Manchmal findet der Mensch zur Kunst. Manchmal jedoch ist es genau umgekehrt, dann findet die Kunst zum Menschen, und wenn das so ist, steckt oft eine Geschichte dahinter. So wie in meinem Fall. Dieses Bild wollte zu mir. Und es hat mir etwas beigebracht.

Seit zwei Jahren hängt ein echter Carl Barks in meinem Büro. Wem der Name nichts sagt: Barks war der wohl bekannteste Zeichner bei Disney. Sein Strich gab Donald Duck und Onkel Dagobert eine Seele, die andere Illustratoren ihnen nie verleihen konnten. Bis in die neunziger Jahre hinein malte Barks seine Figuren sogar regelmäßig in Öl, und von diesen Gemälden wurden Lithografien angefertigt, also aufwendige Drucke. So eine Lithografie besitze ich. Sie heißt Der letzte Wintertag, ist signiert und limitiert, zeigt die Bewohner von Entenhausen beim Schlittschuhlaufen, bonbonfarben und fürchterlich kitschig.

Verglichen mit den Kunstwerken, die Schlagzeilen bei großen Auktionen produzieren, ist der finanzielle Wert meiner Lithografie lächerlich. Trotzdem verschaffte sie mir die Chance, mich erstmals in meinem Leben mit dem Kunstmarkt und seinen Eigenarten zu beschäftigen. Sie zeigte mir eine fremde und zugleich aufregende Welt. Doch dazu mussten wir uns erst einmal begegnen.

Die Geschichte begann im Spätsommer 2015. Ein Hospitant im Wirtschaftsressort war gerade von einer Recherche für unser Magazin Zeit Geld aus Mallorca zurückgekehrt. Dort hatte er Karl Heinz Richard Fürst von Sayn-Wittgenstein getroffen, der vor vielen Jahren sein erstes Ölgemälde von Carl Barks ersteigerte und als dessen größter privater Sammler gilt: mit schon damals 57 Gemälden und zahlreichen Lithografien. Mittlerweile sei der Markt leer gefegt, habe der Fürst gesagt: Wer heute einen Barks besitze, verkaufe ihn nicht mehr. Wir sprachen noch ein wenig über Entenhausen, und ich erinnerte mich an die vielen schönen Stunden, die ich in meiner Kindheit mit den Geschichten von Donald Duck und Onkel Dagobert verbracht habe.

Zwei Wochen später schlenderte ich über einen privaten Straßenflohmarkt in der Nähe meiner Wohnung. Nichts Kommerzielles, sondern eine nette Idee von Leuten aus der Nachbarschaft. Ich war nicht auf der Suche nach alten Lampen, zu klein gewordener Kinderkleidung oder irgendwelchem Küchenkrempel, sondern wollte eigentlich nur einen Kaffee trinken und mit Bekannten quatschen. Und dann stand da der Barks.

Wie finde ich heraus, was ich vor mir habe? Und wie ermittle ich den Wert?

Grünblau gerahmt, angelehnt an die klapprigen Beine eines Tapeziertisches, neben einer Kiste mit Büchern. Eine Frau wollte ihn loswerden. Nichts mehr auf dem Markt? Hatte der Fürst nicht genau das gesagt? Konnte das sein?

Und ob das sein konnte! Eine kurze Google-Suche nach "Barks, Donald, Schlittschuhe" ergab: Motiv passt. Eine Signatur war auch drauf, eine Nummer, ein Prägesiegel. Was man so alles beachten muss, ging mir durch den Kopf, und schon hatte ich eine neue Welt betreten. Sammler war ich noch nicht, Jäger aber schon. War das hier etwas Besonderes? Anhand welcher Kriterien kann man das unter Zeitdruck herausfinden? Und was konnte es eigentlich wert sein?

Sicher war nur: Dieses Bild wollte von mir gekauft werden. Es konnte kein Zufall sein, dass es unmittelbar nach meinem Gespräch über Carl Barks hier auftauchte. Und wenn es doch ein Zufall war, dann war es ein sehr schöner.

Für 70 Euro wurden wir uns handelseinig. Die Frau wusste, was sie verkaufte. Sie hatte die Lithografie selbst geschenkt bekommen und fand sie zu hässlich. Jahrelang hatte das Bild auf dem Dachboden gestanden, nun war sie froh, es los zu sein.

Seitdem besitze ich einen echten Barks. Und wie immer, wenn man persönlich betroffen ist, beginnt man, sich tiefer für etwas zu interessieren.

Ganz Wirtschaftsredakteur, versuchte ich zuerst, den richtigen Wert meines Fangs zu ermitteln. Das war schwieriger als gedacht. Für Lithografien des "letzten Wintertags" fand ich Preise zwischen ein paar Hundert und weit über Tausend Euro. Mal wurde eine privat bei eBay verkauft, andere wurden von spezialisierten Galerien angeboten. Ich fand heraus, dass es eine Rolle spielt, ob sie als Edition für den amerikanischen oder den deutschen Markt produziert wurde, dass es auf den Zustand ebenso ankommt wie auf die Nummer. Mein Exemplar hat einige tiefe Kratzer, die seinen Wert mindern, das kann ich nachvollziehen. Warum eine Lithografie mit den Nummern eins bis zehn aber wertvoller sein soll als meine Nummer 141, verstehe ich bis heute nicht. Ich muss das noch herausfinden.

Der Markt wirkt zwar nicht ganz so leer gefegt, wie der Fürst aus Mallorca gesagt hat, aber doch sehr klein. Das erschwert die Preisbildung und fördert Übertreibungen in jede Richtung. Wird ein Künstler gerade gehypt, sind seine Werke schnell sehr teuer. Carl Barks scheint gerade nicht so angesagt zu sein. Oder nur etwas für Leute, die sich mit Kunst nicht auskennen. Mag sein.

Ich bin schon belächelt worden, wenn ich von meiner zerkratzten Lithografie erzählt habe, die ich für ein Taschengeld auf einem Flohmarkt gekauft habe. Manche Menschen haben es wohl lieber, wenn Kunst etwas Elitäres bleibt. Aber sie vergessen, dass auch Onkel Dagobert nicht so unglaublich reich geworden wäre, wenn er nicht irgendwann seinen ersten Taler verdient hätte.