Wie umgehen mit homosexuellen Paaren? An dieser Frage scheiden sich in den evangelischen Landeskirchen die Geister. Mehr noch: Selbst leitende Geistliche hielten es in Gesprächen jüngst für möglich, dass sich an der Frage, ob man homosexuelle Paare segnen soll, das liberale und das konservative Lager derart zerstreiten könnten, dass eine neue Kirchenspaltung droht.

Dabei war der Anlass vergleichsweise marginal, weil regional überschaubar: Bei der Herbstsynode der württembergischen Landeskirche konnten sich die pietistisch-konservative "Lebendige Gemeinde" und die linksliberale "Offene Kirche" nicht auf eine Segnung von homosexuellen Paaren einigen. Letztlich fehlten dem Kompromissvorschlag des Oberkirchenrats, der die Frage, ob Segen oder nicht, auf Gemeindeebene verlagert hätte, nur zwei Stimmen zur erforderlichen Zweidrittelmehrheit.

Was wie ein normaler Vorgang in einem demokratischen System erscheint, verdeckt jedoch: Hier prallen zwei divergierende und kaum zu vereinbarende Vorstellungen von Wahrheit aufeinander. Die einen, die Konservativen, sind davon überzeugt, dass Homosexualität, wenn nicht Sünde, dann zumindest mit dem christlichen Eheverständnis nicht kompatibel ist. Die Ehe sei nur zwischen Mann und Frau möglich, weil nur aus einer solchen Beziehung auch Kinder entstehen könnten. Die anderen, die Liberalen, sehen Vertrauen, Verlässlichkeit und Treue als hinreichende Kriterien für eine Eheschließung – die Position, die sich auch in der EKD durchgesetzt hat. Allen voran hatte ihr Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm die Entscheidung des Bundestages, die Ehe auch für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen, emphatisch begrüßt. Wie könne man homosexuellen Paaren da die Segnung noch verweigern?

Lange versuchten die Entscheidungsträger in der Landeskirche das ultimative Aufeinanderprallen der Lager und Positionen zu verhindern. Die Abstimmung wurde verschleppt, bis sie sich nicht mehr verschleppen ließ. Doch zur Befriedung des Konflikts führte das nicht. Im Gegenteil: Die Positionen hatten so nur noch mehr Zeit, sich zu verhärten. Von beiden Seiten wurde die Abstimmung symbolisch überhöht, bis ein Kompromiss unmöglich schien. Am Ende siegte eine konservativen Minderheit mit ihrer Fundamentalopposition. Der Status quo bleibt bestehen. Segnungen für homosexuelle Paare wird es auch weiterhin nicht geben in Württemberg. Und auf der Empore sangen ein paar enttäusche Liberale den Bürgerrechtsklassiker "We Shall Overcome".

Natürlich kann man das Ganze als Lokalposse abtun oder wie manche sogar verächtlich auf die Schwaben herabsehen. Doch damit würde man die paradigmatische Bedeutung dieses Richtungsstreits verkennen, der keinesfalls auf Württemberg beschränkt ist. Anders als es die EKD in ihrer Emphase nach dem Bundestagsentscheid im Sommer glauben machen wollte, spricht der Protestantismus mitnichten mit einer Stimme bei dem Thema. 20 Landeskirchen fanden in den vergangenen Jahrzehnten 20 Antworten auf die entscheidenden Fragen hinter der Frage, ob man homosexuelle Paare nun segnen soll oder nicht: Wie bindet man die zunehmend auseinanderdriftenden Interpretationen des christlichen Menschenbildes zusammen? Wie lässt sich eine Brücke bauen zwischen konservativem und liberalem Ufer?

Eine Antwort, die sich aus den unterschiedlichen Herangehensweisen der Landeskirchen herauslesen lässt: mit diplomatischer Geschmeidigkeit. Denn bei genauerer Betrachtung gibt es in der Segnungsfrage durchaus politischen Spielraum, der Kompromisse je nach Situation in der jeweiligen Landeskirche möglich macht, solange der Grundkonflikt nicht verschleppt und dadurch noch größer und letztlich unlösbar wird. Ein Beispiel: Bereits vor der Bundestagsabstimmung im Sommer hatte die Landeskirche Hessen-Nassau im Jahr 2013 die Segnung Homosexueller der traditionellen Trauung gleichgestellt, es jedoch vermieden, die Segnung als Trauung zu bezeichnen – ein symbolisches Zugeständnis ans konservative Lager. Zu diesem Zugeständnis war die rheinische Synode 2016 nicht mehr bereit. Sie beschloss lange vor dem Deutschen Bundestag die vollständige Gleichstellung eingetragener Partnerschaften mit der Ehe zwischen Mann und Frau, sicherte aber gleichzeitig Pfarrern, die dies nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können, das Recht zu, den Segen aus Gewissensgründen zu verweigern. Dieses liberale Modell mit viel Verständnis für die konservative Seele wurde in der Folge von den Kirchen in der Pfalz, Baden-Baden, im Norden, in Berlin-Brandenburg und der Schlesischen Oberlausitz und von den Reformierten, die über keine eigenen Ländereien verfügen, adaptiert.

So vorbildhaft es für manche Landeskirchen war, als Erfolgsmodell für alle taugt es nicht. Dafür sind die Landeskirchen zu verschieden, dafür ist das Mischungsverhältnis zwischen konservativ und liberal, die protestantische Prägung je nach Region zu unterschiedlich. Noch immer suchen einige Landeskirchen nach ihrem je eigenen Kompromissrezept. Doch je mehr Zeit vergeht, je öfter andernorts der Konflikt beispielhaft eskaliert, desto tiefer werden die Gräben zwischen den Lagern und desto mehr wird deutlich, dass auch die bereits gefundenen Kompromisse unperfekt sind und den Konflikt nicht auf ewig befrieden. So sah sich der Landesbischof von Hannover etwa dazu gezwungen, sich für die Diskriminierung von Homosexuellen durch seine Kirche öffentlich zu entschuldigen, obwohl bereits eine Lösung gefunden war. Selbiges gilt für die Pfalz, in der bis 2020 ein Gesetzesentwurf vorliegen soll, der trotz der dort gefundenen Verständigung zwischen Liberalen und Konservativen eine vollständige Gleichstellung ermöglichen soll. Damit gerät das fragile Gefüge aus langwierig ausgehandelten Kompromissen wieder ins Rutschen.

Wer nicht will, dass die Eskalation von Württemberg Schule macht in anderen Landeskirchen, sollte sich der einmal gefundenen Lösung nicht allzu sicher sein in Zeiten wie diesen.