Es ist schwarz, hat einen kräftigen, leicht süßen Geschmack, im Abgang eine Spur Schärfe. Und es macht ziemlich schnell betrunken, Alkoholgehalt: mehr als acht Prozent. Genau so schmecke Afrika in Baden-Baden, sagt Emeka Ogboh, als er den Kritiker in seine Atelierwohnung in Berlin eingeladen hat. Ogboh hat das sogenannte Craft-Beer brauen und in mattschwarze Flaschen abfüllen lassen, es trägt den beziehungsreichen Namen Sufferhead, und man kann es jetzt nicht nur in seinem Wohnzimmer trinken, sondern auch in der Baden-Badener Kunsthalle kaufen. Ogboh ist kein Braumeister, er ist einer der wenigen Künstler, die mit ihren Auftritten im sogenannten Superkunstjahr 2017 langfristig in Erinnerung bleiben werden.

Schon für die Documenta in Kassel hatte er, der 1977 im Osten Nigerias geboren wurde und in Lagos studiert hat, eine Variante seines Sufferhead brauen lassen, ein Konzeptkunstwerk, das abends die Gespräche zwischen den Künstlern, Kuratoren und Betrachtern hochdrehen half. Ogboh hatte für sein Bier die afrikanische Community in Kassel befragt, nach welchem Geschmack sie sich sehne. Da er dort vor allem auf Eritreer und Somalier traf, verlangten sie nach Honig, der sie an das Honigbier aus ihrer Heimat erinnern sollte. Für dieses garantiert nicht nach dem deutschen Reinheitsgebot gebraute Bier gestaltete Ogboh dann auch eine kleine Werbekampagne. Nach diesem Prinzip hat er jetzt in Baden-Baden dem dortigen Quellwasser Schwarzwälder Kirschen und afrikanischen Chili beigemischt, in der Kunsthalle ist neben neuen Werbeplakaten – eine Gruppe schwarzer Menschen in Lederhose und Dirndl prostet sich mit Sufferhead zu – auch ein Werbefilm zu sehen, in dem Deutsch-Afrikaner im Casino mit dem Sufferhead-Bier feiern und dabei von weißen Kellnern bedient werden.

Das Bier sei nur eine Einstiegshilfe, sagt Ogboh, um Fragen der Migration und des Schwarzseins in Europa zu thematisieren. "Es ist ein Spiel mit dem deutschen Reinheitsgebot, das an starre Vorstellungen von Staatsbürgerschaft erinnert." Was aber passiert, wenn sich die Geschmäcke und Traditionen mischen? Ogboh macht sich mit seinem kreolischen Konzeptbier auf die spielerische Suche nach den hybriden, sich ständig transformierenden Identitäten, die Migranten aus Versatzstücken ihrer alten und ihrer neuen Heimat produzieren.

Ogboh interessieren dabei immer zuerst die Sinneswahrnehmungen, die Gerüche und Geräusche, die unsere Erinnerungen triggern. So produziert er schon seit Jahren aufwendige Klangcollagen, mit denen er den Alltag in der 20-Millionen-Stadt Lagos zu ethnografieren versucht. In einer neuen Sound-Installation in Baden-Baden mischen sich jetzt auch Berliner Klänge darunter. Die deutsche Metropole ist Emeka Ogboh übrigens viel zu leise, so leise, dass er nach seinem Umzug in die Stadt nicht einschlafen konnte. Die Stille beunruhigte ihn.

In Baden-Baden setzt er der Stille einen aus Lagos empfangenen Radiosender entgegen, man kann ihm mit Blick auf einen Leuchtkasten lauschen, auf dem eine grafisch verfremdete Straßenszene in Lagos zu sehen ist, der Anblick eines Staus aus Sammeltaxis. Manche der hier ausgestellten Kunstwerke wirken etwas eilig ausgedacht. Andere, wie die 2015 erstmals auf der Venedig-Biennale präsentierte Klanginstallation Song of the Germans, entfalten dafür auch beim wiederholten Anhören ihren Reiz: Zehn Mitglieder des afrikanischen Gospel-Chors Bona Deus übersetzten die dritte Strophe der deutschen Nationalhymne in ihre jeweilige Muttersprache und sangen sie dann zuerst einzeln, schließlich im polylingualen Kollektiv ein. "Pue pe ndi mbue ken ne Shutu te ntu Njamen", schallt es dann auf Bamun zu der so bekannten Melodie von Haydn aus dem Lautsprecher. Eine erhebende Szene der Selbstermächtigung.

Was denkt Ogboh über die in den vergangenen Monaten und Jahren ausgefochtenen Diskurskämpfe zum Thema kulturelle Appropriation, also der skandalisierten Verwendung eines Bildes schwarzer Unterdrückungsgeschichte durch eine weiße Künstlerin wie Dana Schutz? Emeka Ogboh ächzt. Wenn er ein Foto mit Schwarzen in Lederhosen produziere, sei das noch keine Appropriation, ihm gehe es mehr um Assimilation und Hybridisierung.

Und was denkt er über den postkolonialen Diskurs in Deutschland? "Man kann nicht so tun, als ob es den Kolonialismus nicht gegeben hätte. Es gab unfassbare Grausamkeiten. Ich plädiere nicht für Reparationszahlungen, aber das Unrecht muss anerkannt und die Folgen, die der Kolonialismus bis heute für Afrika hat, verstanden werden. Und es war übrigens nicht alles negativ, es gab auch positiven kulturellen Austausch."

Wie aber umgehen mit den afrikanischen Skulpturen, die hier in ethnologischen Museen lagern? "Sie sollten repatriiert werden. Wenn ich als Nigerianer nach Deutschland reisen muss, um mir die Kultur meiner Vorfahren ansehen zu können, ist das sehr sonderbar." Bei einer Auslandsreise nach Burkina Faso hat Emmanuel Macron vergangene Woche angekündigt, dass er afrikanisches Erbe aus französischen Museen nach Afrika restituieren wolle. Recht habe er, sagt Ogboh: "Die Wahrheit ist, dass die meisten dieser Dinge nicht nur Kunstwerke waren, sondern im Alltag benutzt wurden, sie hatten eine rituelle, religiöse Aufgabe. In Europa wurden sie als exotisch bestaunt, doch in Afrika spielten sie eine sehr viel wichtigere Rolle. Sie wurden von den Europäern aus diesen jahrhundertealten Beziehungen herausgerissen. Sie müssen zurückgegeben werden."

Ogboh selbst, der sich bisher von keiner Galerie helfen lässt, hat dieses Jahr so viel gearbeitet wie noch nie und will es jetzt etwas ruhiger angehen lassen. Die meiste Zeit möchte er lesen. Es gibt ein Buchprojekt. Und vielleicht wird er auch ein neues Bier brauen.

In der Kunsthalle Baden-Baden bis zum 4. Februar 2018.