Dass die Ära Seehofer zu Ende geht, kommt nicht überraschend. Überraschend ist eher, dass der CSU-Vorsitzende den Übergang zur Ära Söder noch mitgestalten darf. Nach dem Absturz bei der Bundestagswahl, der die dramatische Lage der CSU offengelegt hat, war Horst Seehofers Karriere faktisch beendet. Nun bleibt er für eine Weile noch Vorsitzender einer Partei, die ihre hegemoniale Stellung verloren hat.

Als die CSU 2013 in Bayern die absolute Mehrheit zurückgeholt hatte, durfte sie sich noch einmal in ihrer Unangreifbarkeit sonnen. Das ist mit dem Aufstieg des Rechtspopulismus endgültig vorbei. Dazu kommen die Freien Wähler, die an der Basis der CSU wildern, die Grünen, die ihr die Themen Heimat und Umwelt streitig machen, und eine FDP, die in der Flüchtlingspolitik oder bei den Interessen der Dieselfahrer mindestens so volksnah auftritt wie die CSU. Selbst der künftige Ministerpräsident wird an dieser neuen Konkurrenzlage wenig ändern.

Hartnäckig und rücksichtslos hat sich Markus Söder an die Spitze gearbeitet. Wie sonst keiner mehr verkörpert er den Typus des bayerischen Brachialpolitikers. Doch der 50-Jährige kommt erst in einem Moment ans Ziel, da sein polarisierender Politikstil schon wie aus der Zeit gefallen wirkt. Ausgerechnet Söder wird nun den Sturz der CSU aus den Höhen ihrer Selbstherrlichkeit moderieren und das Ende ihrer Alleinherrschaft organisieren müssen. Das ist nicht gerade die Rolle, die auf ihn zugeschnitten scheint. Man kann es auch positiv formulieren: Markus Söder wird alle überraschen müssen, wenn er seine Partei aus der Krise führen will.

Der neue Hoffnungsträger der CSU ist zu umstritten, als dass man ihm die ganze Macht anvertrauen wollte – aber zu stark, um ihn von ihr fernzuhalten. So kommt es jetzt zu der kuriosen Machtteilung zwischen den verfeindeten Parteifreunden. Söder wird Ministerpräsident, Seehofer bleibt vorerst Parteichef. Bis zum Schluss hatte Seehofer versucht, Söder zu verhindern. Am Tag der Entscheidung lobte er dann in mildem Verantwortungspathos die Doppelspitze "zum Wohl von Land und Partei". Es sind solche verlogenen Aufführungen, die den öffentlichen Groll gegen das politische Geschäft verschärfen.

Wenn Seehofer nun so tut, als sei nichts gewesen, erinnert das daran, wie er zu Beginn des Jahres plötzlich das Trommelfeuer auf Angela Merkel und ihre Flüchtlingspolitik einstellte und auf Scheinharmonie zum Zwecke des Wahlkampfs umschaltete. Immerhin, solche unverschämten Volten dürften zu dem vernichtenden Wahlergebnis beigetragen haben, das nun Seehofers politisches Ende einleitet.

Aus den "50 Prozent plus X", die früher als Messlatte für die CSU galten, sind inzwischen "40 minus X" geworden. Das Geschäftsmodell der Partei funktioniert nicht mehr. Selbst eine durchweg erfolgreiche Politik in Bayern garantiert der CSU keine ungebrochene Zustimmung. Dass sie trotz passabler Regierungsbilanz gegen Verunsicherung und Unzufriedenheit in Teilen der Bevölkerung nicht länger ankommt, ist die ernüchternde Erfahrung im prosperierenden Freistaat.

Ausgerechnet die CSU findet nun kein Mittel gegen den Rechtspopulismus, unter dem sie wie keine andere Partei leidet. Denn die neue Rechte zerstört nicht nur die Mehrheitsfähigkeit der Christsozialen, sie untergräbt zugleich ihre bundesweite Legitimation. Innerhalb der Union war die CSU seit je dafür zuständig, die rechte Flanke abzudecken und zu verhindern, dass sich dort unliebsame Konkurrenz ansiedeln kann. Doch diese Macht hat die CSU verloren. AfD und Freie Wähler kommen in Bayern inzwischen in Umfragen zusammen auf 20 Prozent.