Diese zwei überlassen nichts dem Zufall. Kommen eine halbe Stunde zu früh zum Termin ins Café, damit sie das Kind stillen kann, das im Kinderwagen liegt. Dieses aber schläft friedlich. Fast zwei Stunden lang. Fast ebenso so lange umfasst seine rechte Hand den Griff des Wagens, schaukelt ihn vor und zurück. Dazu erzählt er, wie überfordert er gewesen sei, als sich vor fünf Jahren das erste Kind angekündigt habe. "Ich hatte Angst, ich war verunsichert, hatte den Anspruch, der beste Vater zu sein. Gut genug, das war mir zu wenig." Er erzählt vom unbekannte Beschützerinstinkt, der ihn erfasst habe und mit seiner Vorstellung eines modernen, sanftmütigen Mannes kollidiert sei.

Was also tut Dominik Locher? Er geht, zum ersten Mal im Leben, ins Fitnessstudio. Und findet da den Stoff für seinen zweiten abendfüllenden Film: Goliath.

Im Sommer feierte er am Festival in Locarno Weltpremiere, nun ist er in den Schweizer Kinos angelaufen.

Der 35-jährige Locher trägt einen dunkelblauen Anzug, darunter ein weißes Hemd. Bevor er zum Film kam, hat er als People-Journalist, Schmalzroman-Autor, Zimmervermieter, Deutschlehrer und Pornokinokassier gearbeitet. In Goliath erzählt er das neunmonatige Drama von David, der sich, als seine Freundin unverhofft schwanger wird, vom unscheinbaren Angestellten eines Atomkraftwerkes zu einem anabolikafressenden Mucki-Monster wandelt, das exzessiv Gewichte stemmt und seine Aggressionen, je länger, desto weniger im Griff hat – und ausflippt, aus dem Nichts. Zum Beispiel im Discounter, wenn die Kassenfrau ihm sagt, dass die 18 Pack Windeln, die er im Einkaufswagen aufgetürmt hat, nicht mehr zum Aktionspreis zu haben sind.

Arbeit und Leben, das ist beim Ehepaar Locher-Brühlmann dasselbe

Diese Kassenfrau sitzt nun zu Lochers Linken, vor sich eine große Flasche Mineralwasser. Lisa Brühlmann, 36 Jahre alt, ist Schauspielerin – und vor allem Regisseurin. Wobei: Lange hatte sie Skrupel, sich Regisseurin zu nennen, auch wenn sie schon seit Jahren eigene Kurzfilme dreht, ihr Geld aber verdiente sie als Schauspielerin. "Das ist wohl typisch Schweiz: Man fühlt sich als Hochstaplerin, wenn man sich Regisseurin nennt. Ich musste mir erst beweisen, dass ich einen Langspielfilm machen kann."

Sie hat nicht nur sich, sondern auch die Filmwelt überzeugt. Brühlmann war mit Blue My Mind der große Star am diesjährigen Zurich Film Festival (ZFF), gewann den Preis der Hauptjury, jenen der Filmkritiker und auch den erstmals vergebenen Preis der Zürcher Kirchen für ihr bewegendes Teenie-Drama.

Nun sitzt sie im weichen Sofa des Café Mandarin in Zürich, die Verkäuferinnen-Locken aus Goliath sind ausgekämmt, das Lippen-Piercing ist weg, Brühlmann trägt einen Schlabberpulli und das Haar zerzaust. Sie ist die Mutter des schlafenden Kindes nebenan und mit Dominik Locher verheiratet. Zusammen sind sie das neue Power-Couple des Schweizer Films.

Für Goliath und Blue my Mind arbeiteten die beiden mit demselben Kameramann, und auch für die Maske, die Ausstattung und das Licht zählten sie auf dieselbe Crew.

Sie schreibt ihre Drehbücher in Mundart, er auf Hochdeutsch. "Das ginge gar nicht anders, ich habe einen Bastard-Dialekt", sagt Locher. Er durchlebte seine Kindheit im Aargau, im Berner Oberland, im Wallis und in Zürich. Das färbt ab auf den Zungenschlag.

Lisa Brühlmann ist in Zürich aufgewachsen. Beim Kindertheater Metzenthin hat sie, die Tochter einer alleinerziehenden Mutter, schon als Vierjährige die Bühne für sich entdeckt, hat aber danach auf Anraten ihrer Familie und Lehrer erst "einen richtigen Beruf" gelernt und das KV gemacht. Später hat sie in Berlin an der Schauspielschule Charlottenburg studiert und wurde dem Schweizer Fernsehpublikum ein erstes Mal bekannt: als Arztgehilfin Connie in der Serie Tag und Nacht.

Arbeit und Leben, das ist beim Ehepaar Locher-Brühlmann dasselbe. Daheim in der Küche ihrer Wohnung in einer Familiensiedlung in Zürich Oberstrass wälzen sie ihre Projekte. "Wir identifizieren uns sehr mit dem, was der andere tut", sagt Brühlmann. Man rede viel miteinander, höre dem anderen zu, hinterfrage sich gegenseitig. "Das geht inzwischen ganz gut, weil wir uns angewöhnt haben, erst etwas Positives zu sagen, bevor wir kritisieren."