Lieber Horst Mahler,

mag’s auch nichts geben (nicht einmal mich), worüber Sie gemeinsam mit Herrn Posser (SPD-Justizminister von NRW; Anm. d. Red.) lachen können, eins haben Sie doch mit ihm gemeinsam: den hoch erhobenen deutschen Zeigefinger, und dieser hoch erhobene deutsche Zeigefinger verbindet Sie auch mit Günter Grass, den Herren Filbinger, Genscher, Sternberg und wie sie alle heißen mögen; als gescholtenes Kind habe ich jedes Recht und jeden Grund, mich keineswegs "unter Milchwald", sondern unterm deutschen Zeigefingerwald zu fühlen. (Unter dem Milchwald ist ein seinerzeit erfolgreicher Film nach Dylan Thomas, der vom heiteren Leben walisischer Fischer erzählt; Anm. d. Red.) Ja, ich weiß es, ich weiß es wieder einmal ganz genau: ich lebe in Deutschland, dem Heimatland der erhobenen Zeigefinger, es riecht nach Schule, ein bisschen auch nach Kaserne, nach Tafellappen und Stubendienst. Wenn ich recht informiert bin, haben Sie einmal ein wenig Ironie gezeigt: als Sie den Kriminalbeamten gratulierten, die Sie verhafteten. War das die Höflichkeit eines Anwalts, eines Revolutionärs oder eines revolutionären Anwalts?

Wollen Sie mir glauben, dass ich tatsächlich etwas gelernt habe und dass ich nicht und nicht mehr ganz so blind bin, wie Sie vermuten. Ich bin jederzeit bereit, Belehrungen an- und hinzunehmen, auch von Ihnen; wenn Sie mich auffordern, tätig zu werden, sagen Sie mir doch bitte, wo ich tätig werden soll, wie und womit. Ja. Bitte. Und genehmigen Sie mir doch bitte einen Bruchteil jenes Minimums an Ironie, das Sie den Kriminalbeamten gegönnt haben. Ein Königreich für den Ansatz eines Lächelns! Mein Gott, steckt denn wirklich in jedem Deutschen ein Rekrutenausbilder? Können Sie mir nicht wenigstens andeutungsweise eine Analyse gönnen, wieso mir, einem harmlosen bürgerlichen Schriftsteller weit über die fünfzig, dieser Zeigefingerwald entgegengewachsen ist. Schließe ich Hellmuth Karasek und Carl Amery und einige wenige andere aus, die den fürchterlichen Bier-Ulk-Ernst, auch des deutschen PEN, erkannt haben, so sehe ich weit und breit nichts als Trockenheit. Wollen auch Sie in den Anti-Intellektuellen-Chor einstimmen, der hierzulande immer stärker wird; die unnachahmliche Süffisanz, mit der Innenminister Genscher Verdächtigungen ausspricht, ohne die Verdächtigen anzusprechen, so ganz im Vollgefühl des Einverständnisses mit den Schreihälsen von der "schweigenden" Mehrheit, macht mir Angst. Wollen wir uns wirklich, Sie hinter, ich außerhalb der Gefängnismauern, endlos darüber zu streiten beginnen, wo jene nie auffindbare Grenze verläuft, vor und hinter der Taten literarisch wirken und Worte Tätigkeit oder gar Tätlichkeit werden? Wollen Sie – in diesem Punkt einverstanden mit der bürgerlichen Presse – Gewalt und Tat rein physikalisch definieren, Sie, der Sie doch die Gewalt der Springer-Presse so genau kennen? Ich verstehe nicht die Logik, die die blutige Gewalt der so ganz und gar unblutigen Springer-Presse erkannt hat, die aber mögliche Gegenkräfte der "sanften Gewalt" der Literatur abstreitet. Was regt die Leute an diesem kleinbürgerlichen, der Sentimentalität verdächtigen, irregeleiteten Autor derart auf? Was macht ihn "gefährlicher" als sämtliche BM-Anhänger (gemeint sind Anhänger von Baader und Meinhof; Anm. d. Red.), obwohl doch auch diese – jedenfalls Sie – den Zeigefinger gegen ihn schwenken?

Ich habe den Spiegel-Artikel über die segensreiche Tätigkeit des ehemaligen Marinestabrichters Dr. Hans Filbinger erst nach der Wahl in Baden-Württemberg gelesen, und seitdem verfolgt mich ein zweistöckiger Albtraum: dass dieser Artikel, der Filbinger Stimmen kosten sollte, ihm Stimmen eingebracht hat, und die Vorstellung, ich wäre als Wehrmachtsangehöriger irgendwann in die gerechten Hände des Herrn Filbinger gefallen; wär’s zwischen Mai 44 und Mai 45 gewesen und ich aller bis dato anstehenden Taten überführt, dann mögen die Götter wissen, ob und wie vielfach er mir die Todesstrafe oder ob er mir lediglich zehn, zwanzig Jahre oder lebenslänglich Zuchthaus aufgebrummt hätte – und wenn sie nicht gestorben wären, dann säße ich wohl heute noch. (Böll hatte – erfolglos – Urkunden gefälscht, um dem Kriegsdienst zu entgehen; Anm. d. Red.) Säße ich mit Ihnen? Oder mit Günter Grass, Gaus, Thilo Koch, Helmut Schmidt, Rainer Barzel?

Ich war 1944 siebenundzwanzig Jahre alt, wusste, was ich riskierte; ich war so alt wie, sogar ein wenig älter als Manfred Grashof (RAF-Mitglied, erschoss bei seiner Verhaftung einen Polizisten; Anm. d. Red.), den ich doch wohl als Ihren Freund bezeichnen darf. Ich nehme auch heute noch nicht Ihren Vorwurf an, ich hätte je das Klischee vom "gewaltbesessenen" gemütsarmen Pistolero nötig gehabt, um mich von etwas zu distanzieren, mit dem ich mich nie identifiziert habe, nicht mit einer einzigen Zeile von annähernd 200.000, die ich bisher publiziert habe. Warum hat Grashof dieses fürchterliche Klischee wahr gemacht? Ich hab’s nicht glauben wollen, als ich ausgerechnet in Moskau von der Frau eines deutschen Journalisten erfuhr, er habe bei seiner Verhaftung einen Polizeibeamten erschossen. Sinnloser Mord, in einer ausweglosen Situation irgendeinen Polizeibeamten zu erschießen, der eben nicht irgendeiner war, sondern Hans Eckhardt hieß. Wird das "für die Arbeiter" getan? Können Sie sich davon freisprechen, dass Ihr Ausruf "Wir werden siegen" und dass die Parole vom bewaffneten Volkskrieg etwas fürchterlich Literarisches hat? Eine blutige Art Literatur, deren Umsteigen in die Tat nichts, nichts Glaubwürdiges hat.

Wenn Sie mir also nahelegen, tätig zu werden, sagen Sie mir, wo? Mein schlechtes Gewissen, lieber Herr Mahler, liegt anderswo begraben. Was für den Arbeiter die Verfremdung ist, ist für den Autor die Fremdheit. Ja, nicht die Weltfremdheit, die man ihm so gern unterstellt. Die Welt ist ihm fremd, weil er sie kennt. Fremd und kalt. Manchmal spürt man natürlich eine Hand, Atem, eine Zärtlichkeit, schmeckt Brot, Bier, Wein, einen Kuss, eine Umarmung und – ja, eine Blume, eine Wolke, eine Stimme und so weiter.