Der schönste Moment ist, ehrlich gesagt, der, als das Mädchen anfängt zu weinen. Ein kleines italienisches Mädchen, vielleicht sechs Jahre alt. Der Opa, mit dem sie gekommen ist, will endlich nach Hause. Aber sie kann den Blick nicht lösen von dem Mann in der Schürze, der Tortelloni macht. Von den mehlverklebten Händen, die ein Quadrat aus Nudelteig um einen Klecks Ricotta kneten. Es zu einem Dreieck falten, um die Kuppe des Zeigefingers wickeln, Enden andrücken, fertig. Und dasselbe noch einmal von vorn.

Der Mann bin ich, und bis vor zwei Stunden wusste ich von Tortelloni nur, dass sie die großen Brüder der Tortellini sind. Jetzt gehen sie mir aber schon so leicht von der Hand, dass zumindest Kinder glauben, ich wäre ein richtiger Koch. So schnell geht das also, wenn man an der Quelle lernt. Also in Bologna in der Emilia-Romagna, der Heimat dieser verschlungenen Ringnudeln. Und bei Alessia, die davon lebt, dass ihre Nudeln besser schmecken als andere. Seit drei Tagen betreibt sie mit einer Partnerin ihre Kochwerkstatt SfogliAmo ("Ich liebe Nudelteig"). Und das nicht in der Altstadt, wo die Konkurrenz schon hart genug wäre, sondern im neuen Schaufenster des kulinarischen Italiens: einer Touristenattraktion rund ums Essen, die Fico heißt.

Die rosige Mama mit dem Nudelholz, ein geliebtes Italien-Klischee. Alessia passt nicht hinein: eine schlanke Frau um die dreißig mit Jeans unter der Schürze und Stern-Tattoo am Ohr. Sie hat studiert, ehe sie zur Köchin wurde, tatsächlich aus Liebe zur Pasta. Die macht sie hier noch komplett von Hand, wie zu Uromas Zeit. "Ich habe gar nichts gegen Maschinen, aber so macht es einfach mehr Spaß." Sie zeigt auf ihren Oberarm – vom täglichen Kneten gestählt. Hier kann man ihr dabei zusehen oder selbst mitmachen.

Sechs Kursteilnehmer werkeln an den Tischen neben mir. Alles Ausländer, soweit ich sehe. Nicht jeder von ihnen bringt den nötigen Ehrgeiz mit. Die beiden Amerikanerinnen fotografieren sich lieber mit dem langen Holz in Baseball-Posen; und das französische Pärchen ist einfach zu verliebt. Mich dagegen spornt es an, dass der Teig mir endlich gehorcht.

Das denke ich jedenfalls, bis die alten Damen anrücken, Fico-Besucherinnen mit bunten Designer-Brillen und einem Hündchen im Einkaufswagen. Wie Preisrichterinnen begutachten sie meine Pasta, grinsen sich an: "Non è facile", hihi – "Nicht leicht, oder?" Dann greift eine von ihnen in meinen Teig, wickelt ihn, ohne hinzuschauen, um ihren roten Fingernagel und schnippt ihn dann neben meinen: "Prego." Ihre Freundin tröstet mich: "Fünf Jahre üben, dann kannst du das auch." Trotzig packe ich meine Machwerke ein; sie wegzuwerfen bringe ich nicht übers Herz.

Im Wörterbuch wird fico mit "Feige" übersetzt. Hier steht es aber für noch mehr: für "Fabbrica Italiana Contadina", bäuerlicher italienischer Betrieb. Außerdem ist das Wort ein kerniger Ausdruck der Freude, so etwas wie "Geil!". Und genau darum geht es bei diesem Projekt: Die Menschen sollen spüren, dass eine sonnengereifte Tomate, ein handgeschöpfter Pecorino, eine Mortadella von frei laufenden Schweinen, ein spontan vergorener Soave nicht bloß ganz nett sind, sondern geil. Dafür wurde ein Stück Gewerbegebiet im Osten Bolognas hergerichtet, das zehnmal so groß ist wie der Markusplatz in Venedig. Am 16. November durften die ersten Besucher hinein.

Was sich hier abspielt, ist nicht leicht zu beschreiben, denn etwas Vergleichbares gab es noch nirgends auf der Welt. Wäre Fico ein Restaurant, dann eins von denen mit verdächtig langer Karte. Wo man denkt: Das ist doch Schmu, niemand kann so viele Gerichte gut hinbekommen. Tatsächlich besteht Fico aus mehr als vierzig Restaurants, wenn man die kleinen Panini-Bars und Grillbuden mitzählt. Die meisten davon übrigens mit kurzen Speisekarten. Dazu kommen ebenso viele Geschäfte und Manufakturen, sechs Multimedia-Shows, zwei Hektar Freigelände mit Stallungen und Gärten, nicht zu vergessen die Kongresshalle und der Minigolfplatz. In dieser Mischung aus Erlebnispark, Ess- und Einkaufszentrum soll man einen Tag verbringen können, im kulinarischen Crashkurs lernen, wie man auf italienische Art genießt. Ich bleibe drei Tage; was einem hier alles vorgesetzt wird, ist unmöglich an einem Tag zu verdauen.

In der Vorhalle kann man sich ein Dreirad schnappen, eigens für Fico entwickelt. Das zusätzliche Rad war nötig, damit die Besucher ihre Einkaufskörbe besser abstellen können. Leider sind Doppelrad und Korb vorn montiert, was das Lenken schwierig macht.

Ich schlingere durch die Gänge und versuche, niemanden zu überfahren. Mehrmals umrunde ich einen älteren Mann mit Schnauzer und Strickpulli, der strahlend die Stände abschreitet und sich umarmen lässt. Oscar Farinetti ist Gründer der Feinkostkette Eataly, der treibenden Kraft hinter Fico. Jahrelang trommelte er für eine Idee, die zunächst wohl nur ihm selbst einfach und logisch erschien: Man müsste den ganzen Reichtum der italienischen Esskultur an einem Punkt zusammenbringen, vom Südtiroler Speck bis zur sizilianischen Cassata. Und das nicht schnöde abgepackt in einer Reihe von Ladenregalen, sondern als Lebensmittel, die leben, die blubbernd, dampfend, duftend und vielleicht auch mal stinkend vor der Nase der Kunden entstehen.

Es fängt bescheiden an, mit Brot. Das ist einer der ersten Stände: eine Theke mit gläserner Backstube hintendran. Stefano, der Bäcker, fremdelt noch ein wenig: "In unserem Job bist du kein Publikum gewohnt." Aber mit dem Brot ist er zufrieden. "Schmeckt wie daheim in unserem Stammhaus in Monghidoro. Wir arbeiten ja auch hier mit Gino." So haben sie ihre Hefe getauft, nach dem Lieblingssänger des Firmengründers. Gino ist seit über vierzig Jahren im Dienst.