DIE ZEIT: Frau Dreyer, ist die SPD zu langweilig?

Malu Dreyer: Nein, ganz und gar nicht! Das zeigen schon die vielen Neueintritte.

ZEIT: Also irrt Andrea Nahles, wenn sie sagt, dass sich die Geister nicht mehr an der SPD scheiden, sondern sich angeödet abwenden?

Dreyer: Es stimmt, dass wir während des Wahlkampfs nicht klar genug erkennbar waren. Es ist immer ein Problem, wenn Volksparteien zu lange in der großen Koalition sind, weil dann die Konturen verschwimmen und die programmatischen Unterschiede nicht mehr erkennbar sind. Wir haben unsere Themen gesetzt, auch sehr erfolgreich: Mindestlohn, Rente ab 63 und vieles mehr. Und trotzdem haben die Menschen nicht klar genug unterscheiden können. Das ging so weit, dass namhafte CDU-Politiker im Wahlkampf behauptet haben, sie hätten den Mindestlohn durchgesetzt.

ZEIT: Deshalb sind Sie so skeptisch gegenüber einer Fortsetzung der großen Koalition?

Dreyer: Wir hatten gute Gründe, uns nach der Wahl dagegen zu entscheiden. Dazu gehörte nicht nur die Unterscheidbarkeit der Volksparteien, sondern auch, dass es wichtig ist, dass es außer der AfD eine klare Opposition im Bundestag gibt. Deshalb war ich von Anfang an dafür, dass wir auch über andere Wege nachdenken, wie eine Minderheitsregierung.

ZEIT: Warum konnten Sie Ihre Erfolge nicht in Zustimmung umsetzen?

Dreyer: Eine Erkenntnis aus der Wahlanalyse ist, dass wir viele Bevölkerungsgruppen gar nicht erreicht haben, zum Beispiel auch viele Frauen, obwohl wir Themen angepackt haben, die vor allem Frauen betreffen. Zum Beispiel das Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit. Das hatten wir bereits im Koalitionsvertrag 2013 verabredet; doch die CDU hat dann die Vereinbarung gebrochen. Ich bin überzeugt, wir hatten sehr gute Themen und überzeugendes Personal.

ZEIT: So überzeugend war es dann offenbar doch nicht. Hat die SPD ein Männerproblem?

Dreyer: Wir hatten viele Frauen, viel mehr als die CDU. Mit Manuela Schwesig, Katarina Barley und Andrea Nahles hatten wir starke Protagonistinnen, die klare Angebote gemacht haben.

ZEIT: Aber wenn’s um die Macht geht, heißt es: Schulz oder Scholz, Münte oder Beck, Lafontaine oder Schröder. Da geben immer wieder und immer noch die Männer den Ton an.

Dreyer: Ich finde, stellvertretende Parteivorsitzende oder Ministerin sind Machtpositionen.

ZEIT: Trotzdem haben die Wähler und Wählerinnen das nicht wahrgenommen.

Dreyer: Deshalb müssen wir uns erneuern und haben ja auch bereits Schritte gemacht: Mit Andrea Nahles steht erstmals eine Frau an der Spitze der SPD-Fraktion. Welche Regierungskonstellation auch kommt, die große Überschrift lautet: Bloß nicht weiter so.

ZEIT: Sie haben selbst gesagt, wie prägend die SPD in der letzten großen Koalition war. Was bedeutet dann: Nicht weiter so? Dass die Wähler die SPD am Ende belohnen, können Sie ja nicht verordnen.

Dreyer: Es geht um sehr grundsätzliche Themen, die gestaltet werden müssen. Zum Beispiel die Digitalisierung, die alle Lebensbereiche grundlegend verändert. Die SPD hat sich gegründet in der Zeit der Industrialisierung, als es auch technologische Entwicklungen gab, von denen die Arbeiter nicht profitiert haben. Damals wurden wir zur Interessenvertretung dieser Arbeiter. Heute stehen wir wieder vor einem ganz großen Wandel. Und die Aufgabe der SPD muss sein, die Partei für die Arbeitnehmer am Band zu bleiben, aber auch die der Cloud zu werden. Da erweist sich das Traditionsbewusstsein der SPD zuweilen als Last: Es lässt uns zu oft nach hinten schauen. Das zweite wichtige Thema ist Europa. Wissen Sie, was für eine Europapolitik Angela Merkel eigentlich genau will?

ZEIT: Das wissen wir bei Martin Schulz auch nicht so genau. Ist die Wahrheit nicht, dass Sie Europa im Wahlkampf auch deshalb nicht zum großen Thema gemacht haben, weil Sie geahnt haben, dass Ihre Wähler mehr Solidarität mit Ländern wie Griechenland nicht so toll fänden?

Dreyer: Das stimmt nicht. Wenn es eine Person gibt, die für Europa steht, ist das Martin Schulz.

ZEIT: Aber auch er weiß, dass die Zeit nationalstaatlichen Handelns vorbei ist. Gerade Ihre Wähler erwarten aber Schutz von dem Staat, den sie kennen, dem Nationalstaat.

Dreyer: Die Bürger wissen aber auch, dass man Schutz in vielen Feldern, zum Beispiel bei der Bekämpfung von Terror, der Durchsetzung von Arbeitnehmerrechten oder dem Kampf gegen Steueroasen, nur international organisieren kann. Es gibt viele Bereiche, in denen wir mehr Europa brauchen. Die SPD hat da nichts zu befürchten. Wir waren immer für europäische Solidarität und Zusammenarbeit, und gleichzeitig hat natürlich jeder Bürger Anspruch auf Schutz.