Tito Tettamanti ist Financier. Er lebt im Tessin. © Andreas Meier/Reuters

Mitte November habe ich an einem Kolloquium des Vereins Zivilgesellschaft teilgenommen. Es ging um "die Digitalisierung und ihre gesellschaftlichen Implikationen". Ich war fasziniert von Big Data und Virtual Reality, von Robotern und künstlicher Intelligenz, fasziniert auch, weil ich ein Prätechnologe bin, der nicht einmal ein Mobiltelefon besitzt – und gesteht, nicht alle Ausführungen verstanden zu haben.

Unbestritten ist: Wenn die IBM-Maschine Deep Blue den Schachweltmeister Garri Kasparow schlägt, weil sie fähig ist, 200 Millionen mögliche Schachpositionen in einer Sekunde zu analysieren, hat eine neue Phase der Menschheitsgeschichte begonnen.

Bewunderung und Sorge vermischen sich. Sorgen wie die von Stephen Hawking, dem berühmten Physiker, der sich die Frage stellt: Wie reagieren intelligente Maschinen, deren Zweck es ist, darwinistisch zu überleben, wie reagieren sie in dem Moment, in dem sie feststellen werden, dass wir Menschen ihre echten Feinde sind? Weil wir diejenigen sind, die sie abstellen können. Die logische Reaktion der intelligenten Maschinen wäre es, die Menschen zu vernichten, um die eigene Zukunft zu sichern.

Auch die Kriminalpsychologin Mary Aiken spendet mit ihrem Buch The Cyber Effect nicht sehr viel Trost. Sie zeigt, was Kriminelle im Internet alles anrichten können. Vermutlich hat Wladimir Putin recht, wenn er behauptet: Wer die künstliche Intelligenz am besten für sich nutzen kann, der dominiert künftig die Welt.

In den vergangenen Jahrzehnten sind die Bürger von einem sie stetig stärker beschützenden Staat ermuntert worden, immer risikoscheuer zu werden. Aber in Zukunft werden diejenigen gewinnen, die in atemberaubendem Tempo hohe Risiken eingehen. Machen statt planen und überlegen, lautet das Credo. Wie rasch wird sich unsere Gesellschaft auf diese neue Lebenshaltung umstellen können?

Als Optimist wette ich darauf, dass wir uns mit den intelligenten Maschinen verständigen werden. Trotzdem stellen sich einige grundsätzliche Fragen: Was bedeutet eine gute Ausbildung für die nächsten Generationen? Lohnt es sich noch, Sprachen zu lernen, wenn die Maschinen unseren Small Talk in unzählige Sprachen simultan übersetzen können? Wie wird sich die Demokratie weiter entwickeln? Werden die Ideologien überleben? Und wie werden politische Beschlüsse künftig gefällt: Rein technokratisch, also so, wie es die Maschine vorschlägt und will?

Einer der Gründe, weshalb die zentralistisch organisierten Staatswirtschaften pleitegingen, war das Fehlen von Marktdaten, die nur ein marktwirtschaftliches System liefern kann. Vielleicht liefert bald Big Data die notwendigen Informationen, mit der eine zentralistisch geführte Wirtschaft erfolgreich gestalten könnte. Die Linke darf schon mal heimlich jubeln.

Andererseits haben auch wir Liberalen etwas zu feiern: Blockchain, eine Technologie, welche die parasitäre Intervention des Staates und seiner Bürokratie unnötig macht – und noch dazu für die Geschäfte eine neue Diskretion schafft. In Moskau und in der Ukraine wurden bereits Immobilien über eine Blockchain verkauft. Und vielleicht wird eine Kryptowährung wie Bitcoin sogar das staatliche Währungsmonopol infrage stellen.

Sie merken, liebe Leserin, lieber Leser, ich verließ das Kolloquium mit mehr Fragen als Antworten. Nur etwas, da bin ich mir sicher, wird sich in der total neuen Welt nicht ändern, leider: Es wird auch dann Steuerzahler und Steuereintreiber geben. Und mein Bauch sagt, dass die intelligenten Maschinen sofort kapieren werden, wie angenehm ein Dasein ist, bei dem man dem anderen das Geld aus dem digitalen Portemonnaie stibitzen kann.