Dass meine Eltern ein wenig anders waren, wurde mir schon sehr früh bewusst. Wenn jemand sie ansprach und sie nicht reagierten, tippte ich sie einfach an. Meine Eltern waren beide gehörlos, im Gegensatz zu mir und meinen beiden Geschwistern. Wir können hören. Kinder wie uns nennt man Coda, vom englischen children of deaf adults.

Wir sind zweisprachig aufgewachsen, die Gebärdensprache ist unsere Muttersprache. Die Lautsprache lernte ich von Hörenden. Frühförderung in Lautsprache, wie sie heute für Coda angeboten wird, gab es in den Sechzigern nicht. Mit sieben Jahren musste ich deswegen für mehrere Wochen "auf Kur", weil ich den Unterschied zwischen Kirche und Kirsche nicht richtig aussprach.

Für mich war meine Familie ganz normal, auch wenn manche Dinge bei uns anders liefen. Anstelle einer Klingel hatten wir eine Lichtsignalanlage am Haus. Weil es damals noch kein Fernsehprogramm mit Untertiteln gab, schauten wir vor allem Filme, in denen richtig was los war. Komödien mit Bud Spencer oder die Serie Dick und Doof. Um die zu verstehen, braucht man keinen Ton.

Ute Sybille Schmitz © privat

Meine Eltern feierten gerne Partys. Ihre Freunde kamen zu uns, wir legten Musik auf und drehten ordentlich Bass rein, um zu tanzen – denn den kann man spüren.

Meine Eltern hatten einen reichen Schatz an Mimik und Gestik, konnten wunderbar erzählen. Wenn sie mal nicht mehr weiterkamen, dolmetschte ich. Das war nicht immer angenehm: Welches Kind will mit dem Arzt über die anstehende OP der Mutter sprechen? Aber ich glaube, es hat mich selbstbewusst gemacht. Und natürlich haben wir uns auch gestritten. In der Pubertät protestierte ich auf meine Weise: Wenn meine Mutter mit mir schimpfte, drehte ich mich einfach weg. Über Sex und die Pille hätte ich dagegen lieber laut mit ihr gesprochen.

Als meine Eltern starben, verlor ich lange Zeit den Kontakt zur Gehörlosengemeinde. Vor einigen Jahren gebärdete ich aus Spaß in einer Bar und kam so mit einem gehörlosen Mann ins Gespräch. In dem Moment wurde mir klar, wie sehr mir die Gebärdensprache gefehlt hatte.

Ich begann, als Familienhelferin für Gehörlose zu arbeiten, dolmetschte, wenn ich gebraucht wurde. Es fühlte sich an, wie nach Hause zu kommen. Vor zwei Jahren habe ich die Prüfung zur Gebärdensprachdolmetscherin abgelegt. Das war harte Arbeit: Meine Gebärden genügten gerade so für den Hausgebrauch, ich musste vieles neu lernen. Heute werde ich unter anderem gebucht, um politische Reden zu übersetzen. Ich wünschte, mein Vater könnte mich dabei sehen.

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Protokoll: Jessica Braun