Schlechte Nachrichten: Die Leseleistungen der deutschen Grundschüler haben sich seit 2001 nicht verbessert, seit 2006 sogar verschlechtert. Das zeigt die neue Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu). Viertklässler aus 57 Staaten und Regionen mussten dabei zeigen, wie gut sie Sach- und Erzähltexte verstehen. Im Vergleich der OECD-Staaten liegen die deutschen Grundschüler damit 2016 wie 2001 im Durchschnitt. Aber: 2001 waren nur vier Länder besser als Deutschland, nun sind es 20. Außerdem hat sich nichts an dem geändert, was schon 2001 beklagt wurde:

• Der große Abstand zwischen den besten und den schwächsten Lesern ist sogar noch gewachsen, weil die Besten besser und die Schwächsten schwächer geworden sind.

• 18,9 Prozent der deutschen Viertklässler verfehlen 2016 das Mindestniveau beim Lesen; 2001 waren es 16,9 Prozent. Nur minimal ist der Anteil sehr guter Leser gestiegen, von neun auf elf Prozent.

• Die Abhängigkeit der Leseleistungen vom Sozialstatus der Familie hat seit 2001 sogar noch zugenommen. Deutschland gehört zur Gruppe der besonders ungerechten Länder. Kinder aus Familien mit mehr als 100 Büchern sind jenen aus Familien mit weniger als 100 Büchern um mehr als ein Lernjahr voraus. Ähnlich groß ist der Abstand zwischen Kindern mit und ohne Migrationshintergrund.

• Die Gymnasialempfehlung ist 2016 noch stärker als 2001 von der sozialen Herkunft abhängig. Das Kind eines Professors hat – bei gleicher Leseleistung und gleicher Intelligenz – eine 3,4-mal so große Chance auf eine Gymnasialempfehlung als ein Arbeiterkind; 2001 betrug der Faktor 2,6.

"Das sollte für die Politik ein Weckruf sein", sagt Wilfried Bos, langjähriger Chef des Instituts für Schulentwicklungsforschung in Dortmund. Er ist auf deutscher Seite von Beginn an für die Iglu-Studie verantwortlich. "All diese Probleme wollten die Kultusminister nach der ersten Iglu-Studie angehen. Wenn wir jetzt so eine Bilanz ziehen müssen, dann ist da offensichtlich etwas schiefgelaufen."

Wer auch immer die Regierung stellt – hier ist ein lohnenswertes Projekt

Einen Teil der Erklärung liefert die wachsende Vielfalt an den Schulen. Der Anteil der Kinder mit ausländischen Wurzeln ist von 22 auf 32 Prozent gestiegen. Kinder mit besonderem Förderbedarf machen inzwischen 6,5 Prozent der Schülerschaft aus. Aber das reiche als Ursache nicht, sagt Wilfried Bos. Auch wenn man die Zusammensetzung der Schülerschaft von 2001 zugrunde lege, wäre der Gesamttrend nicht positiver.

Damit geraten nun die Grundschulen in den Fokus, die nach der ersten Pisa-Studie noch als Hoffnungsträger galten. Das vergleichsweise gute Abschneiden der deutschen Grundschüler war damals ein Labsal nach dem vernichtenden Urteil über die Leistungen der 15-Jährigen ("Pisa-Schock").

Mit dieser Hoffnung ist es nun vorbei, denn die Grundschulen sind auch ein Frühwarnsystem für Erfolg oder Misserfolg der Schule insgesamt.

Dabei weiß man, wie das Lesen gefördert werden kann: durch gezielte Programme. Hamburg und Schleswig-Holstein etwa haben sich dadurch im Vergleich der Bundesländer gut geschlagen. Weil knapp ein Fünftel der Viertklässler nicht richtig lesen kann, muss die Leseförderung in den weiterführenden Schulen fortgesetzt werden.

Außerdem sind sich alle Forscher einig, dass die Grundlagen für gutes Lesen und für sozial gerechtere Bildung schon vor der Schule gelegt werden. Kinder aus benachteiligten Familien müssen von Geburt an, zum Beispiel durch Hebammen und Sozialarbeiter und später in Krippen, gefördert werden.

Es gibt also ein gewichtiges gesellschaftliches Problem, und es gibt das Handwerkszeug, um es zu lösen. Was gibt es Schöneres für einen Politiker mit Gestaltungswillen als so eine Chance?

Egal, wer die nächste Bundesregierung stellt, hier ist ein lohnenswertes Projekt: eine nationale Initiative zur massiven Förderung der frühkindlichen Bildung und zur Leseförderung sowie für hochwertige Lernangebote statt bloßer Betreuung an Ganztagsschulen. Jeden hier investierten Cent spart der Staat später bei Sozialhilfe, Polizei und Gefängnissen wieder ein.