Würde sich der Wert einer Arbeitskraft an ihrem Fleiß bemessen, an der Erfahrung, die sie gesammelt hat, an den Unannehmlichkeiten, die sie erduldet, und an der Verantwortung, die sie trägt, dann wäre Heike Noe eine reiche Frau. Sie steht in einem gefliesten Badezimmer, vor ihr sinkt eine alte Dame unter lautem Stöhnen auf die Klobrille: Marion Zielke*, 79 Jahre alt, Pflegegrad drei, halbseitig gelähmt. Ihre Oberschenkel zittern. "Aaaaah", seufzt sie. Heike Noe streift sich ein Paar Gummihandschuhe über und lässt die Windel, die Frau Zielke über Nacht getragen hat, in einem Plastikbeutel verschwinden.

Heike Noe ist 41 Jahre alt und seit mehr als 20 Jahren Pflegerin. An der Gürtellasche ihrer weißen Jeans baumelt eine Flasche Desinfektionsmittel, alle paar Minuten reibt sie sich damit die Hände ein. Bevor sie jemanden wäscht, bevor sie eine Insulinspritze setzt oder einen künstlichen Darmausgang reinigt. In der hinteren Tasche ihrer Hose steckt ein schnurloses Telefon, das ständig klingelt, meist dann, wenn es gerade nicht passt. So wie jetzt, da Heike Noe eigentlich Frau Zielke helfen muss.

"Wir brauchen heute noch einen Arzt."
Heike Noe, Altenpflegerin

"Jaaa?" Noe klemmt das Telefon zwischen Ohr und Schulter ein. Eine Bewohnerin, die im Sterben liegt, will nicht mehr essen. Füttert man sie, presst sie die Lippen aufeinander. Gibt man ihr Wasser, lässt sie es aus dem Mund herauslaufen. Wenn es so weitergeht, wird sie vertrocknen. "Wir brauchen heute noch einen Arzt", sagt Noe. Mit ihm wird sie beraten, ob der Bewohnerin eine Infusion mit Kochsalzlösung gelegt wird, das würde ihr Leben verlängern. Oder ob es geboten ist, ihre Verweigerung als eine Art letzten Willen zu begreifen und auf die Infusion zu verzichten. Das würde heißen, dass sie bald stirbt.

Es ist ein Montagmorgen im Oktober, kurz vor sieben Uhr im Altenpflegeheim Haus Bachtal in Schwalbach im Saarland, Station Theresiengarten. Ein Flur mit lindgrünem Teppichboden und einem alten Bauernschrank, in dem Medikamente lagern. 14 alte Menschen leben hier, zwölf Frauen, zwei Männer. Heike Noe ist die einzige Pflegerin in der Frühschicht, nur eine Auszubildende ist noch an ihrer Seite und eine polnische Hauswirtschaftskraft, die das Essen kocht. Vor einer knappen Stunde hat die Schicht begonnen, das Telefon in Heike Noes Hosentasche hat schon neunmal geklingelt.

Frau Doege hat sich heißen Kaffee auf die Bluse geschüttet.

Frau Flohrmann braucht ihre Tropfen gegen die Schmerzen im Bein.

Frau Teves hat sich erbrochen.

Herr Seitz hat Kratzspuren am Körper und muss mit Wundsalbe versorgt werden.

Frau Wagner hat plötzlich Fieber.

Herr Spahn hat eine verhornte Wunde am Fuß, der Verband muss gewechselt werden.

Frau Göbel hat sich ein Taschentuch in die Vagina gesteckt, keiner weiß, warum, auch Frau Göbel nicht.

Noe sortiert die Kosmetika, die auf Frau Zielkes Waschbecken stehen: Eine Tube Wundheilsalbe. Eine Zahnbürste, mit der sich Frau Zielke die verbliebenen Zähne putzt. Eine Dose Gesichtscreme, von der sie sich jeden Morgen einen Klacks auf die faltigen Wangen schmiert und die sie "Fugenfüller" nennt. Als Frau Zielke schließlich gewaschen und eingecremt vor dem Spiegel sitzt, fragt Heike Noe: "Lippenstift?"

"Unbedingt! Die Konkurrenz schläft nicht!", antwortet Frau Zielke. Mit zittriger Hand zieht sie die Lippen nach, bordeauxrot, mit Schimmereffekt.

"Na, da müssen wir den Herrn Spahn aber festschnallen nachher", sagt Heike Noe. Frau Zielke kichert. Herr Spahn wohnt auf demselben Flur. Er hat noch acht Finger und ein Bein – Diabetes.