Schließlich bleibt die Bundesrätin chancenlos. Die Ständeräte wollen ihre alte Post zurück. Ein bisschen zumindest. All die Evaluationen, die Rankings über den Service oder die Zufriedenheit der Kunden, all das interessiert sie nicht an diesem Novembertag. Sie überweisen eine Motion um die andere, welche die Aktiengesellschaft in Staatsbesitz wieder etwas enger an die Politik rücken sollen. Die Bundesrätin reagiert genervt: "Für mich ist das alles jetzt auch ein bisschen Klamauk, ehrlich gesagt." Eigentlich läuft doch alles gut, bestens sogar, findet sie. Die Kunden nutzen ihre Poststellen kaum mehr, also schließt man sie. Nur in ein paar Gemeinden, in 40, um genau zu sein, da sei man sich uneinig, ob und wie und wo die Post ihre Dienstleistungen anbieten soll. Aber, und sie spreche nun einfach aus, was die Bevölkerung denke: "Wir haben eine Superpost mit guten Leistungen."

Doris Leuthard, 54, Vorsteherin des Eidgenössischen Departements für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (UVEK), ist eine politische Ausnahmefigur. 2006 wurde sie in den Bundesrat gewählt, vier Jahre später übernahm sie das UVEK. Mit großem Elan und noch größeren Ankündigungen machte sie sich daran, das Land umzubauen. Wortwörtlich. In ihrem Departement entscheidet sich, wie die Schweiz von morgen aussieht und was der Staat ganz konkret für seine Bürger tut: mit seiner Bahn, seiner Post, der Swisscom und der SRG.

Lange reihte Leuthard einen Erfolg an den anderen. Aber nun, da sie öffentlich von Rücktritt spricht, spätestens im Herbst 2019 soll es so weit sein, nun zeigt sich immer deutlicher: Mit ihrer Erfinderin hat sich auch die Methode Leuthard überholt.

"Meine Ausstrahlung ist wohl ein Vorteil", sagte Leuthard vor fünf Jahren gegenüber der ZEIT. Auch wir waren von der CVP-Bundesrätin angetan, hievten sie auf unser Cover und titelten: "Eine Schweizer Revolutionärin". Damals war Leuthard gerade dabei, die Energiewende einzufädeln. Wie Angela Merkel, mit der sie oft verglichen wurde, weil beiden gelang, egal, was sie anpackten. Wie ihrer deutschen Kollegin jagte 2011 die Reaktorkatastrophe von Fukushima auch Leuthard einen gehörigen Schreck ein. Sie dachte um, warf alte Überzeugungen über Bord. Aus Atom-Doris, wie ihre Gegner sie spöttisch nannten, wurde Ausstiegs-Leuthard. Sie selber konnte mit dem Begriff Revolutionärin nichts anfangen. Viel wichtiger sei es, sagte sie, alle Interessengruppen anzuhören. Sie könne, hieß es, auch Menschen in ihren Bann ziehen, die nicht ihrer Meinung sind. Das weiß Leuthard zu nutzen. Sie, die im Rücken eine seit Jahrzehnten serbelnde Partei hat, die auf nationaler Ebene nur noch Mehrheitsmacherin statt Machtinhaberin ist, sie wusste: Um ihre Projekte durchzubringen, musste sie einen Pakt mit dem Volk schließen.

Das gelang Leuthard so gut wie keinem anderen Regierungsmitglied. Ihre Statistik zeigt eine beeindruckende Erfolgsbilanz: Egal, ob es um ein neues, milliardenschweres Finanzierungsmodell für den Bahn- oder Straßenverkehr ging oder einen Baukredit für einen neuen Autobahntunnel durch den Gotthard, Leuthard gewann eine Mehrheit für sich und ihr Anliegen. Auch als das Volk vor knapp einem Jahr über ihr Prestigeprojekt, das neue Energiegesetz, befand, durfte die Bundesrätin jubeln.

Doch zweimal hat sie verloren und einmal nur zufällig gewonnen, mit 3500 Stimmen Unterschied: als eine Initiative verlangte, den Bau von Zweitwohnungen in den Tourismusregionen zu deckeln, als die Autobahnvignette teurer werden sollte und als aus einer Radio- und TV-Gebühr eine Abgabe wurde, die alle Haushalte zu bezahlen haben. Nicht nur jene, in denen tatsächlich ein Empfangsgerät steht.

Diese drei Vorlagen verbinden drei Dinge. Erstens betreffen sie hochemotionale Themen. Zweitens waren sie keine Großvorlagen, die vielen etwas nahmen und allen etwas gaben. Und drittens stellten sie eine simple Frage. Wollen wir die schöne Bergwelt weiter mit leer stehenden Chalets verschandeln? Soll das Autofahren mehr kosten? Müssen wir alle für die SRG bezahlen?

Eine einfache Frage stellt auch die No-Billag-Initiative. Im März 2018 befinden die Schweizer darüber, ob sie in der Verfassung festschreiben wollen, dass es dem Staat künftig untersagt ist, Gebühren für Radio und Fernsehen einzutreiben sowie eigene Sender zu betreiben. Kommt die Vorlage durch, bedeutet dies Sendeschluss für die SRG. Doris Leuthard versucht mit einer einfachen Rechnung dagegenzuhalten. Bald sollen die Gebühren auf jährlich 365 Franken sinken. Einen Stutz pro Tag.

Ob das reicht?

Eigentlich hätte es gar nie so weit kommen müssen. Die No-Billag-Initiative war selbst der SVP zu radikal; heute unterstützen ihre Granden das Volksbegehren. Aber Doris Leuthard, das UVEK und die SRG drückten sich davor, die Grundsatzfrage zu stellen und darüber zu streiten: Wofür braucht es im 21. Jahrhundert ein öffentliches Medienhaus?

Das Wegdrücken, oder in der etwas freundlicheren Variante das Weglächeln, ist ein Teil der Methode Leuthard. In all ihren Dossiers. Die SBB bauen weiter ihre Infrastruktur aus, solange der Staat das Geld für die Investitionen und den Unterhalt lockermacht. Einen Plan für die Bahn haben aber weder das Bundesamt für Verkehr noch deren oberste Chefin. Also Doris Leuthard.

Das neue Raumplanungsgesetz ist zwar längst in Kraft, aber wie die 10-Millionen-Schweiz aussehen soll, davon hat weder das Bundesamt für Raumentwicklung ein Bild noch deren oberste Chefin. Also Doris Leuthard.

Und selbst bei der Energiewende ist bis heute unklar, ob sie gelingen kann. Bereits in wenigen Jahren soll die ganze Energiepolitik auf den Kopf gestellt werden. Sie soll nicht mehr Energieträger fördern, sondern den Verbrauch mit Abgaben lenken. Aber anstatt die Räte und die Bevölkerung sachte auf diesen Wandel vorzubereiten, wurde er im Abstimmungskampf verdrängt.

Es geht in der Methode Leuthard um den quick win, nicht um den langfristigen, nachhaltigen Erfolg.

Auch dass die Bundesrätin im Ständerat zum wiederholten Mal mit Motionen gepiesackt wird, auch das liegt daran, dass sie und ihre Chefbeamten sich davor drücken, eine Service-Public-Debatte loszutreten: Wofür brauchen wir heutzutage überhaupt noch eine staatliche Post?