Nach jedem Parteitag", so donnerte am Wochenende in Hannover ein AfD-Delegierter ins Saalmikrofon, "darf ich mir anhören, wir seien weiter nach rechts gerückt. Wenn die Erde rund ist, komme ich bald bei Sahra Wagenknecht raus!" Auch jetzt heißt es wieder, die Rechte habe gesiegt. Es gilt als Triumph des sogenannten Flügels, der Rechtsaußen um den thüringischen Landesvorsitzenden Björn Höcke, dass Alexander Gauland nun den Platz an der Spitze der AfD einnimmt, den vor Kurzem Frauke Petry geräumt hat. "Der Flügel hält sich eine AfD", "Höcke-Partei" oder auch: "Gauland ist Höckes Marionette" – so lauteten die Urteile. Das letzte stammte übrigens von Frauke Petry.

Aber ganz so einfach ist es mit den Machtverhältnissen in der AfD nicht. Der Flügel wirkt nur so stark, weil die "Gemäßigten" so schwach sind. In Wahrheit hat aber der Einzug in den Bundestag die "Bewegungspartei AfD" geschwächt – den Höcke-Flügel der Partei, dessen Energie sich aus der Nähe zu Pegida, zu den Identitären, zur Wut der Straße speist. Das Machtzentrum, das Medieninteresse und auch die Ideenschmiede sind ins Marie-Elisabeth-Lüders-Haus an der Spree gewandert, wo sich die Fraktion trifft. Und alle Fäden, auch die zu den Rändern, laufen in einer Hand zusammen: in der von Alexander Gauland. "Ich bin keines Menschen Marionette", hat er wütend auf Frauke Petry geantwortet. "Ich bin eine eigenständige unabhängige Persönlichkeit, und ich bin weder in der Hand des einen Flügels noch des anderen."

Ausgerechnet Gauland – der Mann, der so lange das Geschehen innerhalb der wutentbrannten AfD als amüsierter Grandseigneur vom Ufer des Potsdamer Tiefen Sees zu beobachten schien. Auf ihn läuft nun alles zu, auf ihn schaut die Partei, um zu wissen, was man sagen darf und was nicht. Dagegen war Björn Höcke immer der, der zuverlässig all das sagte, was man nicht sagen dürfte. Gauland schützte ihn, solange es im Machtkampf mit Frauke Petry darauf ankam, lobte ihn als "die Seele der Partei", einen "Nationalromantiker", der ihn an Eichendorffs Aus dem Leben eines Taugenichts erinnere. Gauland gehörte 2015 zu den Erstunterzeichnern der "Erfurter Resolution", dem Gründungsmanifest des Höcke-Flügels. Statt "patriotischer, demokratischer und mutiger" zu sein als die anderen Parteien, so hieß es da, "passen wir uns ohne Not mehr und mehr dem etablierten Politikbetrieb an: dem Technokratentum, der Feigheit und dem Verrat an den Interessen unseres Landes".

Dafür liebte ihn der Flügel, dafür dankte ihm Björn Höcke, und deshalb sprechen nun alle vom Triumph der Rechten. Aber jetzt, wo Petry weg ist und Gauland wenige Meter von Angela Merkel entfernt im Bundestag sitzt, hat der Grandseigneur sich eine neue Freiheit erobert. Er ist der einzige AfD-Politiker, der beides tun kann: einen Koalitionskurs ins Visier nehmen – "eines Tages, wenn wir mit den anderen auf Augenhöhe sind", wie er sagt. Und die Soldaten beider Weltkriege feiern.

Nach dem Austritt Petrys aus der AfD-Fraktion hat Gauland Angst um sein Projekt bekommen. Er kam den "Liberalen", wie er sie nennt, so weit entgegen wie möglich. Kein Flügel-Vertreter schaffte es auf die oberen Ränge des Fraktionsvorstands. Björn Höcke in seinem Erfurter Exil hat das genau registriert. Es hat ihm nicht gefallen. Gauland spürt ein wachsendes Misstrauen des Flügels gegen seine Person – sein mäßiges Wahlergebnis von 69 Prozent am Wochenende sprach ja Bände. "Die Tatsache, dass ich mit beiden Seiten kann, bereitet mir auch Probleme. Bei manchen heißt es jetzt: Der Gauland schwebt über den Wassern, der kämpft nicht mehr richtig." Die Gefahr, die in diesem Anfangsverdacht lauert, kennt Gauland natürlich genau. Bald könnte es mit der Freundschaft vorbei sein. Bald könnten ihn die Geister fressen, die er gerufen hat.

Alle reden vom Triumph der Rechten – aber die feiern nicht. Höcke spürt den Relevanzverlust der "Bewegungspartei AfD" gegenüber der Bundestagsfraktion. Er lief am Wochenende keineswegs wie ein Sieger durch die Reihen und verströmte auch auf Nachfrage keine Glücksgefühle. Sein Freund und Flügel-Mann André Poggenburg, der bei der Vorstandswahl durchfiel, sagt jetzt: "Es gab keinen Rechtsruck, im Gegenteil." Und er sagt: "Wir brauchen perspektivisch eine Verjüngung an der Spitze der Partei." Alexander Gauland werde seinen vielen Aufgaben gewiss irgendwann nicht mehr gewachsen sehen. Der Flügel nimmt bereits Abschied von seinem früheren Schutzherrn.

Gewiss: Höckes Leute hatten den gemäßigten Kandidaten Georg Pazderski verhindert – ein ehemaliger Nato-Offizier und Transatlantiker ist für Höckes Leute mit ihrer Russland-Neigung völlig undenkbar. Aber das war es auch. Lediglich ein Vertreter des Flügels schaffte es in den Bundesvorstand. Andreas Kalbitz, Gaulands Nachfolger als Fraktionschef im Potsdamer Landtag, hatte den Segen des frisch gekürten Parteichefs. Mit Gauland und Höcke eint Kalbitz, dass er Teil eines einzigartigen Elitenprojekts ist: Sie alle sind westdeutsche Intellektuelle, die sich die Wut des Ostens zunutze gemacht haben.