In Deutschland fehlt es an Technikern und Ingenieuren. Warum tun sich die internationalen Absolventen dieser Fächer auf dem hiesigen Arbeitsmarkt so schwer? Fragen an die Psychologin Mohini Lokhande

DIE ZEIT: Frau Lokhande, mag uns Deutsche keiner?

Mohini Lokhande: Zumindest die internationalen Studierenden, die zum Studium nach Deutschland gekommen sind, mögen das Land sehr gerne.

ZEIT: Sie arbeiten im Forschungsbereich beim Sachverständigenrat für Integration und Migration (SVR) und haben eine Studie veröffentlicht, die sich mit diesen Studierenden befasst.

Lokhande: Ja. Unsere Study-&-Work-Studie, die der Stifterverband gefördert hat, zeigt: 70 Prozent dieser Absolventen bleiben nach Studienende hier.

ZEIT: Ist das viel?

Lokhande: Das ist im europäischen Vergleich gut. Eine frühere Studie des SVR-Forschungsbereichs verglich Deutschland mit Frankreich, Großbritannien, Schweden und den Niederlanden. Die schnitten alle schlechter ab.

ZEIT: Dem deutschen Wetter und Humor zum Trotz?

Lokhande: Die Studierenden kommen, weil sie ein gutes Studium und ein spezifisches Studienfach wollen. Erst während sie studieren, fragen sich viele: Wo will ich hin in meinem Leben? Und denken sich dann: Ach, Deutschland gefällt mir ganz gut.

ZEIT: Wie viele Teilnehmer hatte die aktuelle Studie des Forschungsbereichs?

Lokhande: 419 Hochschulabgänger, die zweimal befragt wurden: einmal im Studium und dann nach Studienende.

ZEIT: Ist das repräsentativ?

Lokhande: Nicht für alle Merkmale. Aber es ist eine spannende Auswahl. In unserer Stichprobe sind überwiegend Mint-Studierende mit einem meist guten bis sehr guten Masterabschluss. Personen, die jene internationalen Studiengänge studiert haben, die in den vergangenen Jahren besonders stark aufgebaut wurden. Das sind die erwünschten Idealzuwanderer, die sind auf dem Arbeitsmarkt begehrt.

Welche Probleme internationale Absolventen bei der Jobsuche in Deutschland haben

* Mehrfachnennungen möglich

Quelle: SVR-Forschungsbereich (Study & Work 2015–2017) © ZEIT-Grafik

ZEIT: Trotzdem gehen laut ihrer aktuellen Studie 30 Prozent dieser begehrten Talente wieder.

Lokhande: Da gibt es zwei Gruppen. Die einen wollen zurück ins Herkunftsland. Da geht es um soziale Bindungen wie Familie oder um Verpflichtungen wie den Wehrdienst. Bei der anderen Gruppe geht es um Karrierechancen.

ZEIT: Und wieso gehen die?

Lokhande: Entweder finden sie in Deutschland keinen Job, oder sie denken, sie können sich im Ausland beruflich besser verwirklichen. Was uns überrascht: Die besten internationalen Absolventen verlassen Deutschland. Studierende, die einen Abschluss von 1,5 oder besser haben, gehen mit größerer Wahrscheinlichkeit als ihre Kommilitonen.

ZEIT: Wir reden hier über Mint-Fachkräfte. Die werden in Deutschland doch verzweifelt gesucht?

Lokhande: In der Stichprobe hatten die Masterabsolventen mit einem auf dem Arbeitsmarkt gesuchten Studienfach, etwa Ingenieure, in der Tat die besten Aussichten. Trotzdem suchen 30 Prozent der befragten Absolventen ein Jahr nach dem Abschluss immer noch einen Job in Deutschland. Weit mehr als deutsche Absolventen. Das sollte nicht sein.

ZEIT: Wer ist daran schuld?

Lokhande: Der erfolgreiche Einstieg in den Arbeitsmarkt hängt von drei Faktoren ab. Zunächst, ob die internationalen Studierenden bleiben wollen. Der zweite Aspekt sind Fähigkeiten und Erfahrungen. Da sind Praxiserfahrungen entscheidend, also Praktika oder Abschlussarbeiten in den Firmen. Sie müssen sich mit dem Arbeitsmarkt auskennen, wissen, wie man einen Lebenslauf schreibt, oder sie brauchen Bekannte, die das wissen. Und drittens: die Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt.