ab 10 Jahren

Im Westen lauert das Böse. Wer klug ist, hält sich fern. Denn dort wohnt Weißhaupt, Piratenkapitän und Schrecken des Eismeers, das er mit seinem Schiff namens Schneerabe besegelt. Was auch immer die Piraten erbeuten, teilt die Mannschaft unter sich auf, ihr Kapitän giert nur nach einem Fang: nach Kindern, die in seiner Diamantmine schuften müssen.

Jeder in der eisigen Welt kennt diese Geschichte, auch die zehnjährige Siri, die sie ihrer kleinen Schwester Miki erzählen muss, immer wieder, weil die sich dann so genussvoll gruseln kann. Zum Glück leben die Mädchen im Osten des Eismeers, weit weg von Weißhaupts Reich. Sie führen ein einfaches Dasein auf der Insel Blautum, zusammen mit ihrem Vater hausen sie in einer Hütte, sammeln Beeren, fangen Fische. Die Mutter starb kurz nach der Geburt der jüngeren Schwester, der Vater ist zwar herzensgut, aber sehr alt. Und so lastet viel Arbeit und Verantwortung auf den Schultern der älteren Tochter. Und natürlich kommt der Tag, an dem Siri nicht gut genug auf die kleine Schwester aufpasst. Der Tag, an dem Weißhaupts Piraten Miki entführen.

Gemeinsam wollten die Mädchen Schneebeeren sammeln, allein kehrt Siri zurück zum Vater. Nie zuvor war sie so schnell gerannt. Hilfe will sie holen – und trifft auf lauter Erwachsene, die sich eiligst in ihre Hütten verziehen. Nur der alte, gebrechliche Vater will es mit Weißhaupt aufnehmen. Am Abend erklärt er Siri: "die Dinge, die man tut, hinterlassen Spuren. Die guten Dinge hinterlassen gute Spuren ... und die schlimmen Dinge hinterlassen schlimme Spuren. Wenn ich nicht versuche, Miki zu finden, dann kann ich nicht weiterleben. Die Spur in meinem Herzen würde zu sehr schmerzen." So tapfer das vom Vater ist, so klar ist, dass er die Reise nicht überleben würde. Und ohnehin ist es doch Siris Herz, das gezeichnet ist, findet sie. So schleicht sich die Zehnjährige fort, um Weißhaupt selbst gegenüberzutreten und ihre kleine Schwester zu retten.

Die schwedische Autorin Frida Nilsson erzählt eine märchenhafte Geschichte, die in einer eisigen und unwirtlichen Welt spielt. Einer Welt, in der man von der Kante kippen kann, wenn man zu weit segelt. In der es für die Menschen ungewohnt ist, über gepflasterte Straßen zu laufen, und in der sie jagen, was sie essen wollen. Einer Welt, in der Piraten in düsteren Spelunken saufen und in der sogar Meerjungfrauen umherschwimmen, wenngleich es bei Nilsson keine anmutigen Schönheiten sind, sondern walrossartige Naturgewalten mit blondem Haar, die durchs Wasser pflügen.

Nilsson ist eine Meisterin darin, Fantastisches und Realistisches miteinander zu verweben. Darin ähnelt sie einer anderen berühmten Schwedin, Astrid Lindgren, mit der Nilsson schon öfter verglichen wurde. So ehrenhaft solche Vergleiche sind, so groß sind die Fußstapfen, die Nilsson füllen müsste. Tatsächlich aber fühlt man sich auf Siris Eismeer stark an Lindgrens Nangijala-Welt aus den Brüdern Löwenherz erinnert oder an den Räuberwald der Ronja.

Ähnlich sind sich Lindgren und Nilsson auch im Ton, darin, wie sie, beide erwachsene Frauen, glaubhaft mit der Stimme eines Kindes sprechen. Siri erzählt ihre Geschichte selbst, spricht ihre Leser direkt an, wenn ihr etwas besonders bemerkenswert erscheint: "Denk nur, dass ...", oder: "War das nicht merkwürdig, dass ..." Friederike Buchingers Übersetzung ist es zu verdanken, dass dieser besondere Sound auch im Deutschen erhalten ist, man über den wunderbar lakonischen Blick der Zehnjährigen auf die Welt schmunzelt, etwa wenn sie sich wundert, dass zwei raffgierige und skrupellose Diebe bei starkem Seegang nicht einfach mal sagen: "Hui, ist das windig!"

Es ist eine große Abenteuerreise, eine Odyssee, die Siri durchstehen muss. Sie wird auf einem Schiff anheuern, vom skrupellosen Kapitän auf einer Insel ausgesetzt werden und bei einer Wolfsjägerin unterschlüpfen. Sie wird im eisigen Meer fast ertrinken und sich um ein hilfloses Wesen auf einer kleinen Insel kümmern. Sie wird im Schneesturm übers Eis wandern, halb erfrieren und von einem Jungen aufgelesen werden, der in ihr eine Schwester sieht und sie doch nur bitter enttäuschen kann. Und schließlich wird Siri ihr Ziel erreichen und dem grausamen Piratenkapitän Weißhaupt gegenüberstehen.