich immer fern von Massenbewegungen. Sich in einer Gruppe aufgehoben zu fühlen ist mir suspekt. Und ein bisschen scheue ich mich auch vor Verantwortung, das ist wohl ebenfalls etwas Ostdeutsches. Ich habe ja vor ein paar Jahren mal das Angebot bekommen, Chefredakteur der Berliner Zeitung zu werden. Ich habe es nicht gemacht.

ZEIT: Chefredakteur zu werden ist doch nicht dasselbe, wie bei Pegida mitzumachen.

Osang: Nein, natürlich nicht. Aber die Ursachen liegen in derselben Vergangenheit. Diese Scheu vor Verantwortung ist auch nichts Gutes.

ZEIT: Ostdeutsche sind kaum in Führungsjobs vertreten. Ist es nicht falsch, so ein Angebot abzulehnen?

Osang: Vielleicht. In schwachen Stunden ärgert mich das auch. Ich habe in der Zeitung als Volontär angefangen und wäre als Chefredakteur zurückgekommen, das wäre ein super Moment gewesen. Die Berliner Zeitung war meine Heimat, sie hat mir immer wahnsinnig viel bedeutet. Ich lamentiere ja auch gern darüber, dass die Ostdeutschen so selten in wichtigen Positionen sind. Dann bekomme ich so etwas angeboten und mache es nicht.

ZEIT: Eben.

Osang: Ich habe wirklich lange, lange darüber nachgedacht. Aber letztlich hatte ich gemerkt: Ich bin ja nicht das gute Beispiel. Der Job entspricht einfach nicht meinem Temperament. Ich bin ein Einzelgänger. Ich interessiere mich auch nicht für Macht.

ZEIT: Sie haben Angela Merkel so oft porträtiert wie wohl niemand sonst, und Sie haben Preise mit diesen Porträts gewonnen. Fasziniert Sie, wie Angela Merkel mit Macht umgehen kann?

Osang: Ich bringe Angela Merkel und Macht irgendwie gar nicht zusammen. Sie erscheint mir eher immer wie jemand, der denkt: Ich kann es halt am besten, also muss ich es machen.

ZEIT: Sind Sie ihr nahegekommen als Reporter, in den Jahren, in denen Sie über sie geschrieben haben?

Osang: Es ist eine vermeintliche Nähe. Manchmal hat man den Eindruck, man ist ihr sehr nah – und schon in der nächsten Sekunde ist alles wieder komplett weg. Als ich sie im Sommer während des Wahlkampfes noch einmal porträtieren wollte, hat sie mir kein Interview mehr gegeben. Ich solle mit ihrem Regierungssprecher Steffen Seibert reden, hat sie gesagt. Ich saß dann in dessen Büro, aber er wollte weder über sich noch über Angela Merkel reden. Und zitiert werden wollte er schon gar nicht. In dem Moment hatte ich das Gefühl, ich bin in all den Jahren immer weiter von ihr weggerannt. Oder sie von mir.

ZEIT: Haben Sie denn noch Fragen an sie?

Osang: Mich würde schon interessieren, wie sie sich im Moment fühlt. Aber mit Fragen kommt man da nicht weiter. Man braucht Antworten.

Alexander Osang: Winterschwimmer. Aufbau Verlag, Berlin 2017; 239 Seiten, 20,– Euro