Manchmal ist man selbst in der Gesellschaft von 80.000 Menschen ziemlich allein. In der 72. Minute des Revierderbys gegen Schalke 04 sieht Dortmunds Stürmer Pierre-Emerick Aubameyang die Gelb-Rote Karte. Ein Raunen geht durchs Stadion. Gerade hat Schalke den Rückstand auf 4:2 verkürzt. Zu diesem denkbar schlechten Zeitpunkt mäht Aubameyang den Schalker Amine Harit an der Seitenlinie um und sorgt so dafür, dass die Dortmunder nur noch zu zehnt auf dem Platz stehen. Aubameyang starrt ungläubig ins Nichts, dann läuft er mit gesenktem Kopf geradewegs vom Platz, schaut niemanden an, eilt vorbei an seinen Mitspielern und dem Trainer, der ihn verzweifelt anstarrt, und verschwindet im Inneren des Stadions.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Dortmund hatte nach einer halben Stunde mit 4:0 geführt. Doch nun agiert die Mannschaft unsicher. Fußball ist ein Hochgeschwindigkeitsspiel, es kommt darauf an, innerhalb von Sekundenbruchteilen die richtige Entscheidung zu treffen. Diese Intuition verlieren die BVB-Spieler jetzt mehr und mehr. Wie ein Haufen aufgescheuchter Wespen schwirren die Borussen über den Platz, geben ihre Verteidigungsformation auf, stehen weit entfernt vom Gegner, leisten sich Fehlpässe im Zentrum der eigenen Hälfte. In der Nachspielzeit gelingt Schalke der Ausgleich. Dortmunds Mittelfeldspieler Nuri Şahin wird später sagen: "In einer einfacheren Phase hätten wir das Ding 4:1 oder 4:2 gewonnen. Aber nach dem ersten oder dem zweiten Gegentor grübelt man, der eine oder andere denkt vielleicht: Passiert das gerade wirklich? Kann das passieren? Dann ist es schon zu spät."

Borussia Dortmund steckt in einer Krise. Abgesehen von einem Sieg im DFB-Pokal gegen den Drittligisten Magdeburg warten die Dortmunder seit zehn Pflichtspielen auf ein Erfolgserlebnis. Nach den ersten sieben Bundesligaspieltagen stand Dortmund an der Tabellenspitze, Fans und Experten sahen bereits Anlass zu großen Träumen: Nun habe der FC Bayern endlich wieder Konkurrenz. Bei genauerem Hinsehen fiel allerdings auf, dass Dortmund in den ersten Spielen überwiegend gegen schwächere Mannschaften antrat. Hätte es diesen Lauf zu Beginn der Saison nicht gegeben, wäre der BVB jetzt Vorletzter in der Tabelle. Experten rätseln, warum die Borussen in den vergangenen Wochen gerade in der zweiten Halbzeit eines Spiels oftmals so eingebrochen sind.

Der Trainer und die Mannschaft wirken ratlos. "Das darf uns nicht passieren", stammelte Trainer Peter Bosz nach dem 4:4 gegen den Rivalen aus Gelsenkirchen. Ein paar Wochen früher, als Dortmund gegen Eintracht Frankfurt unentschieden spielte, meinte Nuri Şahin: "Wir führen 2:0 und spielen nur 2:2 – das darf uns nicht passieren." Und als der BVB in der Champions League lediglich ein Remis gegen APOEL Nikosia erreichte, da kommentierte Mario Götze: "Das darf uns nicht passieren."

Warum passiert es dann immer wieder? Der Trainer findet offenbar kein Rezept gegen den Abschwung. Unter dem Eindruck der vielen Niederlagen hat er sein offensives System umgestellt und spielt momentan mit zwei defensiven Mittelfeldspielern vor der Abwehr. Doch um seine Art von Fußball zu spielen, müssen seine Spieler den Ball durch sicheres Passspiel in den eigenen Reihen halten und früh in der gegnerischen Hälfte verteidigen, was für sie mit einem hohen Laufpensum verbunden ist. Fehlt den Spielern der Glaube an das System des Trainers, unternehmen sie die Extraläufe in der Hälfte des Gegners nicht, das System bricht zusammen. Trotzdem halten die Verantwortlichen in Dortmund an ihrem Trainer fest, vor allem wohl auch deshalb, weil im Moment die personellen Alternativen fehlen: Die Trainer, die sie wollten, etwa Matthias Sammer oder Ottmar Hitzfeld, haben abgesagt.

Bei der Jahreshauptversammlung ertönen Pfiffe und Applaus, als die Spieler erscheinen

Ob nun ein neuer Übungsleiter den aktuellen Trainer Bosz bald ablöst oder nicht – jedenfalls braucht der Club im Winter neue Verteidiger. Die Abwehr offenbart derzeit das offensichtlichste sportliche Problem des BVB. Marc Bartra wirkt nicht reif genug für die Rolle eines Innenverteidigers in der Elite des Weltfußballs. Ömer Toprak, der U-21-Nationalspieler Jeremy Toljan und der 18-jährige Dan-Axel Zagadou: Sie alle schienen in den vergangenen Wochen überfordert mit den Herausforderungen in der Bundesliga und in der Champions League. Mehrere peinliche Patzer von Schlussmann Roman Bürki haben außerdem die Frage nach einer Alternative im Tor aufgeworfen. Ersatzkeeper Roman Weidenfeller ist bereits 37 und zu behäbig im Spielaufbau. Nationaltorwart Kevin Trapp, der bei Paris Saint-Germain nur auf der Bank sitzt, wird als Neuzugang in der Winterpause gehandelt. Der BVB könnte gute Chancen haben, ihn zu verpflichten: Wenn Trapp nächsten Sommer mit zur WM nach Russland fahren möchte, muss er daran interessiert sein, so häufig wie möglich auf dem Feld zu stehen.

Doch die Krise geht tiefer: Sie ist das Produkt einer noch längst nicht abgeschlossenen Identifikationsfindung nach den Meisterjahren 2011 und 2012 und der Auflösung des Erfolgsquartetts von Cheftrainer Jürgen Klopp (jetzt beim FC Liverpool), Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke, Sportdirektor Michael Zorc und Chefscout Sven Mislintat (jetzt beim FC Arsenal). Die vier sind es gewesen, die den Verein zu wirtschaftlichem und sportlichem Erfolg führten, nachdem der BVB 2005 am Rande des wirtschaftlichen Ruins gestanden hatte.