DIE ZEIT: Herr Stoiber, auch aus Ihrer eigenen Erfahrung: Woran merkt man, wenn die Macht erodiert?

Edmund Stoiber: Ich kann nur von mir reden. Das beginnt schleichend. Man merkt das zum Beispiel, wenn sich in internen Sitzungen, auch bei eigentlich unstrittigen Themen, die kritischen Nachfragen häufen. Oder wenn man auf Regionalkonferenzen der Partei auftritt und der Applaus weniger wird. Das sind so Signale. Und wenn Sie als bayerischer Ministerpräsident in einem Bierzelt stehen, vor 3.000 oder 4.000 Leuten, dann müssen Sie auch diejenigen erreichen, die ganz hinten sitzen, nicht nur die Leute in den vorderen Reihen, die Parteianhänger und Interessierten. Sie müssen auch diejenigen erreichen, die Sie vielleicht kritisch sehen. Wenn das nicht mehr gelingt, ist das ein Zeichen.

ZEIT: Würden Sie sagen, dass Horst Seehofer diese Zeichen zu spät erkannt hat?

Stoiber: Das kann nur er beurteilen. Gemerkt hat er das sicherlich. Aber bedenken Sie, in welch schwierigen wochenlangen Verhandlungen er in Berlin gefordert war!

ZEIT: Man hat Seehofer immer zugeschrieben, ein guter Taktierer zu sein. Nun hat er sich das erste Mal verkalkuliert. Wie erklären Sie sich das?

Stoiber: Die CSU hat bei der Bundestagswahl ein Minus von zehneinhalb Prozentpunkten eingefahren, das führt natürlich in der Partei zu Diskussionen. Auch die SPD debattiert ja gerade sehr intensiv darüber, warum sie bei der Wahl ein so schlechtes Ergebnis erzielt hat. Nur bei der CDU wird diese Diskussion weniger geführt, aber das ist ein anderes Thema. Wenn eine Partei wie die CSU den Anspruch hat, die Mehrheit der Bayern zu repräsentieren, und dieser Anspruch dann so deutlich unterschritten wird, dann ist in der CSU eine Debatte darüber unvermeidlich. Dann gibt es auch Auseinandersetzungen. Die sind sehr hart gewesen, sehr persönlich und sicherlich manchmal auch unfair. Aber das ist vorbei.

ZEIT: Wann, glauben Sie, ist Horst Seehofer klar geworden, dass er nicht länger Ministerpräsident bleiben kann?

Stoiber: Das kann ich nicht an einem bestimmten Moment festmachen. Es sind in den vergangenen Wochen viele Gespräche geführt worden, sehr persönliche Gespräche, zwischen Seehofer und mir, aber auch zwischen Seehofer und anderen Spitzenrepräsentanten der CSU.

ZEIT:Theo Waigel und Sie sollten zusammen mit Landtagspräsidentin Barbara Stamm eine Kommission bilden, die dann einen Plan für die personelle Neuaufstellung der CSU entwirft. Das galt als Seehofers letzter Rettungsversuch.

Stoiber: Es gab keine Kommission.

ZEIT: Nicht?

Stoiber: Das war eines der vielen Missverständnisse der letzten Zeit. Es ist doch völlig klar, dass Leute wie Theo Waigel und ich, die einmal in einer ähnlichen Situation waren, die auch alle Höhen und Tiefen eines Parteivorsitzenden erlebt haben und die keine aktiven eigenen politischen Interessen mehr haben, dass wir unseren ehrlichen Rat persönlich und unter vier Augen geben und nicht öffentlich. Und darauf konnte sich Horst Seehofer immer verlassen.

ZEIT: Jetzt unterspielen Sie Ihre eigene Rolle.

Stoiber: Natürlich habe ich meine Meinung auch in Parteigremien geäußert. Aber Horst Seehofer selbst hat nach den Diskussionen über das Wahlergebnis eine Antwort für einen geordneten Übergang nach fast zehn Jahren im Amt des Ministerpräsidenten gegeben. Ich halte das, was jetzt auf seinen Vorschlag von Fraktion und Parteivorstand einstimmig beschlossen worden ist, für eine starke Lösung. In Berlin, besonders bei den anstehenden sehr schwierigen Gesprächen mit der SPD, ist Seehofer mit seiner großen politischen Erfahrung unverzichtbar. Das ist auch Konsens in der Partei. Und deshalb wird er auf dem Parteitag wieder als Vorsitzender vorgeschlagen. Wir haben damit eine Krisensituation in der CSU, wie ich sie noch nicht erlebt habe, beendet. Und ich bin sehr froh, dass wir eine gute Neuaufstellung für die Zukunft gefunden haben.

ZEIT: Ich stelle mir das ungeplante Ende einer politischen Karriere sehr traurig vor. Ist es das?

Stoiber: Ich würde nicht von Karriereende sprechen, sondern von Generationswechsel. Und Horst Seehofer wird ja Parteivorsitzender bleiben.

ZEIT: Als Sie CSU-Vorsitzender waren, haben Sie Markus Söder 2003 zu Ihrem Generalsekretär gemacht. War damals schon klar, dass Sie ihm helfen würden, eines Tages Ministerpräsident zu werden?

Stoiber: Sie übertreiben. Aber ich habe schon früh gemerkt, dass Markus Söder ein außergewöhnliches politisches Talent ist, dass er einen starken Willen hat und immer bereit ist, sich für seine politische Überzeugung ins Getümmel zu werfen. Das hat mir gefallen. Nach seiner Zeit als Generalsekretär hat er zehn Jahre administrative Erfahrung gesammelt, er war Europaminister, Umweltminister und ist jetzt Finanzminister. Und er hat sich, soweit ich das beurteilen kann, immer gut geschlagen. Aber vor allem ist er jemand, der Klartext spricht. Und wenn ich Leute ansprechen will, die Politik nicht als Lebensinhalt haben, dann muss ich die Dinge eben auch mal zuspitzen. Denken Sie an mein Beispiel des Bierzelts: Sie müssen die Leute in den hinteren Reihen überzeugen können. Das ist Volkspartei. Das kann er.