DIE ZEIT: Herr Matschke, an der Stanford University wird gerade das Gehirn von Stephen Paddock untersucht, der im Oktober in Las Vegas 58 Menschen erschossen, mehr als 500 verletzt und sich dann das Leben genommen hatte. Hätten Sie diesen Auftrag auch gerne bekommen?

Jakob Matschke: Eher nicht. Das ist ein unglaublich spektakulärer Fall. Da steht man als Neuropathologe unter enormem Druck der Öffentlichkeit, irgendetwas zu finden, was diese schreckliche Tat erklären könnte. Ich beneide meinen Kollegen Hannes Vogel nicht, der den Fall jetzt untersucht.

ZEIT: Was an Paddock so irritiert, ist das Fehlen eines erkennbaren Motivs. Könnte es sein, dass irgendein neuronaler Defekt die Ursache ist?

Matschke: Ich weiß – und Hannes Vogel weiß das sicher auch: Wenn er in diesem Gehirn tatsächlich irgendeine Auffälligkeit findet, gerät er in die Bredouille, sagen zu müssen, ob das auch wirklich ursächlich für die Tat gewesen ist. Doch das ist kaum möglich.

ZEIT: Aber einmal angenommen, Ihr Kollege in Stanford fände bei Paddock eine Hirnerkrankung, die ihn zu dieser Tat getrieben hat: Wäre der Mörder von Las Vegas dann eventuell gar nicht schuldfähig gewesen?

Matschke: Wenn es eine Erkrankung sein sollte, die seine Einsichts- und Steuerungsfähigkeit in erheblichem Ausmaß vermindert oder aufgehoben hätte, dann hätte er – falls er selbst überlebt hätte – wohl nicht verurteilt werden können.

ZEIT: Gibt es solche Störungen der Hirnfunktion überhaupt?

Matschke: Ja, wenn auch extrem selten. Bei bestimmten Epilepsien gibt es Berichte über Aggressionen. Oder die Betroffenen packen ihr Gegenüber während eines Anfalls, und es kommt zu einem Unfall. Aber das sind stereotype Bewegungsmuster, es stehen keine Tötungs- oder Verletzungsabsichten dahinter. Manchmal fallen Epileptiker nach dem Anfall in einen psychoseähnlichen Zustand mit Verlust der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit, der recht lange anhalten kann. Aus Großbritannien sind einige Fälle bekannt, in denen es in dieser Zeit zu Delikten kam, die dann mangels Schuldfähigkeit nicht geahndet werden konnten.

ZEIT: Auch Hirnverletzungen können doch dazu führen, dass sich die Betroffenen anders verhalten.

Matschke: Definitiv. Wir wissen das seit dem berühmten Fall des Eisenbahnarbeiters Phineas Gage. Dem schoss bei einem Sprengunfall eine Eisenstange in den Kopf. Er überlebte zwar, aber sein Wesen hatte sich stark verändert. Wir hatten hier in Hamburg auch einen seltsamen Fall: Ein Mann war so apathisch geworden, dass selbst Essen unmöglich wurde. Er ist offenbar verhungert. Wir stellten dann fest, dass er einen großen Tumor an der Schädelbasis hatte. Es gibt auch Patienten mit einem Tumor, die zwanghaft Witze erzählen – meistens schlechte.

ZEIT: Paddocks Familie glaubt, dass ihn womöglich ein bösartiger Hirntumor zu diesen Morden getrieben hat.

Matschke: Das ist sehr unwahrscheinlich. Diese Annahme beruht nur auf zwei früheren Fällen, beide sind unklar. Der eine ist der "Texas sniper" im Jahr 1966: Auch damals schoss der Täter, Charles Whitman, von einem hohen Gebäude aus wahllos auf Menschen. Später fand man in seinem Hirn tatsächlich einen bösartigen Tumor in der Nähe des Emotionszentrums. Deshalb wurde seinerzeit spekuliert, dass der Krebs die Tat ausgelöst haben könnte. Einen Beweis dafür aber gibt es bis heute nicht. Im selben Jahr ermordete Richard Speck in Chicago acht Krankenschwesternschülerinnen ohne jedes Motiv. Nach seinem Tod, 25 Jahre später, fand ein Pathologe auffällige Abweichungen in seinem Hirn. Die Gewebeschnitte gingen damals aber unter ungeklärten Umständen verloren, sodass Specks Fall ebenso offenblieb.