Sogar Bild war entgeistert. "Trump bepöbelt falsche Theresa May", so die Headline, abertausendfach war Trumps Tweet um die Welt gegangen, in dem er eine Theresa anrotzt, die er für Prime Minister May hielt, die es aber nicht war. Die falsche Theresa (das Twitter-Foto zeigt sie authentisch ungeschminkt hinter ungeschnittenem Pony hervorlinsend) hat es in acht Jahren auf sechs Follower gebracht und auch das globale Trending @realDonaldTrump verpennt. Blöde Zeitverschiebung! Als sie aufwachte, war sie umspült von Mitgefühl. Patrioten aus den USA schlugen sich an die Brust. Eine Oma aus Australien kondolierte. Der Twitter-Account "Political Mama" schrieb: "Liebes Großbritannien, im Namen aller Amerikaner entschuldige ich mich für den obersten White-House-Besetzer, der offensichtlich psychische Probleme hat. Bitte schickt Hilfe!"

(Antwort aus dem Königreich: "Okay, ihr dürft zurück, aber erst, wenn ihr einer fetten Teesteuer zustimmt!" [#Teaparty, Boston, 16. 12. 1773])

Blamage vor 44 Millionen Followern. Huijuijui. Und dann vor der ganzen Welt. In meinem Dorf reichte eine verrutschte Strumpfnaht, und man ging in soziale Klausur. "Eine unvorsichtige Bewegung, ein schiefes Lächeln – plötzlich ist alles am Tage", mahnte Tucholsky. Als da zutage kommen könnte: geistige Unfähigkeit, vor- oder nebenehelicher Geschlechtsverkehr, Rechenschwäche! In Japan waren für ähnliche Fälle scharfe Messer vorgesehen, Aufschlitzen und Abtreten. Lange her. Die Witzfigur Politiker ist heute der Renner.

Der fette Oldie mit dem Toupet. Trump. Der Nervenverlierer. Lindner. Der sabbernde Eliteschüler, dem das Hemd aus der Hose hängt. Boris Johnson. Höcke geifernd mit dem zum Hitlergruß gereckten Patschhändchen. Warum lacht niemand? Wieso erledigt sich das nicht einfach von selbst? Rote Ohren, und ab in die Kulisse?

These 1: Alles ist Entertainment, eine Begleitshow zum globalen Kapitalismus. Diese Typen ploppen auf die Bühne, als gäbe es oben in der knirschenden Mechanik des Polittheaters einen Gott, der, entnervt vom Genöle gelangweilter Zuschauer ("Immer Merkel-Jäckchen in Apricot!"), beschlossen hätte, uns aufzufrischen. Wumm und rumms, da wären sie. Trump, die XXL-Version von Dieter Bohlen. Herr Lindner, spotten die sozialen Medien, werde sich jetzt wieder seiner Modelling- Karriere zuwenden. Oder den Hedgefonds. Politiker, Banker, Fashionist, Talker, ist doch heute eins! Die Engländer kennen ihre Rüpel von Shakespeare. Man spricht von comic relief – inmitten der Tragödie rumpeln Kerle vor der Ritterburg und grölen mit schwerer Zunge tropfende Zoten, bis die Zuschauer bereit sind für den nächsten Mord. Ernst gesagt: Der Verlust des Demokratischen zeigt sich als Übernahme durch die Figur des Narren.

These 2: Wir sind alle Witzfiguren. Weshalb es uns an tief greifender Empörung fehlt. Wer im Bus in sein Handy kreischt, wie supertoll der Typ letzte Nacht wieder drauf war, wahlweise: was für ein Versager, zuckt auch nicht, wenn der britische Außenminister eine Bürgerin, die in der Türkei einsitzt wegen angeblicher Spionage, mit Fake-News belastet. Krass! Hihi! Oder, apropos Türkei, wie Mr. Trump im Thanksgiving-Tweet statt einen turkey ganz Turkey begnadigt. Es lebe der Truthahn! Schon weil neulich, im ICE, jemand so heftig demonstrierte, wie er gar kein Fleisch mehr verdauen kann. Sprang auf, seine Hand wühlte sich über den Unterleib, um das Gequäle des Darms zu simulieren – ich gab fünf Trump!

These 3: Krise des Männlichen. Stimmt immer. Zerfall eines Erfolgsmodells – der Mann als coole Herrschernatur. Männer! Das läuft schon lange. Man erinnere sich an den kreischenden Österreicher. Hatte man auch vergessen wegzulachen, als noch Zeit war.

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