Es ist ein Samstag, fünf Uhr früh, als Todd Alexander seine Tarnhose anzieht, seine Tarnjacke überstreift, in seine Tarnstiefel steigt und sich mit einer Flüssigkeit einsprüht, die ihm seinen menschlichen Geruch nimmt. Er tritt aus seiner kleinen Waldhütte, noch ist es dunkel, weit und breit keine Lichter, nur Bäume. Er hängt sich eine Armbrust über die Schulter, die den Namen "Empire Aggressor" trägt. Sie schießt Pfeile mit einer Geschwindigkeit von 120 Metern in der Sekunde. An diesem Tag im November 2017 ist Bärenjagd, für Todd Alexander einer der schönsten Tage im Jahr.

Im Schein seiner Stirnlampe schleicht er durchs Unterholz, belastet nur seine Fußspitzen, um so wenig Geräusche wie möglich zu machen. Nach einer halben Stunde bleibt er vor einer Kiefer stehen. Er klettert hinauf, benutzt Äste als Stufen, und setzt sich in zehn Meter Höhe in eine Baumgabel. Er wird warten, dem Sonnenaufgang zusehen, hören, wie die ersten Vögel singen, und hoffen, dass ein Bär vorbeikommt. Für den Fall, dass er pinkeln muss, hat er eine Plastikflasche mitgenommen. Stundenlang sitzt er da. "Ich fühle Frieden hier draußen", sagt er. "Es ist meine Meditation."

400 Kilometer weiter östlich sitzt ein anderer Mann ebenfalls reglos da. Er heißt Conor Yates, unter seinem Körper glänzt das gewachste Parkett eines Lofts im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Yates hat seine Beine im Schneidersitz verschränkt, seine Füße sind nackt, sein Rücken ist durchgestreckt. Mit geschlossenen Augen sagt er: "Lasst in der Mitte eures Herzens einen Menschen erscheinen, den ihr liebt." Er hält inne, im Raum ist es still, der Lärm der Stadt dringt nur gedämpft herein. Yates sagt leise: "Wir beenden die Stunde mit drei sanften Oms. Singt sie wie zu einem schlafenden Kind." Vor ihm sitzen auf Gummimatten 16 junge Menschen, aus deren 16 Kehlen 16 sanfte Oms entweichen. Einatmen, Ausatmen, Ommm. Wenig später ist das Studio leer, alle hetzen zurück zu ihren Großstadtjobs.

Todd Alexander und Conor Yates, der eine Jäger, der andere Yogi, der eine vom Land, der andere aus der Stadt, zwei Menschen, die verschiedener kaum sein könnten. Die beiden eint, dass sie Amerikaner sind – aber eint sie das wirklich? Eint sie das noch?

Amerika, das war immer das Land der unterschiedlichen Lebensentwürfe. Es gab immer das liberale Hollywood-Harvard-Küstenamerika und das konservative Cowboy-Bibel-Hinterlandamerika. So groß die Unterschiede im Privaten waren, politisch konnten die beiden Amerikas miteinander sprechen. In den vergangenen Jahren hat sich das geändert. Heute hassen die beiden Amerikas einander.

Bei der Präsidentschaftswahl im vergangenen Jahr stimmten die Menschen an den Küsten gegen Donald Trump, das Hinterland aber brachte ihn an die Macht. Spätestens seit jenem Tag ist offensichtlich: Die Vereinigten Staaten sind ziemlich unvereinigte Staaten.

Nach der Wahl sprachen Menschen auf beiden Seiten von einem möglichen Bürgerkrieg. Sie spürten, dass Amerika als Land, als Nation, nicht fortbestehen kann, wenn das Auseinanderstreben der Gesellschaft nicht gestoppt wird.

Ein Jahr lang hat die ZEIT zwei Männer begleitet, einen aus jedem Amerika, um herauszufinden: Wie weit haben sich die Menschen dieses Landes voneinander entfernt? Und was müsste geschehen, um sie wieder zueinanderzubringen?

Todd Alexander, 43, ist ein Finanzberater und Hobbyjäger aus McConnellsburg im Bundesstaat Pennsylvania, wo, wie er, 84 Prozent Trump wählten. Alexander lebt mit seiner Frau und seinen vier Söhnen auf einer alten Farm, die schon seinem Ururgroßvater gehörte. Wenn er aus dem Fenster schaut, sieht er eine Wiese, auf der vier Kaltblüter grasen.

Conor Yates, 32, ist ein Yoga-Lehrer aus New York City, wo, wie er, 79 Prozent für Hillary Clinton stimmten. Yates lebt mit seinem Freund in einer Einzimmerwohnung in Brooklyn. Wenn er aus dem Fenster schaut, sieht er die Skyline von Manhattan.

Beide Männer gehören, bei aller Unterschiedlichkeit, nicht zum politischen Rand der Gesellschaft, nicht zur radikalen Rechten, nicht zur radikalen Linken. Falls es noch so etwas wie eine amerikanische Seele gibt, die die 320 Millionen Menschen zwischen Alaska und Florida vereint, müsste man sie nicht bei diesen beiden Männern finden?

Am Wahlabend hatte Conor Yates, ein häufig lächelnder Mann mit blondem, schütter werdendem Haar, ein paar Freunde in seine Wohnung eingeladen. Sein Partner hat Bowle gemacht, alles soll sein wie vor acht Jahren, als sie an gleicher Stelle Pfirsich-Bellinis tranken und Lieder hörten, deren Anfangsbuchstaben den Namen B-A-R-A-C-K O-B-A-M-A ergaben. Als Obama gewonnen hatte, weinte Yates vor Freude.

Nun würde eine Frau ins Weiße Haus einziehen! Nichts zeigt nach Yates’ Ansicht die Zivilisiertheit einer Gesellschaft so verlässlich wie der Status von Minderheiten, von Frauen, von Schwarzen, von Homosexuellen wie ihm selbst. Doch dann färbt sich im Fernsehen die Karte der USA immer röter, in der Farbe des politischen Gegners. Es wird still in der Wohnung. Wieder weint Yates, dieses Mal aus Wut, auch aus Angst.