Eine Koralle ist ein merkwürdiges Mischwesen. Der Polyp, der seine Arme ins Wasser reckt, braucht Algen in seinem Inneren, um zu überleben. Die Symbiose dieser beiden ist eines der faszinierendsten Beispiele für Zusammenarbeit in der Natur. Wenn die Wassertemperaturen jedoch steigen, wie es derzeit in fast allen Weltmeeren der Fall ist, ist schnell der Zeitpunkt erreicht, an dem es der Alge zu warm wird. Sie produziert Giftstoffe. Die Koralle verstößt dann ihren Mitbewohner, und wenn die Wassertemperatur nicht schnell wieder sinkt, verhungert sie. Weil die Korallen mit den Algen auch ihre Farben verlieren, sprechen Experten von einer Bleiche. Übrig bleibt ein weißes Kalkskelett, das Riff stirbt.

Ebendies geschieht im großen Stil am Great Barrier Reef an der Nordostküste Australiens, dem größten Korallenriff der Welt. 2016 starben dort etwa 29 Prozent der Flachwasserkorallen. Gründe dafür sind der Klimawandel und die Wasserverschmutzung, aber auch periodische Wetterphänomene wie El Niño.

In der Zeitschrift PLOS Biology ist nun eine Studie erschienen, die etwas Hoffnung macht. Die Forscher Karlo Hock und Peter Mumby von der University of Queensland und ihr Team untersuchten einen Weg, über den sich gebleichte Gebiete wieder erholen können, indem sie von einwandernden Korallenlarven besiedelt werden. Mit Modellberechnungen von Wasserströmungen identifizierten sie einige Abschnitte im Süden des Great Barrier Reef, die dafür offenbar sehr gute Bedingungen bieten.

Laut Mumby müssen diese robusten Riffe drei Voraussetzungen erfüllen: Erstens müssen sie in Gebieten liegen, in denen das Wasser ideale Bedingungen für die Fortpflanzung der Korallen bietet, wo es also generell kälter und die Gefahr einer Erwärmung gering ist. Zweitens müssen sich diese Gebiete an Meeresströmungen befinden, die an andere Riffe gut angebunden sind, damit sich die gesunden Korallenlarven leicht in sterbende Gebiete verbreiten können. Und drittens sollen die Riffe zwar eine Heimat für gesunde Korallenlarven bieten, allerdings nicht für den Dornenkronen-Seestern. Der Stachelhäuter ernährt sich nämlich von Korallen.

Bisher untersuchen Forscher vor allem, welchen Einfluss verschiedene Umweltfaktoren auf die Riffe haben. In der neuen Studie hingegen wurde das Erholungspotenzial für die Größe eines ganzen Ökosystems erforscht. "Nur drei Prozent der Riffe erfüllen unsere strikten Kriterien", sagt Meeresbiologe Mumby. "Aber sie können beinahe die Hälfte des Great Barrier Reef in nur einem Jahr mit Larven versorgen." Es sei ein bisschen so, "als ob wir das kardiovaskuläre System des Great Barrier Reef gefunden haben". Die Forscher arbeiten derzeit mit australischen Behörden zusammen, um die robusten Riffe besser zu schützen.

Andere Wissenschaftler sehen noch eine weitere Möglichkeit, das Überleben der Korallen zu sichern: Jüngst haben australische Experten Larven von gesunden in beschädigte Gebiete des Riffs transplantiert. Acht Monate später fanden sie dort junge Korallen.

Sebastian Ferse, Korallenriffökologe am Leibniz-Zentrum für Marine Tropenforschung in Bremen, sieht die Mumby-Studie nüchtern. "Die Autoren gehen davon aus, dass die Larven in den verbleichten Gebieten neue Kolonien bilden können", sagt er. "Aber das erfordert, dass die Bedingungen entsprechend gut sind." Laut Ferse ist das nicht immer der Fall. Ein weiteres Problem: Mit einer Modellrechnung robuste Riffe vorherzusagen sei generell schwierig. Zudem zeigen Studien, dass sich durch El Niño das Strömungsmuster verschieben könnte – und damit die Verteilung von Larven der südlichen Riffe.

Letztendlich reichen lokale Schutzmaßnahmen allein nicht aus. Es ist auch wichtig, die Kohlendioxid-Emissionen zu senken – sonst ist die Zukunft des Great Barrier Reef ungewiss.