Denken wir uns zwei Videos: Das erste zeigt Angela Merkel, sie reitet auf einem T. rex und feuert aus einer Bazooka auf Christian Lindner. Im zweiten Video ist ebenfalls Merkel zu sehen, vor einer schlichten grauen Wand, ein Deutschlandfähnchen in der Ecke, die Aufnahme ist wacklig, sie könnte mit dem Handy gefilmt worden sein. Die Kanzlerin sagt in die Kamera: "Wir sind uns doch alle einig. Deutschland muss islamisiert werden."

Beide Videos gibt es nicht, sie sind erfunden. Sie sollen hier bloß illustrieren, wie unterschiedlich wir bewegte Bilder rezipieren. Merkel auf dem T. rex – wir wüssten, das kommt aus der Trickfilmkiste. Aber eine Merkel, die ausschaut wie immer, die selbst spricht, vor offizieller Kulisse? Was sie sagt, mag uns stutzig machen. Aber was, wenn an den Bildern keine Manipulation zu erkennen ist?

Fotos betrachten wir spätestens seit der Erfindung von Photoshop mit einiger Vorsicht. Filme dagegen galten bislang als überführend. Wenn ein Video Donald Trump dabei zeigt, wie er einen Behinderten nachäfft, oder Jogi Löw beim Nasepopeln, dann ist für den Zuschauer klar: Das ist so geschehen. In der massenmedialen Demokratie gelten Filmaufnahmen als letzte Bastion gegen den Fake. Diese Bastion aber fällt.

Denn die Technologie, mit der sich Bewegtbild und Ton manipulieren lassen, hat allein im vergangenen Jahr immense Sprünge gemacht. Es ist nun möglich, Köpfe virtuell sprechen zu lassen – ohne dass der Fake noch zu erkennen wäre. Und dank neuer Software braucht es dazu nicht einmal mehr einen Superrechner, ein einfacher Laptop genügt. Die Mimik, die Mundbewegungen von Politikern in Videos lassen sich täuschend echt, bei Bedarf auch live, verändern und steuern. Die Stimme eines Menschen kann vom Rechner inzwischen so überzeugend simuliert werden, dass sie ihm nicht länger allein gehört. In den letzten Monaten demonstrierten die Erfinder, Informatiker und Unternehmen, wie potent ihre Software ist. Dass die Technologie zum Missbrauch einlädt – und voraussichtlich missbraucht werden wird –, dürfte allen Beteiligten längst bewusst sein.

Das alles wird für die Politik einen tiefen Einschnitt bedeuten. Denn jeder Fake dürfte den Wahrheitsbegriff weiter erodieren lassen – und damit jene gemeinsame Basis, auf deren Grundlage politische Entscheidungen getroffen werden. Nehmen wir das Eingangsbeispiel von der Bundeskanzlerin und dem Islam. Angenommen, solch ein Video tauchte in den sozialen Netzwerken auf, gestreut von rechten Gruppen mit der Behauptung, es sei ein "Leak". Wie viele Likes, Shares und Kommentare würde es generieren? Wie viele Stimmen würde es die CDU kosten? Gewiss würde bald ein Dementi aus dem Kanzleramt auftauchen, das Video würde zur Fälschung erklärt. Aber wie viele der Leute, die ohnehin an den Inhalt des Films glauben wollen, würde das Dementi in ihrer Filterblase erreichen?

Mit jeder Fälschung dürfte sich die Spirale der Verunsicherung ein Stück weiter drehen. Nicht nur Videos verlieren dann an Überzeugungskraft, sondern auch Dementis. Wenn alles Fake sein kann, kommt auch die Behauptung, etwas sei fingiert, immer wohlfeiler daher. Die Folge: Die Wirklichkeit wird noch unübersichtlicher, die Politik opaker.

Schon heute säen Propagandamedien in Form von "alternativen Fakten" systematisch lähmende Zweifel, sei es beim Krieg in der Ukraine oder bei der Behauptung, der Klimawandel sei menschengemacht. Wenn nun auch das Abbild von Politikern zur Marionette von Trollen und Propagandisten verkommt, verschwindet eine zentrale Unterscheidungsmöglichkeit zwischen Information und Desinformation. Das Zeitalter, in dem Wahrheit "festgehalten" werden konnte, in der ein Video Siegel der Authentizität war, wird bald Geschichte sein. Es beginnt eine neue Ära, in der Misstrauen zu jeder Zeit und gegenüber jedem Medium nicht mehr Sache des Paranoikers ist, sondern Teil alltäglicher Medienrezeption.