Es ist das Echo der eigenen Schritte spätnachts auf dem Pariser Straßenpflaster, das Theodor W. Adorno Europa hören lässt. Gleich nach seiner Rückkehr aus dem Exil in den USA hatte der Philosoph dieses Erlebnis, von dem er 1958 im Radiogespräch mit Erika Mann erzählt: In diesem Moment habe er gemerkt, dass der Unterschied zwischen seinem Kindheitsort Amorbach im Fränkischen und Paris geringer sei als der zwischen Paris und New York. In Amerika kenne man dieses Echo nicht, denn man fahre nachts selbstverständlich mit dem Auto heim. Fundstücke wie dieses vertraute intellektuelle Gespräch über das Emigrantengefühl zwischen der Diva "Erika" und dem beflissen zugewandten "Professor Adorno", der den Zauberer einst in Kalifornien beim Roman Doktor Faustus beriet und über den Tochter Erika privat lästerte, solche Aufnahmen finden sich zuhauf in der opulenten Kassette mit Originalton-Aufnahmen der Familie Mann: Der Kreis des Zauberers. Insgesamt mehr als zwanzig Stunden. Nun gab es schon diverse Veröffentlichungen mit Rundfunkaufnahmen Thomas Manns; der Nobelpreisträger war ein Meister des allerneuesten Massenmediums. Doch die Herausgeber Robert Galitz und Kurt Kreiler wollten etwas anderes: Sie haben auch die entlegensten Archive durchforstet nach den Stimmen der Mann-Familie, haben Bekannteres kombiniert mit unbekannten Zufallsfunden, mal Schnipsel von wenigen Minuten, mal ausführliche Interviews.

Die Erinnerungen an Thomas Mann und an das Familienleben dominieren diese Tondokumente, in denen auch Reden, Ansprachen und sogar unbekannte Interviews vertreten sind. Hier kann man hören, wie politisch seine Kinder waren: Erika agitiert wie der Papa in der BBC gegen Nazideutschland, Klaus berichtet für das Radio über seine Fahrten durch das eben niedergerungene Land, Golo kommentiert die Lage der Besiegten. Er interviewt 1945 sogar "Miss Erika Mann", ohne seine Identität preiszugeben – ein familiärer Spaß zweier Sieger: Seine Schwester berichtet wunderbar anschaulich von ihrer Begegnung mit den Nazi-Größen bei den Nürnberger Prozessen.

Erika betrieb auch akustische Späße: Man kann ihre amüsanten Tonband-Aufnahmen "Das Wort im Gebirge" hören, die sie der Familie vorspielte. Engagiert streitet sie sich 1967 mit Marcel Reich-Ranicki und Hans Mayer. Eindrucksvoll das Gespräch mit der Witwe Katia, das die junge Elisabeth Plessen 1969 mit der alten Dame führte . Auf der beigefügten DVD kann man Filmaufnahmen der Familie finden, darunter erstmals die beiden einzigen existierenden von Heinrich Mann. Alles zusammen ein einzigartiges, aufregendes Hörporträt dieser deutschen Intellektuellen-Familie.

Robert Galitz/Kurt Kreiler (Hrsg.): Der Kreis des Zauberers. Der Hörverlag, München; 17 CDs, 1316 Min., 99,– €