© Petra Bahr

"Euer Christentum ist mir zu geruchsneutral", schimpft die Frau, die auf den Stufen vor der Kirche sitzt – und zieht an ihrer E-Zigarette. Es riecht nach Erdbeergummibärchen. So eine Religionskritik habe ich noch nie gehört. Und weil ich viel zu früh gekommen bin und die Kirche noch dunkel ist, setze ich mich neben sie in die Kälte. Der Weihnachtsmarkt ist noch ein Geisterdorf. Es riecht nach junger Tanne und altem Glühwein. Die Frau zieht sich in ihren Parka zurück. Sie könnte 30 oder 70 sein. Ihr Gesicht ist in der Kapuze verborgen. Sie raucht. Ich denke nach.

Hat sie recht? Ist das Christentum geruchsneutral? Aseptisch? Clean? Nach Erdbeeren riecht es nicht. Aber je länger ich die kalte Luft einatme, desto mehr Gerüche steigen mir in die Nase. Da ist der Weihrauch aus Jahrhunderten, der in den Gewölben alter Kirchen hängt. Manche Sakristei könnte ich mittlerweile am Geruch erkennen. Kirchen sind wie Menschenkörper. Sie hinterlassen einen Eindruck im Riechorgan. Dann ist da der Geruch der ersten Kerze auf dem Adventskranz und der Duft des frisch geschlagenen Weihnachtsbaums. Eine ganze Kindheit steigt durch das Riechorgan und verbindet sich mit den Vanillekipferln, die gerade aus dem Ofen der Großmutter kommen. Es riechen auch der Tod und die Angst, existenzielle Ausdünstungen, die Stimmungen ankündigen, bevor sie ausgesprochen sind. Pastorinnen brauchen eine gute Nase. Manchmal riecht es nach Kantaten. Sängerinnen im Festgewand, Kolophonium und Ingwertee verbreiten schon vor dem ersten Ton himmlischen Jubel. Kirchenbänke riechen und alte Talare. Gemeindehäuser haben ihren eigenen Duft. Manchmal ist er frisch und betörend, manchmal abgestanden und muffig. Das ganze Kirchenjahr hat eigene Düfte, ein Parfüm der Heilsgeschichte, immer und immer wieder erinnert im Turnus der beliebten und der vergessenen Feste. Aber all das meint die Frau wohl nicht.

Gerüche hinterlassen Spuren wie Töne Resonanzen. Sie appellieren ans Gedächtnis, sie drängen zu mehr Nähe – oder zum Weglaufen. Das Nasengedächtnis kann Ereignisse hervorholen, wenn die Namen der daran beteiligten Personen schon unwiederbringlich verschwunden sind. Die Hirnforschung versucht, dieses Geheimnis zu ergründen, die Verkaufsstrategen suchen nach dem ultimativen Zugang zum Nasensinn. Wer die Nase hat, der hat das Herz. Die Umarmung durch den verlorenen Geliebten, der Duft des Babys, das jetzt ein Teenager ist und sich hinter einer Wolke von Aftershave versteckt. Es sind Menschengerüche, dezente und blumige, mit holziger Kopfnote, säuerlich-scharfe, die Brechreiz und Ekel erzeugen, die Parfümerie des Lebens.

Paulus hat sogar eine kleine Theologie des Nasensinns entwickelt. "Ihr sollt ein Wohlgeruch Christi sein!", ruft er den Christen zu. Was gut riecht, haben Menschen gerne um sich. Wohlgerüche können entspannen und verschlossene Geister öffnen. "Du riechst gar nicht so übel", sagt meine Treppennachbarin und hebt den Kopf. Duschgel kann missionarisch sein.